Ein Fül­ler ist kei­ne Zi­gar­re

Klas­si­sches Schreib­ge­rät in Frank­fur­ter Mu­se­um

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

Vor 50 Jah­ren sah ein Füll­hal­ter wie ei­ne di­cke Zi­gar­re aus, obend­rein ver­ziert mit al­ler­lei Schnör­keln, mög­lichst in Gold. Doch dann trat der Frank­fur­ter De­si­gner Gerd A. Mül­ler auf den Plan – und al­les war an­ders. Mül­ler er­fand zwar nicht das Schreib­ge­rät neu, brach­te es aber in die Ge­gen­wart. Schon seit 1963 ar­bei­te­te er an ei­nem nüch­ter­nen, rein funk­tio­na­len und schlan­ken Fül­ler, der 1966 auf den Markt kam: der La­my 2000. Bis heu­te wird er pro­du­ziert, ist al­so nicht nur ein Klas­si­ker, son­dern be­reits ei­ne Iko­ne des mo­der­nen De­signs. Die­sem Fül­ler und sei­nen in­zwi­schen 50 Mo­dell­va­ri­an­ten wid­met das Frank­fur­ter Mu­se­um An­ge­wand­te Kunst zum 50-Jah­re-Ju­bi­lä­um ei­ne Aus­stel­lung. Al­ler­dings han­delt es sich bei den 100 zu se­hen­den Ob­jek­ten nicht nur um die fer­ti­gen Pro­duk­te, son­dern auch um Pro­to­ty­pen und Ide­en­skiz­zen. So lässt sich der oft lang­wie­ri­ge Gestal­tungs­pro­zess ver­fol­gen, der bei La­my auf Au­gen­hö­he zwi­schen frei­en De­si­gnern, Ent­wick­lern und Kon­struk­teu­ren aus dem Haus so­wie der Ge­schäfts­füh­rung statt­fin­det.

Die­se kom­ple­xe Pro­zess für ein All­tags­ob­jekt ist in der Aus­stel­lung gut nach­voll­zieh­bar: Oben thro­nen die Schreib­ge­rä­te, dar­un­ter gibt es Schub­la­den zum Her­aus­zie­hen mit Skiz­zen und Mo­del­len, die ver­wor­fen, ver­än­dert oder für gut be­fun­den wur­den. So wird deut­lich, dass De­si­gner nur im Te­am­work er­folg­reich sind. Frei­lich geht da­bei je­der De­si­gner an­ders vor. Gerd A. Mül­ler et­wa fer­tig­te als ge­lern­ter Dre­her ein Holz­mo­dell an und be­sprach das dann mit den La­my-Leu­ten.

Heu­ti­ge De­si­gner hin­ge­gen ver­le­gen sich auf das Zeich­nen und Ent­wer­fen, aber meist so mil­li­me­ter­ge­nau, dass da­nach ein Mo­dell ge­formt wer­den kann. Oh­ne­hin gibt es nur we­ni­ge Un­ter­neh­men in Deutsch­land, die das De­sign so sehr in den Mit­tel­punkt stel­len, meint Ku­ra­tor Klaus Klemp. Das schon 1930 ge­grün­de­te Hei­del­ber­ger Un­ter­neh­men hat es al­so ver­stan­den, sich recht­zei­tig neu auf­zu­stel­len. Denn über die Gestal­tung, so Klaus Klemp, las­sen sich Din­ge völ­lig neu po­si­tio­nie­ren. Der Er­folg hat La­my recht ge­ge­ben. Heu­te ist der La­my sa­fa­ri, ein et­was ro­bus­ter wir­ken­des Mo­dell, der meist­ver­kauf­te Füll­hal­ter über­haupt.

Um was es geht, wenn ein Schreib­ge­rät kre­iert wird, fragt zu Recht Grit We­ber, die stell­ver­tre­ten­de Mu­se­ums­che­fin. „Die Li­nie soll flie­ßen, der Stift soll ent­spannt in der Hand lie­gen“, gibt sie gleich die Ant­wort. Und das tun die Pro­duk­te die­ser Fir­ma tat­säch­lich, wie sich an et­li­chen Stif­ten aus­pro­bie­ren lässt. Der La­my pi­co et­wa, im Jahr 2001 von Fran­co Cli­vio ent­wor­fen, ist ein Ku­gel­schrei­ber im Ta­schen­for­mat, der sich auf sanf­ten Druck von 90 auf 120 Mil­li­me­ter Län­ge aus­dehnt und mit dem man wun­der­bar leicht schrei­ben kann. So kann sich La­my durch­aus in ei­ne Rei­he stel­len mit dem Un­ter­neh­men Braun, das auch sei­ne Phi­lo­so­phie auf das De­sign aus­ge­rich­tet hat. Üb­ri­gens stu­dier­ten Mül­ler und der un­gleich be­kann­te­re Braun-De­si­gner Die­ter Rams ge­mein­sam an der Wies­ba­de­ner Werk­kunst­schu­le. Auch Mül­ler heu­er­te da­nach bei Braun an, zog je­doch bald das Ar­bei­ten als frei­er Gestal­ter vor.

Nicht zu­letzt sorgt der Ber­li­ner Künst­ler Christoph Nie­mann da­für, dass die Schau ei­ne zwei­te, leich­te­re Ebe­ne be­kommt. Denn ein Schreib­ge­rät ist nicht nur ein Denk­werk­zeug, das beim Fest­hal­ten und Ver­wer­fen der Ge­dan­ken hilft, son­dern auch ein Zei­chen­stift. So zog Nie­mann zu­erst ei­ne gro­ße Li­nie als ima­gi­nä­ren ro­ten Fa­den durch die Schau. Dann bau­te er aus Fül­lern ei­ne rie­si­ge Koral­len-In­stal­la­ti­on als Sym­bol des krea­ti­ven Pro­zes­ses. Für Klemp sind das „Rau­mil­lus­tra­tio­nen“, wohl ei­ne (durch­aus zu­tref­fen­de) Wort­neu­schöp­fung. Kurz­um: Die­se Schau macht rich­tig Lust aufs Schrei­ben und Zeich­nen. Chris­ti­an Hu­ther

„Rau­mil­lus­tra­ti­on“von Christoph Nie­mann

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