Büh­ler­hö­he

Pforzheimer Kurier - - BENNI / ROMAN -

Mei­ne Mut­ter hat sehr früh Fal­ten be­kom­men, müs­sen Sie wis­sen, sie ist so­zu­sa­gen über Nacht ge­al­tert. Sie kön­nen sich mein Ent­set­zen si­cher vor­stel­len, als ich am De­kol­le­té die ers­ten Fal­ten ent­deck­te. Und wenn ei­ner ver­steht, dass man so lang wie mög­lich jung aus­se­hen will, dann doch Sie, Dok­tor Neu­haus. Des­halb hof­fe ich sehr, dass Sie et­was für mich tun kön­nen. Oder hilft Ih­re Frisch­zel­len­kur nicht ge­gen Fal­ten?“

Neu­haus seufz­te. Ro­sa wuss­te, dass er über sieb­zig war, aber das sah man ihm nicht an. Sein Ge­sicht glänz­te blitz­blank, und sei­ne Di­stelau­gen sprüh­ten vor Energie. Vi­el­leicht spritz­te er sich selbst die­se Frisch­zel­len? Vi­el­leicht wa­ren sie tat­säch­lich ein Jung­brun­nen?

„Zel­lul­ar­the­ra­pie, Frau Pro­fes­sor, Zel­lul­ar­the­ra­pie“, kor­ri­gier­te Neu­haus sie. „Si­cher set­ze ich sie auch ge­gen Fal­ten ein, wo­bei man bei Ih­nen doch höchs­tens von Fält­chen spre­chen kann.“Er beug­te sich über den Schreib­tisch und schiel­te auf die Stel­le an ih­rem De­kol­le­té, auf die sie zeig­te. „Ein, zwei Sprit­zen mit dem ge­frier­ge­trock­ne­ten Ex­trakt der Haut ei­nes Kal­bem­bry­os, auf­ge­löst in Koch­salz­lö­sung. Da­mit könnt ich Ih­re Haut re­vi­ta­li­sie­ren“, bot er ihr gnä­dig an.

„Re­vi­ta­li­sie­rung!“Ro­sa leg­te Be­geis­te­rung in ih­re Stim­me. Das war ge­nau das, was sie jetzt brauch­te. „Je schnel­ler, des­to bes­ser. Kön­nen Sie so­fort da­mit an­fan­gen?“

„Wo den­ken S’ hin? Fra­gen S’ Fräu­lein Irm­traut we­gen ei­nes Ter­mins.“Er deu­te­te mit dem Kopf nach drau­ßen. „Ich kann Ih­nen al­ler­dings nicht ver­spre­chen, ob das in den nächs­ten Ta­gen klappt. Wis­sen S’, der Kanz­ler reist an, er hat na­tür­lich ab­so­lu­te Prio­ri­tät. Und bei ihm steht die Po­li­tik im­mer an ers­ter Stel­le, da weiß man nie … Des­halb hängt’s ein bis­sel vom Welt­ge­sche­hen ab, wann er ei­nen Be­hand­lungs­ter­min bei mir ein­schiebt. Und das, ob­wohl, und das sag ich in al­ler Be­schei­den­heit, Deutsch­land und die Welt vi­el­leicht schon auf den Dok­tor Ade­nau­er ver­zich­ten müsstn, oh­ne mei­ne Zel­lul­ar­the­ra­pie. Sechs­und­sieb­zig ist er im Jän­ner ge­wor­den. Bis da­hin ha­ben S’ noch viel Zeit.“

Neu­haus er­hob sich, die Au­di­enz war zu En­de, er be­glei­te­te sie wie­der zur Tür. Er roch nach sehr gu­ten Zi­gar­ren. Sie hin­ge­gen roch nach Se­cret d’Ori­ent, ei­nem Par­füm, das Ra­chel ihr in Tan­ger emp­foh­len hat­te und von des­sen ver­füh­re­ri­scher Kraft die Schwes­ter über­zeugt war. Auf Neu­haus schien es so we­nig zu wir­ken wie ih­re Er­zäh­lun­gen über Masa­da.

Wie­der küss­te er ihr die Hand, er hat­te es ei­lig, an sei­nen Schreib­tisch zu­rück­zu­keh­ren. Ro­sa sack­te das Herz in die Ho­se. Sie hat­te nichts in Er­fah­rung brin­gen kön­nen. „Dok­tor Neu­haus“, rief sie, und ihr Herz klopf­te im Eil­tem­po, weil sie sich auf dün­nes Eis wag­te. „Das Ge­mäl­de mit den zwei Bäue­rin­nen hin­ter Ih­rem Schreib­tisch, ist das von Leibl?“„Gnä­di­ge Frau ken­nen den Leibl?“Sei­ne Au­gen blitz­ten. Sie hat­te ihn über­rascht.

„Sei­ne Por­träts vor al­lem …“Ro­sa hielt ih­re Ant­wort be­wusst va­ge. „Was, wenn er mich in ein Fach­ge­spräch ver­wi­ckelt? Ich ha­be doch kei­ne Ah­nung von die­sem Leibl“, hat­te sie bei Til­ly ge­jam­mert, als die­se ihr Kunst­post­kar­ten von Leibl-Bil­dern zeig­te. „Stich­wor­te ge­nü­gen“, hat­te sie er­wi­dert. „Er wird re­den, weil er über nichts lie­ber re­det als über sei­ne Kunst­samm­lung. Sieh zu, dass er dir nicht nur die Bil­der, son­dern auch die Kli­nik zeigt!“

„Im Ru­he­raum hängt noch ein wei­te­rer Leibl und in der Bi­b­lio­thek ein Schuch und ein Tr­üb­ner“, ver­riet er ihr, wäh­rend er wie­der sei­ne Ta­schen­uhr her­aus­zog und die Uhr­zeit prüf­te: „Kom­men S’, ich zei­ge sie Ih­nen. Wis­sen S’, ’s gibt nicht vie­le Men­schen mit so ei­nem Kunst­ver­stand.“

Er bot ihr den Arm, Ro­sa hak­te sich bei ihm ein und moch­te nicht so recht glau­ben, dass die Stra­te­gie der Psy­cho­lo­gin wirk­lich auf­ging. Neu­haus schwa­dro­nier­te über Leibl, hol­te bei je­dem Bild weit aus. Es war, wie Til­ly La­pid vor­her­ge­sagt hat­te: Ro­sa muss­te nur zu­hö­ren und be­kam en pas­sant noch das La­bo­ra­to­ri­um, den Ope­ra­ti­ons­saal und die Zim­mer für die Pa­ti­en­ten ge­zeigt.

„Und der Kanz­ler? Wo ist er un­ter­ge­bracht?“

„Der Kanz­ler liebt das blaue St­überl. Er schaut so ger­ne auf die al­te Ei­che vor dem Fens­ter.“Na­tür­lich, wenn die Frau Pro­fes­sor das se­hen wol­le, dann ma­che man noch ei­nen Ab­ste­cher in den zwei­ten Stock. Es sei schon her­ge­rich­tet für den ho­hen Be­such. „So kom­men S’.“Kurz blitz­te in sei­nen Au­gen ein Fun­ke Bös­ar­tig­keit auf, als er ihr auf der Trep­pe den Vor­tritt ließ.

„Schau­en S’, der Ro­sen­strauch ist vom Hai­der“, er­klär­te er voll Be­sit­zer­stolz und deu­te­te auf ein klei­nes Ge­mäl­de über dem Bett. „’s gibt ja nichts, was er so sehr liebt wie Ro­sen, der Kanz­ler.“

Ro­sa schmier­te Neu­haus’ Re­de­fluss mit vie­len Ohs und Ahs, hielt ihn mit Halb­sät­zen zur Farb­ge­bung oder Strich­set­zung der Bil­der auf Tr­ab und präg­te sich die wich­ti­gen Ein­zel­hei­ten der Kli­nik ein. Das Ru­he­zim­mer des Kanz­lers lag im zwei­ten Stock, und die Ei­che, von der Neu­haus ge­spro­chen hat­te, stand im ge­schlos­se­nen In­nen­hof der Kli­nik. Ro­sa war er­leich­tert, dass sie bei ei­nem Blick aus dem Fens­ter kei­ne gu­te Po­si­ti­on für ei­nen Scharf­schüt­zen aus­ma­chen konn­te.

„Möch­ten S’ noch un­term Bett nach­schaun?“

„Nein, nein“, stam­mel­te Ro­sa, der ab­wech­selnd heiß und kalt wur­de. „Es ist nur … weib­li­che Neu­gier … Wann hat man schon ein­mal den­sel­ben Blick aus ei­nem Fens­ter wie der Kanz­ler?“

„Wenn sich die Neu­gier ei­ner Frau so leicht be­frie­di­gen lässt …“

Der lei­se Spott in sei­ner Stim­me war so do­siert, dass Ro­sa nicht wuss­te, ob er sie neck­te oder warn­te, weil er ahn­te, dass sie ihm et­was vor­spiel­te. Er­neut zog er sei­ne Ta­schen­uhr her­aus, klapp­te sie auf und wie­der zu.

„Ich be­dau­er, dass ich jetzt pres­sie­ren muss. Ich tät so gern wei­ter mit Ih­nen plau­dern. Wis­sen S’ was? Kom­men S’ doch mor­gen Abend zu un­se­rer klei­nen Soi­ree. Dann kann ich Ih­nen zei­gen, was bei uns zu Hau­se noch al­les an den Wän­den hängt. Mei­ne Frau spielt ein bis­serl Schu­mann: „Kin­der­sze­nen“, „Träu­me­rei“, „Glücks ge­nug“und so wei­ter. Es sind ein paar Pa­ti­en­ten und Freun­de da, und vi­el­leicht gibt uns auch der Kanz­ler mit sei­ner Toch­ter die Eh­re. Den Herrn Ge­mahl brin­gen S’ na­tür­lich mit.“

„Ger­ne“, er­wi­der­te Ro­sa baff. Plötz­lich lief es, und sie be­kam Angst vor der ei­ge­nen Cou­ra­ge.

Hunds­eck

Das Tril­lern ei­nes Zaun­kö­nigs hol­te Ag­nes aus dem Schlaf. Sie schlug die Bett­de­cke zur Sei­te, taps­te ans of­fe­ne Fens­ter und ent­deck­te den win­zi­gen Vo­gel auf ei­ner wind­schie­fen Kie­fer. Sein har­tes „Tek, tek, tek“wur­de von ei­nem auf­ge­reg­ten „dz­rr, dz­rr“ab­ge­löst, als er sie be­merk­te. Da sie ste­hen blieb und sich nicht rühr­te, be­ru­hig­te sich der Vo­gel und rief bald wie­der sein fre­ches „Tek, tek, tek“. Als Ag­nes den Blick über den Vo­gel hin­weg zu dem tau­be­netz­ten Ra­sen des Ski­han­ges in Rich­tung Wald­rand rich­te­te, sah sie dort ei­ne Ri­cke mit zwei Jun­gen gra­sen und freu­te sich an den noch un­si­che­ren Be­we­gun­gen der Reh­kit­ze. Hin­ter dem Mehlis­kopf kroch nun die Mor­gen­son­ne em­por und ließ die Tau­trop­fen auf dem Gras wie Per­len glit­zern. Ag­nes sog die fri­sche Mor­gen­luft und das fried­li­che Bild ein und nahm dies al­les als Zei­chen da­für, dass der schwar­ze En­gel nun end­gül­tig aus ih­rem Le­ben ver­schwun­den war. Fort­set­zung folgt

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