„Es wa­ren Stich­wun­den zu se­hen“

Ein pol­ni­scher Spe­di­teur er­kennt sei­nen Last­wa­gen und hat ei­ne furcht­ba­re Vor­ah­nung

Pforzheimer Kurier - - TERRORANSCHLAG IN BERLIN - Von un­se­rer Mit­ar­bei­te­rin Mar­ti­na Rath­ke

So­bies­mysl ist ein klei­ner Ort bei Stet­tin un­weit der deut­schen Gren­ze. Von hier aus sind es knapp zwei Au­to­stun­den zum Breit­scheid­platz im Her­zen Ber­lins. Ei­ne schma­le Stra­ße führt zu dem Dorf, das mit Ab­stand schöns­te Haus hier ge­hört dem Spe­di­teur Ari­el Zu­raw­ski, der seit dem An­schlag mit ei­nem sei­ner Last­wa­gen schlag­ar­tig in die Öf­fent­lich­keit ge­rückt ist. Man sieht, dass Zu­raw­ski kein Au­ge zu­ge­macht hat. Noch in der Nacht muss er auf die Po­li­zei­sta­ti­on in Gry­fi­no, um sei­nen in Ber­lin er­schos­se­nen Cou­sin auf Fotos zu iden­ti­fi­zie­ren. „Es war mit Si­cher­heit zu se­hen, dass er ge­kämpft hat­te“, be­schreibt Zu­raw­ski das Po­li­zei­fo­to. „Es wa­ren Stich­wun­den zu se­hen.“Was in dem Füh­rer­haus des Lkw pas­siert ist, gibt der Po­li­zei al­ler­dings noch Rät­sel auf. Klar ist nur: Zu­raw­skis Cou­sin ist Op­fer ei­nes Ter­ro­ris­ten.

Seit dem Mor­gen ste­hen Jour­na­lis­ten vor Zu­raw­skis Grund­stück und war­ten, dass der Spe­di­teur De­tails von sei­nem Ver­wand­ten er­zählt, der mit dem Lkw Stahl­kon­struk­tio­nen nach Ber­lin ge­bracht hat­te. Zu­raw­ski wirkt ge­fasst, als er be­rich­tet. Schon am Nach­mit­tag sei sein Cou­sin nicht er­reich­bar ge­we­sen. „Als ich die Nach­richt be­kam, dass mein Wa­gen abends durch Ber­lin ge­fah­ren ist, ha­be ich ge­wusst, dass et­was Schlim­mes pas­siert sein muss“, er­zählt der Spe­di­teur, dem acht Last­wa­gen ge­hö­ren. Ei­gent­lich soll­te sein Fah­rer zu die­sem Zeit­punkt pau­sie­ren. Über sei­nen Cou­sin fin­det Zu­raw­ski nur gu­te Wor­te: Er sei ein ge­wis­sen­haf­ter Fah­rer und ein gu­ter Mensch ge­we­sen. „Wenn er am Sams­tag zwei Bier ge­trun­ken hat, ist er am Sonn­tag nicht in den Wa­gen ge­stie­gen.“Der Va­ter sei­nes Cou­sins muss­te noch am Abend ins Kran­ken­haus ein­ge­lie­fert wer­den, dort er­hält er star­ke Be­ru­hi­gungs­mit­tel, wie Zu­raw­ski er­zählt. Sein Cou­sin hin­ter­lässt ei­nen 17-jäh­ri­gen Sohn und ei­ne Frau. Dann zeigt er ein Sel­fie sei­nes Cou­sins, das we­ni­ge St­un­den vor des­sen Tod in ei­nem Ber­li­ner Bis­tro auf­ge­nom­men wor­den sein soll. Zu­raw­ski schluckt. Nicht nur der Spe­di­teur ist er­schüt­tert. In So­bies­mysl ist das Un­glück Dorf­ge­spräch. Bar­ba­ra und Ka­zi­mir Matuk le­ben im Plat­ten­bau ge­gen­über. Als sie die ers­ten Nach­rich­ten und Bil­der sa­hen, dach­ten sie im ers­ten Mo­ment, es sei ihr Sohn Sla­wo­mir. Er ar­bei­tet eben­falls bei Zu­raw­ski und war mit ei­nem ähn­li­chen Lkw in Ber­lin. Die Fa­mi­lie durch­lebt ban­ge Mo­men­te, bis sich ihr Sohn mel­det: „Wie rus­si­sches Rou­let­te“, sagt Bar­ba­ra Matuk. Es hät­te auch Sla­wo­mir sein kön­nen.

LAST­WA­GEN ALS WAF­FE: Der Lkw ei­ner pol­nie­di­ti­on ist von der Amok­fahrt durch den Weih­nachts­markt deut­lich ge­zeich­net, auf dem Bei­fan­den die Er­mitt­ler den to­ten pol­ni­schen Fah­rer.

Foto: dpa

RECHERCHE IN PO­LEN: Spe­di­teur Zu­raw­ski spricht mit Jour­na­lis­ten, ihm ge­hört der Last­wa­gen.

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