An­ka­ra, Zürich und dann Ber­lin

Am Mon­tag­abend über­schla­gen sich die Nach­rich­ten aus al­ler Welt

Pforzheimer Kurier - - TERRORANSCHLAG IN BERLIN -

Es zeich­net sich an die­sem Mon­tag­abend schon früh ab, dass die bis­he­ri­gen Er­eig­nis­se des Ta­ges in der Hin­ter­grund rü­cken wer­den. Die Zei­tung des nächs­ten Ta­ges wird ei­ne an­de­re sein, als ge­plant. Wie bri­sant sich die Nach­rich­ten­la­ge al­ler­dings in den fol­gen­den St­un­den ent­wi­ckelt, ahnt noch nie­mand. Erst An­ka­ra, dann Zürich, schließ­lich Ber­lin – die Meldungen wer­den sich über­schla­gen.

17.16 Uhr

Die Nach­rich­ten­agen­tur AFP mel­det, dass der rus­si­sche Bot­schaf­ter in An­ka­ra bei ei­nem An­griff ver­letzt wur­de. Auf den Di­plo­ma­ten wur­de wäh­rend der Er­öff­nung ei­ner Aus­stel­lung ge­schos­sen. Die Tür­kei ist in den ver­gan­ge­nen Wo­chen im­mer wie­der Schau­platz von At­ten­ta­ten ge­we­sen, seit dem ge­schei­ter­ten Putsch ist die Si­cher­heits­la­ge dort ex­trem an­ge­spannt. Hin­zu kommt der Krieg im be­nach­bar­ten Sy­ri­en. Die Tür­kei und Russ­land sind dort Ge­gen­spie­ler. Moskau un­ter­stützt den sy­ri­schen Macht­ha­ber As­sad, An­ka­ra hin­ge­gen for­dert sei­nen Rück­tritt. Vor die­sem Hin­ter­grund ist das At­ten­tat auf den Bot­schaf­ter hoch­po­li­tisch.

18.25 Uhr

Eil­mel­dung: Der rus­si­sche Bot­schaf­ter ist nach dem At­ten­tat ge­stor­ben. Im Netz macht rasch ein ver­stö­ren­des Vi­deo die Run­de. Zu se­hen sind die Schüs­se auf den Bot­schaf­ter, der hin­ter dem Mi­kro­fon zu­sam­men­sackt. Ein Mann in schwar­zem An­zug und Kra­wat­te hält ei­ne Pis­to­le. Er schreit und läuft hin und her, wäh­rend der Di­plo­mat ne­ben ihm re­gungs­los am Bo­den liegt. Der Tä­ter soll ein tür­ki­scher Po­li­zist sein, laut Be­rich­ten be­zieht er sich auf Sy­ri­en und auf Alep­po und ruft im­mer wie­der „Al­la­hu Ak­bar“– Gott ist groß. Si­cher­heits­be­am­te er­schie­ßen den Mann. Das At­ten­tat in An­ka­ra ist in die­sem Mo­ment der Auf­ma­cher der ers­ten Sei­te für den nächs­ten Tag.

18.51 Uhr

Schüs­se in ei­ner Mo­schee in Zürich: Die Nach­rich­ten­agen­tur AFP schickt ei­ne Eil­mel­dung. Be­rich­ten zu­fol­ge wur­den dort drei Men­schen ver­letzt, der Tä­ter sei auf der Flucht. Die Po­li­zei löst Groß­alarm aus. Die Hin­ter­grün­de sind völ­lig un­klar. Was bis­her be­kannt ist, deu­tet auf ein At­ten­tat mit is­la­mis­ti­schem Be­zug hin. Auch das wä­re ein Fall für die ers­te Sei­te ei­ner Zei­tung.

20.26 Uhr

„Last­wa­gen er­fasst Pas­san­ten in Ber­lin – ein To­ter.“Das ist die ers­te Mel­dung der Nach­rich­ten­agen­tur dpa. Der Lkw sei in der Nä­he der Ge­dächt­nis­kir­che in Ber­lin auf den Geh­weg ge­fah­ren. Von ei­nem Weih­nachts­markt ist zu­nächst nicht die Re­de. Wäh­rend­des­sen mel­det sich Russ­lands Prä­si­dent Wla­di­mir Pu­tin zu Wort. Er kün­digt ei­ne in­ten­si­ve Su­che nach den Draht­zie­hern des An­schlags von An­ka­ra an. Er te­le­fo­niert mit dem tür­ki­schen Prä­si­den­ten. In An­ka­ra wird die Fa­mi­lie des At­ten­tä­ters fest­ge­nom­men. Die Sa­che könn­te sich zu ei­ner hand­fes­ten Kri­se zwi­schen Russ­land und der Tür­kei aus­wach­sen. In Zürich sucht die Po­li­zei wei­ter nach dem Tä­ter, der auf die Gläu­bi­gen in ei­ner Mo­schee feu­er­te. Un­weit des Tat­orts wird ei­ne Per­son tot un­ter ei­ner Brü­cke ge­fun­den.

20.56 Uhr

„Meh­re­re To­te bei Lkw-Fahrt in Weih­nachts­markt in Ber­lin“ver­mel­det die AFP. Es ge­be zu­dem min­des­tens 50 zum Teil schwer ver­letz­te Per­so­nen. Die Po­li­zei spricht erst­mals von ei­nem mög­li­chen An­schlag. Die Er­eig­nis­se wer­fen al­le bis­he­ri­gen Pla­nun­gen für die Aus­ga­be des nächs­ten Ta­ges über den Hau­fen. Der Fall hat ei­ne ganz neue Di­men­si­on. Ein Ter­ror­an­schlag in Ber­lin? Mit ei­nem Last­wa­gen? Das er­in­nert so­fort an Niz­za und den An­schlag mit ei­nem Lkw am fran­zö­si­schen Na­tio­nal­fei­er­tag. In der nächs­ten St­un­de fol­gen die Eil­mel­dun­gen fast im Zehn-Mi­nu­ten-Takt: „Neun To­te bei An­schlag in Ber­lin.“Dann: „Ein Ver­däch­ti­ger nach An­schlag tot.“Die Ber­li­ner Po­li­zei ruft die Be­völ­ke­rung auf, zu Hau­se zu blei­ben. Dann die nächs­te Eil­mel­dung: „Mög­li­cher Fah­rer von To­des-Lkw in Ber­lin ge­fasst.“Erst­mals mel­det sich der Spre­cher von An­ge­la Mer­kel: „Wir trau­ern um die To­ten und hof­fen, dass den vie­len Ver­letz­ten ge­hol­fen wer­den kann“, teilt Stef­fen Sei­bert über den Kurz­mit­tei­lungs­dienst Twit­ter mit.

22.58 Uhr

Auch Jus­tiz­mi­nis­ter Hei­ko Maas mel­det sich via Twit­ter. „Der Ge­ne­ral­bun­des­an­walt über­nimmt den Fall“, schreibt er. Der Karls­ru­her Ge­ne­ral­bun­des­an­walt Pe­ter Frank wird im­mer dann ak­tiv, wenn es um Ter­ro­ris­mus geht. Al­les deu­tet nun auf ei­nen An­schlag hin. In den Nach­rich­ten­sen­dern läuft nichts an­de­res mehr. Dass Do­nald Trump in den USA die deut­li­che Mehr­heit der Wahl­leu­te auf sich ver­ei­nen konn­te und da­mit die letz­te Hür­de auf dem Weg ins Prä­si­den­ten­amt nimmt, ist kaum noch ei­ne Rand­no­tiz. Ber­lin be­herrscht die Schlag­zei­len. Aus An­ka­ra gibt es kaum Neu­es, Zürich spielt im Nach­rich­ten­fluss prak­tisch kei­ne Rol­le mehr. Phil­ip­pe Pra­dal, Bür­ger­meis­ter von Niz­za, schreibt auf Twit­ter: „Glei­che Vor­ge­hens­wei­se. Glei­che blin­de Ge­walt. Glei­cher Hass auf glück­li­che Men­schen.“Um kurz nach Mit­ter­nacht mel­det sich In­nen­mi­nis­ter Tho­mas de Mai­ziè­re zu Wort, es spre­che viel für ei­nen An­schlag. In Washington ver­ur­teilt der Spre­cher des Na­tio­na­len Si­cher­heits­rats „auf das Schärfs­te, was ein Ter­ror­an­schlag auf ei­nen Weih­nachts­markt in Ber­lin ge­we­sen zu sein scheint“.

1.55 Uhr

Die Zahl der To­ten in Ber­lin steigt, in­zwi­schen ist von zwölf die Re­de. Der nord­rhein-west­fä­li­sche In­nen­mi­nis­ter Ralf Jä­ger (SPD) sagt, man müs­se von ei­nem Ter­ror­an­schlag aus­ge­hen. Ge­gen drei Uhr durch­sucht die Po­li­zei Ber­lins größ­te Flücht­lings­un­ter­kunft am frü­he­ren Flug­ha­fen Tem­pel­hof. Um kurz vor sechs Uhr ver­öf­fent­licht die Po­li­zei ers­te Er­geb­nis­se ih­rer Er­mitt­lungs­ar­beit: Der Lkw wur­de mit Ab­sicht in den Weih­nachts­markt ge­steu­ert, das steht nun fest. Die nächs­te Eil­mel­dung kommt wie­der aus An­ka­ra: Vor der USBot­schaft in der tür­ki­schen Haupt­stadt sind Schüs­se ge­fal­len.

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