Per­fi­de Lo­gik des Ter­ro­ris­mus

BKA-Chef: Ab­so­lu­te Si­cher­heit ist un­mög­lich

Pforzheimer Kurier - - TERRORANSCHLAG IN BERLIN - Von un­se­rem Kor­re­spon­den­ten Bern­hard Jun­gin­ger

Die Aus­sa­ge von höchs­ter Stel­le ver­blüfft zu­nächst: Nach dem Ter­ror­an­schlag auf ei­nen Ber­li­ner Weih­nachts­markt hat sich die Si­cher­heits­la­ge in Deutsch­land nicht ent­schei­dend ver­än­dert. Nach den Wor­ten von Hol­ger Münch, dem Prä­si­den­ten des Bun­des­kri­mi­nal­amts (BKA), war die Be­dro­hungs­la­ge schon lan­ge vor der schreck­li­chen Tat so ernst, dass es erns­ter kaum geht. „Die­se Ein­schät­zung hat sich nun lei­der rea­li­siert“, so Münch ges­tern in Ber­lin.

Zum Zeit­punkt der Pres­se­kon­fe­renz am spä­ten Nach­mit­tag wa­ren be­reits er­heb­li­che Zwei­fel dar­an auf­ge­taucht, dass es sich bei dem fest­ge­nom­me­nen Ver­däch­ti­gen auch tat­säch­lich um den Tä­ter han­delt. Dar­an, dass es sich bei der Tat um ei­nen ter­ro­ris­ti­schen An­schlag ge­han­delt hat, hat­ten al­ler­dings we­der Münch noch Ge­ne­ral­bun­des­an­walt Pe­ter Frank ir­gend­wel­che Zwei­fel. Dass die Er­mitt­ler von ei­nem Ter­ror­akt aus­ge­hen, lie­ge vor al­lem an den Um­stän­den der Tat­aus­füh­rung. Dem­nach trägt der An­schlag die Hand­schrift is­la­mis­ti­scher Fa­na­ti­ker. Nach dem At­ten­tat von Niz­za war die Me­tho­de, ei­nen Last­wa­gen als töd­li­che Waf­fe zu miss­brau­chen, be­kannt. Ges­tern Abend wur­de dann die­se Ein­schät­zung durch ein Be­kennt­nis der Is­la­mi­schen Staa­tes zu dem An­schlag be­stä­tigt.

So fa­na­tisch die Stra­te­gen des Ter­rors im Na­men Al­lahs al­le „Un­gläu­bi­gen“has­sen, so kühl kal­ku­lie­rend pla­nen sie ih­re Ta­ten. In die­ser Lo­gik ist ein At­ten­tat wie in Ber­lin oder Niz­za weit ef­fek­ti­ver, als die At­ten­ta­te des 11. Sep­tem­ber 2001 in den USA. Es be­darf kei­ner mo­na­te­lan­gen Vor­be­rei­tung, kei­ner aus­ge­feil­ten Kom­mu­ni­ka­ti­on und Fi­nan­zie­rung. Auch At­ten­tä­ter, die per In­ter­net ra­di­ka­li­siert wur­den, kön­nen mit ver­gleichs­wei­se pri­mi­ti­ven Mit­teln übe­r­all und je­der­zeit Angst und Schre­cken ver­brei­ten. Auch da­vor, dass Weih­nachts­märk­te in der kran­ken Ideo­lo­gie des Dschi­ha­dis­mus ge­ra­de­zu per­fek­te An­schlags­zie­le ver­kör­pern, war­nen Si­cher­heits­ex­per­ten seit lan­gem. „Lei­der hat sich auch die­se Be­fürch­tung nun be­wahr­hei­tet“, sagt BKA-Chef Münch. Ter­ro­ris­ten se­hen zu­nächst den Be­zug zur ver­hass­ten christ­li­chen Re­li­gi­on, die fröh­li­chen Bu­den­städ­te ver­kör­pern den „un­rei­nen“west­li­chen Le­bens­stil, die „Un­gläu­bi­gen“tref­fen sich, um das Le­ben zu ge­nie­ßen, hei­te­re St­un­den mit Freun­den zu ver­brin­gen, sie kau­fen Ge­schen­ke ein, auch Al­ko­hol wird ge­trun­ken. Hun­der­te von Men­schen, dar­un­ter vie­le Kin­der, drän­gen sich auf engs­tem Raum – das per­fek­te „wei­che Ziel“.

Weil es aber Tau­sen­de von klei­nen und gro­ßen Weih­nachts­märk­ten in Deutsch­land gibt, weil die Zahl der Be­su­cher all die­ser Märk­te ins­ge­samt in die Mil­lio­nen ge­hen, ist es für die Be­hör­den – das zeigt das Ber­li­ner At­ten­tat – nicht mög­lich, ab­so­lu­te Si­cher­heit zu ga­ran­tie­ren. Dar­auf ver­weist auch BKA-Chef Münch. Na­tür­lich wür­den nun die Si­cher­heits­kon­zep­te für Groß­ver­an­stal­tun­gen noch ein­mal ver­schärft und über­prüft. Doch Zie­le könn­ten letzt­lich al­le Or­te sein, an de­nen sich Men­schen in der Öf­fent­lich­keit tref­fen. Und ei­ne lü­cken­lo­se Über­wa­chung sei des­halb nicht mög­lich. Den Ter­ro­ris­ten ge­he es ge­nau dar­um: Angst zu ver­brei­ten, das frei­heit­li­che Le­bens­ge­fühl zu ver­nich­ten. In die­se Rich­tung könn­te auch die Er­klä­rung da­für ge­hen, war­um aus­ge­rech­net der Weih­nachts­markt am Breit­scheid­platz als An­schlags­ziel aus­ge­wählt wur­de. Er wird im Schat­ten der Ge­dächt­nis­kir­che, ei­nem Mahn­mal für den Frie­den, ver­an­stal­tet. Ein Groß­teil der zahl­rei­chen Ber­lin-Tou­ris­ten aus al­ler Welt hat die­se Ecke der Haupt­stadt auf dem Rei­se­plan. Die Bot­schaft der Tä­ter scheint zu sein: „Wir kön­nen Euch je­der­zeit an je­dem Ort tref­fen, so­gar im Zen­trum Eu­rer Haupt­stadt, selbst wenn Ihr be­son­ders wach­sam seid.“In die­sem Sin­ne wird die Tat laut BKA-Chef Münch auch in dschi­ha­dis­ti­schen In­ter­net­fo­ren ge­fei­ert.

Hun­der­te Men­schen sind das per­fek­te „wei­che Ziel“

EIN LAND VEREINT IN TRAU­ER: Nach den schreck­li­chen Er­eig­nis­sen in Ber­lin wird das Bran­den­bur­ger Tor in den Na­tio­nal­far­ben Deutschlach­tet. Be­reits nach den An­schlä­gen von Pa­ris wur­de das Wahr­zei­chen zum weit­hin sicht­ba­ren Si­gnal der So­li­da­ri­tät, da­mals war das Tor in den fran­zö­si­schen Na­tio­nal­far­ben an­ge­strahlt wor­den.

GE­DEN­KEN DER OP­FER: Bei ei­nem Got­tes­dienst ges­tern in der Ge­dächt­nis­kir­che, un­weit des Tat­orts, fan­den sich ges­tern zahl­rei­che Po­lit­in­ter an­de­rem Bun­des­prä­si­dent Joa­chim Gauck, Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel, Bun­des­tags­prä­si­dent Nor­bert Lam­mert, Jus­tiz­mi­nis­ter Hei­ko Maas so­wie Ber­lins Re­gie­ren­der Bür­ger­meis­ter Mül­ler.

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