Ge­schäft mit der Gül­le

We­gen der Dün­ge­ver­ord­nung trei­ben vie­le Land­wir­te Han­del mit Mist

Pforzheimer Kurier - - WIRTSCHAFT -

Os­na­brück. Es dampft auf dem Acker, die Na­se zieht sich zu­sam­men. Was hier auf dem Bo­den ver­teilt wird, ist Gül­le – oder, wie Fach­leu­te sa­gen: „Wirt­schafts­dün­ger“. Hier wird nach Mei­nung von Bau­ern und Ver­fah­rens­tech­ni­kern nichts „ent­sorgt“, son­dern „sinn­voll ver­wer­tet“. Für al­le an­de­ren Men­schen han­delt es sich schlicht und ein­fach um Mist. Dass man dar­aus aber durch­aus ein Ge­schäft ma­chen kann, zei­gen so­ge­nann­te Gül­le­bör­sen. Die­se han­deln mit Mist, denn man­che Bau­ern ha­ben zu viel da­von – und müs­sen ihn los­wer­den.

Ein Be­trieb darf näm­lich nur vie­le Schwei­ne oder Rin­der hal­ten, wenn er auch ge­nug Flä­che hat, um den ent­spre­chen­den Mist aus­zu­brin­gen. Das schreibt die Dün­ge­ver­ord­nung vor, um Bö­den et­wa vor zu viel Ni­trat zu schüt­zen. Hat der Bauer nicht ge­nug Land, muss er si­cher­stel­len, dass die Gül­le an­dern­orts fach­ge­recht aus­ge­bracht wird. Er braucht ei­nen Part­ner. Und man­che Be­trie­be, die vom Acker­bau le­ben, kön­nen den na­tür­li­chen Dün­ger gut ge­brau­chen. Al­so wird Gül­le ge­han­delt. Das klingt nach ei­nem Hof mit gro­ßen Tanks und ge­wal­ti­gem Gestank – ist in der Pra­xis aber ganz an­ders.

Bernd Sta­nia sitzt in ei­nem Ein-Man­nBü­ro im nie­der­säch­si­schen Vech­ta, auf dem Schreib­tisch ste­hen Com­pu­ter-Mo­ni­to­re, in den Re­ga­len Ak­ten. Pau­sen­los klin­gelt das Te­le­fon – Land­wir­te aus den Krei­sen Vech­ta und Clop­pen­burg su­chen Ab­neh­mer für ih­re Gül­le. Zu se­hen sind we­der Mist­hau­fen noch Trans­port­fahr­zeu­ge. „Wir ver­mit­teln nur. Wir brin­gen das zu­sam­men, was zu­sam­men­ge­hört“, sagt Sta­nia, er ist Ge­schäfts­füh­rer der Na­tur­dün­ger-Ver­wer­tungs Gm­bH. Car­lHen­drik May von der Nähr­stoff­bör­se Nord­rhein-West­fa­len spricht eben­falls von ei­nem gro­ßen Netz­werk – aus Hö­fen, Ver­mitt­lern, La­bo­ren, Ver­bän­den. Und was muss man hin­blät­tern für 100 Li­ter Gül­le? „Da gibt es ei­gent­lich kei­nen fes­ten Preis“, sagt May. Da spie­le zum Bei­spiel die Men­ge, die Jah­res­zeit und die Qua­li­tät ei­ne Rol­le, al­so der Nähr­stoffund Was­ser­ge­halt.

Wie sehr die Ver­hält­nis­se schwan­ken, zeigt ein in­ter­es­san­tes De­tail: Es ist nicht ein­mal fest­ge­legt, wel­che Sei­te be­zah­len muss. Manch­mal zah­le der Land­wirt, der Mist ab­zu­ge­ben ha­be, manch­mal der Bauer, der ihn drin­gend für den Acker­bau be­nö­ti­ge, sagt May. „Im Prin­zip muss der ab­ge­ben­de Be­trieb al­le Kos­ten tra­gen“, sagt Mays nie­der­säch­si­scher Kol­le­ge Sta­nia. Zu­min­dest in sei­ner Re­gi­on sei das so. „Wenn Sie wei­ter fah­ren, kann es sein, dass der auf­neh­men­de Be­trieb drei oder vier Eu­ro zahlt – das ist aber sel­ten.“

Wenn man et­was über Wirt­schaft ler­nen will, sind Gül­le­bör­sen da­her ei­nen Blick wert. Dass manch­mal der Ab­neh­mer und manch­mal der An­bie­ter zahlt, gibt es nach An­sicht des Öko­no­men Jus­tus Hau­cap nur sel­ten. „Ich glau­be, das pro­mi­nen­tes­te Bei­spiel ist die Strom­bör­se“, er­klärt der For­scher von der Uni­ver­si­tät Düsseldorf. Dort se­he man im­mer mal, dass Un­ter­neh­men bei ge­rin­gem Strom­ver­brauch da­für zahl­ten, ih­ren pro­du­zier­ten Strom aus dem Netz los­zu­wer­den. Auch in der Ent­sor­gungs­wirt­schaft kom­me das vor – teils sei Müll re­cy­cel­bar und da­mit et­was wert. Manch­mal nicht, dann zahl­ten Un­ter­neh­men für die Ent­sor­gung. El­mar Ste­phan/Ju­lia Ki­li­an

HANDELSOBJEKT: Man­che Land­wir­te ha­ben zu viel Gül­le und müs­sen sie los­wer­den. Foto: dpa

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