„Das Grau­en er­tra­gen“

Jo­chen Cor­ne­li­us-Bund­schuh über Weih­nach­ten in Zei­ten der Angst

Pforzheimer Kurier - - TERRORANSCHLAG IN BERLIN -

Ein Fest der Har­mo­nie und des Mit­ein­an­ders soll­te es wer­den, nun steht Weih­nach­ten 2016 un­ter dem Ein­druck ei­nes furcht­ba­ren An­schlags in Deutsch­land. Wie um­ge­hen mit der Angst, mit den Sor­gen, mit der Trau­er? Was be­deu­tet das Wort von der Ent­chris­tia­ni­sie­rung des Abend­lan­des? Un­ser Re­dak­ti­ons­mit­glied Klaus Gaß­ner sprach dar­über mit dem Bi­schof der evan­ge­li­schen Lan­des­kir­che, Jo­chen Cor­ne­li­us-Bund­schuh.

Blu­ti­ger Ter­ror we­ni­ge Ta­ge vor dem Fest – was sagt der Lan­des­bi­schof ei­nem zu­tiefst ver­un­si­cher­ten Land?

Cor­ne­li­us-Bund­schuh: Zu­nächst ist es wich­tig, dass wir der Trau­er Raum ge­ben. Dass wir still wer­den kön­nen, um das un­fass­ba­re Grau­en ein­fach zu er­tra­gen, um es aus­zu­hal­ten und auch da­mit de­nen Trost zu ge­ben, die di­rekt un­ter dem Ge­sche­hen lei­den müs­sen. Aus die­ser Hal­tung her­aus soll­ten wir ver­su­chen, auf­ein­an­der zu­zu­ge­hen, das Mit­ein­an­der zu stär­ken. Das ist in mei­nen Au­gen ei­ne Res­sour­ce, die uns Kraft schen­ken kann. Und die Bi­bel sagt uns ja nun ge­ra­de zu Weih­nach­ten: „Fürch­tet Euch nicht“, trotz al­len Schre­ckens.

Sol­che Bot­schaf­ten kom­men viel­fach nicht mehr an, viel eher wird von ei­ner Ent­chris­tia­ni­sie­rung des Abend­lan­des ge­spro­chen. Er­ken­nen Sie sol­che Ten­den­zen?

Cor­ne­li­us-Bund­schuh: Wir er­le­ben, dass vie­le Men­schen in be­stimm­ten Le­bens­si­tua­tio­nen sa­gen: der Glau­be ist mir nicht so wich­tig. Aber dann kommt ein Er­eig­nis wie das von Ber­lin und wir mer­ken, dass Kir­chen doch ei­ne gro­ße Rol­le spie­len beim Um­gang mit der Trau­er. Es mag sein, dass im­mer we­ni­ger Men­schen die kirch­li­chen Ge­bo­te ken­nen und die In­hal­te der Bi­bel, aber am En­de geht es ja doch um ei­ne sehr viel wich­ti­ge­re Fra­ge: Hilft der Glau­be zum Le­ben? Und das tut er, er lässt nicht zu, dass wir ein Le­ben füh­ren in Wut und Ohn­macht und Trau­er.

In den so­zia­len Netz­wer­ken wer­den im­mer häu­fi­ger pri­mi­tivs­te Mei­nun­gen und Vor­ur­tei­le aus­ge­des tauscht, Wahr­hei­ten spie­len oft kei­ne Rol­le, nicht we­ni­ge spre­chen be­reits von ei­ner post-fak­ti­schen Welt.

Cor­ne­li­us-Bund­schuh: Es gibt ei­ne of­fen­sicht­li­che Ten­denz, das schnel­le und das lau­te Wort zu be­loh­nen. Ich möch­te manch­mal den Pol­te­rern zu­ru­fen, über­legt doch, wie es wä­re, wenn Euch je­mand so hart an­gin­ge. Wis­sen Sie, Je­sus hat in sei­nen Re­den nie ein ent­schie­de­nes Hü oder Hott ge­sagt. Er hat da­zu auf­ge­for­dert, über das „Da­zwi­schen“nach­zu­den­ken. Das mach­te das Chris­ten­tum stark.

Nun ge­hört zur de­mo­kra­ti­schen Po­li­tik un­ab­din­bar auch der Streit, die of­fe­ne Kon­tro­ver­se, die von po­li­tisch han­deln­den Men­schen ja auch ger­ne ent­schlos­sen aus­ge­tra­gen wird.

Cor­ne­li­us-Bund­schuh: Frü­her gab es ein Spiel im Kin­der­gar­ten. Da galt es bei Ge­sprächs­run­den stets erst zu wie­der­ho­len, was der an­de­re ge­sagt hat, be­vor man die eigene Sicht dar­stel­len durf­te. Das wün­sche ich mir auch zu­wei­len: Ver­setzt Euch doch zu­erst in die La­ge des an­de­ren, be­vor ihr ur­teilt! Aber um das deut­lich zu sa­gen: Ich bin fest über­zeugt, dass un­se­re de­mo­kra­ti­sche Kul­tur in der La­ge ist, sol­che Ex­tre­me aus­zu­hal­ten und zu ver­mit­teln. Schon mein Glau­be sagt mir, am En­de dür­fen nicht Ge­walt und Macht sie­gen.

Wie kann man un­ter dem Ein­druck Ter­rors Weih­nach­ten fei­ern?

Cor­ne­li­us-Bund­schuh: Was ist denn Weih­nach­ten? Weih­nach­ten war vom ers­ten Mo­ment an ver­bun­den mit der Flucht nach Ägyp­ten, es war ver­bun­den mit Kin­der­mor­den, auch die Wei­sen aus dem Mor­gen­land muss­ten ih­ren Rück­weg in die Hei­mat aus Si­cher­heits­grün­den an­ders wäh­len. Die Welt ist schon im­mer von Ge­walt ge­prägt, Weih­nach­ten ist kein Idyll. Ge­ra­de da­her hat das Fest sei­ne Kraft, weil Gott uns ei­ne an­de­re Ethik ver­mit­telt hat, in dem er uns ein klei­nes Kind in die Krip­pe ge­legt hat. Als Ant­wort auf all das Leid, die Ge­walt und die Pla­ge hier auf Er­den. Das ist es doch, wor­an wir an Weih­nach­ten den­ken.

„WEIH­NACH­TEN WAR NIE EIN IDYLL“: Lan­des­bi­schof Cor­ne­li­usBund­schuh er­hofft sich nach der Er­fah­rung mit dem Ter­ror ein ver­ständ­nis­vol­le­res Mit­ein­an­der. Foto: Eki­ba

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