Alp­traum in der Haupt­stadt

Für die Er­mitt­ler wird die Su­che nach dem At­ten­tä­ter in Ber­lin zu ei­nem ver­wor­re­nen Knäu­el aus Spe­ku­la­tio­nen

Pforzheimer Kurier - - TERRORANSCHLAG IN BERLIN - Von un­se­rem Kor­re­spon­den­ten Ru­di Wais

Für ei­nen Mo­ment sieht es so aus, als wä­re Na­vid B. der Mann, den An­ge­la Mer­kel im­mer ge­fürch­tet hat. Ge­kom­men über die Bal­kan­rou­te, auf­ge­fal­len durch Dieb­stäh­le und ein paar an­de­re klei­ne­re De­lik­te, wie­der vom Ra­dar der Be­hör­den ver­schwun­den – und dann plötz­lich zum At­ten­tä­ter ge­wor­den, ver­ant­wort­lich für den Tod von zwölf Men­schen. Ein Flücht­ling! Dass es ein An­schlag war, der Ber­lin am Mon­tag­abend in ei­ne Rei­he mit leid­ge­prüf­ten Städ­ten wie Pa­ris, Brüssel, Ma­drid oder Lon­don ge­stellt hat – dar­an ha­ben Po­li­zei und Staats­an­walt­schaft am Tag da­nach kei­nen Zwei­fel mehr. Aber ist der be­reits fest­ge­nom­me­ne Na­vid B. tat­säch­lich der Mör­der, der mit ei­nem schwe­ren Sat­tel­schlep­per in den Weih­nachts­markt an der Ge­dächt­nis­kir­che ge­rast ist?

Der 23-jäh­ri­ge Pa­kis­ta­ni, der an Sil­ves­ter ver­gan­ge­nen Jah­res aus Ös­ter­reich nach Deutsch­land ge­kom­men ist und seit Fe­bru­ar in Ber­lin lebt, strei­tet die Tat ab – und mit der Zeit kom­men auch den Er­mitt­lern ers­te Zwei­fel, ob ei­ne Funk­strei­fe ei­ne knap­pe St­un­de nach dem An­schlag in der Nä­he der Sie­ges­säu­le tat­säch­lich den To­des­fah­rer ver­haf­tet hat. „Wir ha­ben den Fal­schen“zi­tiert das On­li­ne-Por­tal der Ta­ges­zei­tung „Die Welt“am Nach­mit­tag ei­nen Be­am­ten, was im Um­kehr­schluss nur be­deu­ten kann, dass der wah­re At­ten­tä­ter noch auf der Flucht ist. Ge­ne­ral­bun­des­an­walt Pe­ter Frank be­stä­tigt kurz dar­auf: Die Er­mitt­ler müss­ten sich „mit dem Ge­dan­ken ver­traut ma­chen, dass der Fest­ge­nom­me­ne even­tu­ell nicht der Tä­ter war oder zur Tä­ter­grup­pe ge­hör­te“. Am Abend kommt dann die Mit­tei­lung der Bun­des­an­walt­schaft, dass der Mann auf frei­en Fuß ge­setzt wor­den ist. Die bis­he­ri­gen Er­mitt­lun­gen hät­ten kei­nen drin­gen­den Tat­ver­dacht er­ge­ben.

Am Nach­mit­tag twit­tert die Ber­li­ner Po­li­zei: „Wir sind be­son­ders wach­sam. Sei­en Sie es bit­te auch.“So vie­le Zeu­gen das At­ten­tat im Her­zen der West-Ber­li­ner Ci­ty be­ob­ach­tet ha­ben, so wi­der­sprüch­lich sind ih­re Aus­sa­gen. Ei­nes ist je­doch of­fen­bar ge­klärt, denn in­zwi­schen hat sich die Ter­ror­mi­liz Is­la­mi­scher Staat (IS) zu dem An­griff auf den Weih­nachts­markt in Ber­lin be­kannt. Das IS-Sprach­rohr Amak mel­de­te ges­tern Abend im In­ter­net, ein IS-Kämp­fer sei für den An­griff ver­ant­wort­lich ge­we­sen. Ge­ne­ral­bun­des­an­walt Frank hat­te be­reits zu­vor ei­nen ter­ro­ris­ti­schen Hin­ter­grund hin­ter den Er­eig­nis­sen ver­mu­tet – nach dem Vor­bild der Amok­fahrt von Niz­za. In der Spra­che des Ju­ris­ten Frank hat auch das Ber­li­ner At­ten­tat ge­nau die­sen „spe­zi­fisch staats­ge­fähr­den­den“Cha­rak­ter, und das auch noch mit ei­nem aus­ge­spro­chen sym­bo­li­schen Ziel: Dem Are­al zu Fü­ßen der Ge­dächt­nis­kir­che, die im Zwei­ten Welt­krieg zer­stört wur­de und seit­dem wie ein Mahn­mal ge­gen das Ver­ges­sen dort steht. Er je­den­falls, ge­steht Frank, auf sei­ne ganz per­sön­li­che Be­find­lich­keit an­ge­spro­chen, wür­de heu­te nicht un­be­dingt ei­nen Weih­nachts­markt be­su­chen. Auch bei ihm sitzt der Schock tief.

Über dem sonst so ge­schäf­ti­gen Breit­scheid­platz liegt am Mor­gen da­nach ei­ne un­wirk­li­che Stil­le. Es ist kurz nach sie­ben Uhr, als ein Ab­schlepp­dienst mit der Ber­gung des pol­ni­schen Last­wa­gens be­ginnt, der zur töd­li­chen Waf­fe wur­de. Die Po­li­zei hat das Ge­län­de mit ei­nem Bau­zaun und blick­dich­ten wei­ßen Pla­nen groß­räu­mig ab­ge­rie­gelt, der Ein­gang zur U-Bahn schräg ge­gen­über ist ge­schlos­sen, ne­ben der Trep­pe hat je­mand Ker­zen und zwei Blu­men­sträu­ße nie­der­ge­legt – ein stum­mes Zei­chen der An­teil­nah­me.

Ein Mit­ar­bei­ter, der an sei­nen Ar­beits­platz im Ein­kaufs­zen­trum auf der an­de­ren Stra­ßen­sei­te eilt, wird von ei­nem Be­am­ten freund­lich, aber be­stimmt zu­rück­ge­wie­sen: „Das ist ein Tat­ort.“Auf der Bei­fah­rer­sei­te des dun­kel­grau­en Las­ters vom Typ Sca­nia hängt ein Stück Tan­nen­schmuck, mit­ge­ris­sen of­fen­bar in dem Mo­ment, als der Sat­tel­schlep­per in den schma­len Zaun kracht, der den bei Ein­hei­mi­schen wie Tou­ris­ten be­lieb­ten Weih­nachts­markt von der stark be­fah­re­nen Bu­da­pes­ter Stra­ße trennt. Wie ge­nau der At­ten­tä­ter das schwe­re Fahr­zeug un­ter sei­ne Kon­trol­le ge­bracht hat, ist noch un­klar, erst all­mäh­lich ver­dich­ten sich die In­di­zi­en zu ei­nem ge­spens­ti­schen Bild. Da­nach hat der Un­be­kann­te den pol­ni­schen Kraft­fah­rer mög­li­cher­wei­se er­schos­sen. Spä­ter wird In­nen­mi­nis­ter Tho­mas de Mai­ziè­re be­rich­ten, der Mann auf dem Bei­fah­rer­sitz sei Po­le und ha­be ei­ne Schuss­wun­de ge­habt. Ob er schon tot ist, als der At­ten­tä­ter sei­ne Amok­fahrt star­tet oder erst auf dem Breit­scheid­platz stirbt? Nichts ist wirk­lich si­cher an die­sem tur­bu­len­ten Tag, nichts aus­ge­schlos­sen.

Ei­ni­ge Pas­san­ten wol­len in der Hek­tik des Abends ei­nen Schuss ge­hört ha­ben. Und auch über die üb­ri­gen Op­fer ist zu­nächst nicht viel be­kannt. Bis­her sei­en erst we­ni­ge iden­ti­fi­ziert, sagt de Mai­ziè­re ent­schul­di­gend und zieht ei­ne er­schüt­tern­de Bi­lanz: Zwölf To­te, den Mann aus Po­len ein­ge­schlos­sen, 48 Ver­letz­te, da­von 18 schwer. Und ja, die Pis­to­le, mit der auf die­sen Mann ge­schos­sen wur­de – die hat auch noch nie­mand ge­fun­den. Dem Ver­neh­men nach soll un­ter an­de­rem ei­ne is­rae­li­sche Tou­ris­tin un­ter den To­ten sein, si­cher iden­ti­fi­ziert aber sind ges­tern Abend erst sechs Op­fer – al­le­samt Deut­sche.

So wird aus ei­nem Fall, der nach der Fest­nah­me von Na­vid D. schon wie ge­löst aus­sah, im Lauf ei­nes Ta­ges ein im­mer ver­wor­re­ne­res Knäu­el aus In­for­ma­tio­nen, Ge­rüch­ten und Spe­ku­la­tio­nen. Ei­ne groß an­ge­leg­te Po­li­zei­ak­ti­on im Mor­gen­grau­en, als 200 Be­am­te ei­ne Flücht­lings­un­ter­kunft in ei­nem Han­gar des frü­he­ren Flug­ha­fens Tem­pel­hof stür­men, alar­miert zwar die Haupt­stadt­pres­se, bringt aber mit Aus­nah­me ei­nes be­schlag­nahm­ten Mo­bil­te­le­fo­nes

„Wir ha­ben den Fal­schen“ Durch­su­chung in Flücht­lings­heim Die Men­schen sit­zen schwei­gend in der U-Bahn

we­nig Greif­ba­res. Dem Ver­neh­men nach ist Na­vid B. dort un­ter­ge­bracht. Aber nun deu­tet al­les dar­auf hin, dass er gar nicht der At­ten­tä­ter ist.

Ber­lin – das ist we­ni­ge Ta­ge vor Weih­nach­ten ei­ne Stadt un­ter Schock, ent­setzt und ge­lähmt zu­gleich. „Wir sind fas­sungs­los“, sagt der Re­gie­ren­de Bür­ger­meis­ter Michael Mül­ler. Am Abend wird das Bran­den­bur­ger Tor, das bei ähn­li­chen Er­eig­nis­sen aus So­li­da­ri­tät mit den Op­fern schon in den Far­ben Frank­reichs oder der Tür­kei an­ge­strahlt wur­de, in de­nen der deut­schen Flag­ge leuch­ten: Schwarz, Rot, Gold. Vor den üb­ri­gen Weih­nachts­märk­ten der Stadt lässt In­nen­se­na­tor Andre­as Gei­sel in den kom­men­den Ta­gen Be­am­te mit Schutz­wes­ten und Ma­schi­nen­pis­to­len auf­mar­schie­ren und Bar­rie­ren aus Be­ton auf­bau­en, um ei­nen neu­er­li­chen An­schlag nach dem glei­chen Mo­dus Ope­ran­di zu ver­hin­dern. Auch das Spiel von Her­tha BSC ge­gen Darm­stadt 98 heu­te Abend wird ge­si­chert wie ein Hoch­ri­si­ko­spiel, ver­gleich­bar nur mit den Maß­nah­men nach dem An­schlag vor dem Sta­de de Fran­ce in Pa­ris im No­vem­ber ver­gan­ge­nen Jah­res.

„Ro­bus­te Prä­senz“nen­nen die Ein­satz­lei­ter der Po­li­zei das. Der Tag, an dem der Ter­ror Deutsch­land so hart ge­trof­fen hat, hat nicht nur am Breit­scheid­platz ei­ne Spur der Ver­wüs­tung hin­ter­las­sen, er raubt der Stadt auch ih­re Un­be­schwert­heit. Schwei­gend sit­zen die Men­schen am Mor­gen in den U- und S-Bah­nen, die Stra­ßen rings um den Tat­ort sind ge­sperrt und ge­spens­tisch leer, wäh­rend im­mer mehr Men­schen zu Fuß auf den Breit­scheid­platz kom­men, um ihr Mit­ge­fühl mit den Op­fern zu zei­gen. Auch auf dem ein­zi­gen Weih­nachts­markt, der ges­tern in Ber­lin ge­öff­net hat, blei­ben et­li­che Bu­den ge­schlos­sen. Da­für lau­fen Po­li­zis­ten über den Platz und an den Ein­gän­gen wer­den die Ta­schen der we­ni­gen Be­su­cher, die hier im Vier­tel Prenz­lau­er Berg noch in Ad­vents­stim­mung sind, kon­trol­liert. Am Nach­mit­tag lässt An­ge­la Mer­kel sich zur Ge­dächt­nis­kir­che fah­ren und legt mit Au­ßen­mi­nis­ter Fran­kWal­ter St­ein­mei­er, de Mai­ziè­re und Mül­ler Blu­men nie­der, ehe sie sich in ein Kon­do­lenz­buch ein­schreibt. Auf ei­nem der Schil­der zwi­schen den Ker­zen steht nur ein Wort: „War­um.“

Foto: dpa

SCHNEI­SE DER VER­WÜS­TUNG: Der Last­wa­gen ras­te in den be­leb­ten Weih­nachts­markt an der Ge­dächt­nis­kir­che auf dem Breit­scheid­platz, pflüg­te durch die Gas­se zwi­schen den Holz­bu­den, durch­brach ei­ne Bar­rie­re und kam letzt­lich auf der Stra­ße wie­der zum Ste­hen.

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