Klei­nes Wun­der am Ni­ko­laus­tag

Zwei Schwes­tern tref­fen sich nach 40 Jah­ren oh­ne Kon­takt in ei­nem Al­ten­heim wie­der

Pforzheimer Kurier - - BLICK IN DIE WELT - Von un­se­rer Mit­ar­bei­te­rin Ani­ka von Gre­ve-Dier­feld

Mann­heim. Es ist ein ech­tes Weih­nachts­mär­chen, doch ge­schah es be­reits am Ni­ko­laus­tag. Da setz­te sich Hed­wig Horsch an den Abend­brot­tisch ih­rer Wohn­grup­pe in ei­nem Mann­hei­mer Al­ten­heim und schau­te die Frau ihr ge­gen­über an. Neue Mit­be­woh­ne­rin nebst ira­ki­schem Ehe­mann, sie kam ihr be­kannt vor. Hed­wig fasste sich ein Herz und frag­te nach dem Na­men. Dann wuss­te sie: Da saß ih­re ver­lo­ren ge­glaub­te Schwes­ter An­ne­lo­re, die sie vor 40 Jah­ren zum letz­ten Mal ge­se­hen hat­te. „Ich ha­be Gän­se­haut be­kom­men“, er­zählt An­ne­lo­res Toch­ter Hi­am, die im Mo­ment des Er­ken­nens mit am Tisch saß.

Zwei Schwes­tern, 82 und 84 Jah­re alt, fin­den im glei­chen Al­ten­heim ih­re ver­mut­lich letz­te Hei­mat. Sie wer­den in dem Haus mit rund 100 Be­woh­nern auch noch zu­fäl­lig in die glei­che Wohn­grup­pe ein­ge­teilt. „Sonst hät­ten wir uns vi­el­leicht nicht wie­der­er­kannt“, sagt An­ne­lo­re Al-Gha­zal. Hed­wig Horsch, die im Roll­stuhl sitzt und seit fast zwei Jah­ren in dem Haus lebt, ist sich an je­nem Abend schnell si­cher. „Schmitz“ant­wor­tet die Frau auf die Fra­ge nach ih­rem Ge­burts­na­men. „Dann bin ich dei­ne Schwes­ter“, sagt Hed­wig. Seit­dem sind die bei­den un­zer­trenn­lich, er­zählt Heim­lei­ter Bernd Nau­war­tat.

40 Jah­re oh­ne Kon­takt – wie kam das? Es gab kei­nen Streit, kei­nen Är­ger, be­teu­ern bei­de. „Ich weiß es sel­ber nicht“, sagt An­ne­lo­re, die Äl­te­re. Sie ist seit fast 50 Jah­ren ver­hei­ra­tet; ih­re Schwes­ter aber hei­ra­te­te zwei­mal, wech­sel­te da­durch den Nach­na­men, bei­de zo­gen mehr­fach um, und als die äl­tes­te Schwes­ter 2008 starb, kam Hed­wig nicht zur Be­er­di­gung. „Mei­ne Schwes­ter ist tot“, dach­te An­ne­lo­re ir­gend­wann. Dass An­ne­lo­re und Hed­wig vie­le Jah­re gar nicht weit weg von­ein­an­der wohn­ten – die ei­ne in Mann­heim und die an­de­re im 30 Ki­lo­me­ter ent­fern­ten Vi­ern­heim –, das ahn­ten bei­de nicht.

Jetzt kom­men al­te Er­in­ne­run­gen zu­rück. Wie es war, als der Va­ter 1948 aus der Kriegs­ge­fan­gen­schaft wie­der­kehr­te oder als die Mut­ter mit 41 Jah­ren an ei­nem Hirn­tu­mor starb. „Die Hed­wig, das war die Wil­de, die Fre­che“, sagt An­ne­lo­re. „Die An­ne­lo­re, das war die Re­de­ge­wand­te“, sagt Hed­wig. Die letz­ten Jah­re wol­len sie wie­der als Schwes­tern ver­brin­gen und Weih­nach­ten ge­mein­sam fei­ern. Am En­de ih­res Le­bens steht noch­mal ein An­fang.

NACH 40 JAH­REN sind die Schwes­tern An­ne­lo­re Al-Gha­zal (links) und Hed­wig Horsch (rechts) wie­der vereint. Foto: dpa

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