Ver­wund­bar

Pforzheimer Kurier - - POLITIK - RU­DI WAIS

Um zu er­ken­nen, auf wel­chem schma­len Grat auch sie sich be­wegt, muss An­ge­la Mer­kel nur nach Frank­reich schau­en. Bis zu den An­schlä­gen in Paris vor gut ei­nem Jahr war Fran­cois Hol­lan­de ein mit­tel­mä­ßig be­lieb­ter, aber doch fest in sei­nem Sat­tel sit­zen­der Prä­si­dent. An­schlie­ßend schnell­ten sei­ne Po­pu­la­ri­täts­wer­te so­gar nach oben, weil er mit sei­ner har­ten Li­nie im Kampf ge­gen den Ter­ror den Nerv der Fran­zo­sen traf. Mitt­ler­wei­le je­doch ist Hol­lan­de po­li­tisch ge­schei­tert: Er hat ge­re­det, aber nicht ge­lie­fert. Erst vor we­ni­gen Ta­gen hat die Re­gie­rung den Aus­nah­me­zu­stand bis Ju­li ver­län­gert.

Von der­art dras­ti­schen Maß­nah­men ist Deutsch­land nach dem At­ten­tat vom Breit­scheid­platz zwar so weit ent­fernt wie von ei­nem Wech­sel der Ver­ant­wort­lich­kei­ten im Kanz­ler­amt. Mit der Be­schwich­ti­gungs­rhe­to­rik der ver­gan­ge­nen Ta­ge al­ler­dings wird die Ko­ali­ti­on die Men­schen kaum be­ru­hi­gen kön­nen, da­zu ist von den Er­eig­nis­sen in der Köl­ner Sil­ves­ter­nacht über die An­schlä­ge von Würz­burg und Ans­bach bis zu den zwölf To­ten von Ber­lin ein­fach zu viel pas­siert in die­sem Jahr.

Horst See­ho­fers Auf­for­de­rung an An­ge­la Mer­kel, ih­re Flücht­lings­po­li­tik noch ein­mal zu über­den­ken und neu zu ver­mes­sen, ist kei­ne po­pu­lis­ti­sche Pro­vo­ka­ti­on, son­dern ei­ne schlich­te Selbst­ver­ständ­lich­keit. Das At­ten­tat vom Mon­tag wird Deutsch­land viel­leicht mehr ver­än­dern, als es die Bür­ger im Mo­ment wahr­ha­ben wol­len, es hat auch Deutsch­land die ei­ge­ne Ver­wund­bar­keit ge­zeigt und ei­ne Rei­he von Ris­sen in der hoch­ge­lob­ten Si­cher­heits­ar­chi­tek­tur. Wie,

zum Bei­spiel, kann es sein, dass die Nach­rich­ten­diens­te ei­nen Mann aus den Au­gen ver­lie­ren, den meh­re­re Be­hör­den un­ab­hän­gig von­ein­an­der als Ge­fähr­der ein­ge­stuft ha­ben? War­um wird die­ser Mann in Deutsch­land noch ge­dul­det, ob­wohl er straf­fäl­lig ge­wor­den ist, sein Asyl­an­trag längst ab­ge­lehnt wur­de und er of­fen­bar so­gar schon in Ab­schie­be­haft saß? Mit ih­ren Asyl­pa­ke­ten ha­ben Uni­on und SPD ver­sucht, das ei­ne zu tun, oh­ne das an­de­re zu las­sen, näm­lich wei­ter Flücht­lin­ge auf­zu­neh­men, da­bei aber ge­nau­er zwi­schen de­nen zu tren­nen, die un­se­re Hil­fe tat­säch­lich be­nö­ti­gen, und de­nen, die nur auf gut Glück kom­men. Das aber heißt dann auch, dass ein ein­schlä­gig be­kann­ter Sala­fist un­ver­züg­lich ab­ge­scho­ben wer­den muss oder zu­min­dest in Ab­schie­be­haft bleibt – schließ­lich gilt Tu­ne­si­en in­zwi­schen als si­che­res Her­kunfts­land. Und das heißt auch, dass je­der Asyl­be­wer­ber so ge­nau un­ter die Lu­pe ge­nom­men wer­den muss, dass am En­de klar ist, mit wem Deutsch­land es da zu tun hat. Of­fen­bar hat Anis Am­ri sei­ne Iden­ti­tä­ten ge­wech­selt wie an­de­re Leu­te ih­re Wä­sche – ob­wohl die Ter­ror­fahn­der ihn schon seit Mo­na­ten auf ih­rem Ra­dar hat­ten.

Neun Mo­na­te vor der Bun­des­tags­wahl ist zwar die Zahl der Flücht­lin­ge zu­rück­ge­gan­gen, da­mit al­lei­ne aber wird die Po­li­tik das ver­lo­ren ge­gan­ge­ne Ver­trau­en aber nicht zu­rück­ge­win­nen. Deutsch­land hat ein In­te­gra­ti­ons­pro­blem – und ein Si­cher­heits­pro­blem. So ge­se­hen geht es An­ge­la Mer­kel nicht viel bes­ser als Fran­cois Hol­lan­de. Auch sie hat noch nicht ge­lie­fert.

Deutsch­land hat ein Si­cher­heits­pro­blem

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