Dra­ma im Fah­rer­haus

Nach dem Ter­ror von Ber­lin re­kon­stru­ie­ren Er­mitt­ler die Tat und fahn­den nach ei­nem neu­en Ver­däch­ti­gen

Pforzheimer Kurier - - DER ANSCHLAG UND DIE FOLGEN - Von un­se­rem Kor­re­spon­den­ten Mar­tin Fer­ber

Er hat­te min­des­tens drei Na­men und konn­te un­be­merkt sei­ne Iden­ti­tä­ten wech­seln. Mal gab er sich als Ah­med Al­mas­ri aus, ge­bo­ren im tu­ne­si­schen Sken­di­ra, mal als Anis Am­ri, ge­bo­ren in Ta­ta­oui­ne in Tu­ne­si­en, und wie­der mal als Mo­ham­med Has­sa aus Alex­an­dria. Und auch über sein Al­ter mach­te er un­ter­schied­li­che An­ga­ben, mal war er 21 Jah­re alt, mal 23 Jah­re. Nur so viel scheint klar zu sein: Seit Ju­li 2015 hielt er sich in Deutsch­land auf, nach­dem er über Ita­li­en ein­ge­reist war, sein An­trag auf Asyl war ab­ge­lehnt wor­den, seit April die­sen Jah­res war er im Be­sitz ei­ner Dul­dung, die im nord­rhein­west­fä­li­schen Kreis Kle­ve aus­ge­stellt wor­den war. Of­fi­zi­ell ge­mel­det war er in ei­ner Asyl­un­ter­kunft in der Stadt Em­me­rich am Rhein, ob­wohl seit Fe­bru­ar 2016 Ber­lin sein Le­bens­mit­tel­punkt war.

Die­se Dul­dungs­be­schei­ni­gung spielt nun ei­ne ent­schei­den­de Rol­le bei der Auf­klä­rung des Ter­ror­an­schlags von Ber­lin, bei dem zwölf Men­schen auf dem Weih­nachts­markt an der Ge­dächt­nis­kir­che ge­tö­tet und 49 ver­letzt wur­den, da­von 14 schwer. Denn sie wur­de un- ter ei­nem Sitz im Fah­rer­haus des Sat­tel­schlep­pers ge­fun­den, mit dem der Tä­ter un­ge­bremst in die Bu­den­stra­ße ge­don­nert war und da­bei das schreck­li­che Blut­bad an­ge­rich­tet hat­te. Al­ler­dings wol­len Si­cher­heits­krei­se nicht aus­schlie­ßen, dass die­se Pa­pie­re mög­li­cher­wei­se von ei­nem Drit­ten dort mit Ab­sicht aus­ge­legt wur­den, um ei­ne fal­sche Fähr­te zu le­gen. Dies müs­se man bei den Er­mitt­lun­gen be­rück­sich­ti­gen.

Der Po­li­zei ist der Tu­ne­si­er, der sich ab­wech­selnd in Nord­rhein-West­fa­len, Ba­den-Würt­tem­berg und in Ber­lin auf­hielt, al­ler­dings kein Un­be­kann­ter – ge­gen ihn wur­de nicht nur we­gen Kör­per­ver­let­zung und ge­fähr­li­cher Kör­per­ver­let­zung er­mit­telt, son­dern er galt nach Er­kennt­nis­sen des ge­mein­sa­men Ter­ror­ab­wehr­zen­trums von Bund und Län­dern auch als so­ge­nann­ter Ge­fähr­der, als ra­di­ka­ler Ex­tre­mist mit Ver­bin­dun­gen in die sala­fis­ti­sche Sze­ne, dem je­der­zeit ein An­schlag zu­ge­traut wur­de. Nach An­ga­ben des nord­rhein-west­fä­li­schen In­nen­mi­nis­ters Ralf Jä­ger (SPD) soll­te er ab­ge­scho­ben wer­den, nach­dem das nord­rhein-west­fä­li­sche Lan­des­kri­mi­nal­amt ge­gen ihn ein Ver­fah­ren we­gen des Ver­dachts ei­ner schwe­ren staats­ge­fähr­den­den Straf­tat ein­ge­lei­tet hat­te. Doch dies schei­ter­te, da er kei­ne gül­ti­gen Pa­pie­re hat­te und Tu­ne­si­en be­stritt, dass er aus ih­rem Land stam­me. Die bei den tu­ne­si­schen Be­hör­den be­an­trag­ten Er­satz­pa­pie­re ka­men aus­ge­rech­net am gest­ri­gen Mitt­woch an. Auch in Ita­li­en soll Anis Am­ri kein Un­be­kann­ter sein. Nach ita­lie­ni­schen Me­dien­be­rich­ten soll er dort vier Jah­re im Ge­fäng­nis ge­ses­sen ha­ben. 2011 sei er als Flücht­ling nach Ita­li­en ge­kom­men und in ei­nem Auf­fang­la­ger für Min­der­jäh­ri­ge auf Si­zi­li­en un­ter­ge­bracht wor­den, be­rich­te­te die Nach­rich­ten­agen­tur An­sa ges­tern Abend un­ter Be­ru­fung auf Er­mitt­ler­krei­se. In dem La­ger ha­be er Sach­be­schä­di­gun­gen und „di­ver­se Straf­ta­ten“be­gan­gen. Nach Be­rich­ten der Zei­tung „La Stam­pa“soll er das Auf­fang­la­ger an­ge­zün­det ha­ben. Als Voll­jäh­ri­ger wur­de er den In­for­ma­tio­nen zu­fol­ge fest­ge­nom­men, kam vor Ge­richt und wur­de zu ei­ner vier­jäh­ri­gen Haft­stra­fe ver­ur­teilt. Nach Ver­bü­ßung der Stra­fe sei er des Lan­des ver­wie­sen wor­den, hieß es wei­ter. Bei der ge­plan­ten Aus­wei­sung ha­be es je­doch Pro­ble­me mit den tu­ne­si­schen Be­hör­den ge­ge­ben. Am­ri ha­be Ita­li­en ver­las­sen und sich nach Deutsch­land ab­set­zen kön­nen.

Der Tu­ne­si­er hat­te in­ten­si­ve Kon­tak­te zum Netz­werk des ira­kisch­stäm­mi­gen is­la­mi­schen Pre­di­gers Abu Wa­laa, der in Hil­des­heim Kopf ei­ner sala­fis­ti­schen Grup­pe war, bei zahl­rei­chen sala­fis­ti­schen Ver­an­stal­tun­gen als Red­ner auf­trat und jun­ge Män­ner für den Kampf an der Sei­te der Ter­ror­mi­li­zen des Is­la­mi­schen Staa­tes (IS) in Sy­ri­en an­warb. Am 8. No­vem­ber war Abu Wa­laa we­gen des Vor­wurfs der Un­ter­stüt­zung ei­ner aus­län­di­schen ter­ro­ris­ti­schen Ver­ei­ni­gung fest­ge­nom­men wor­den. Und auch in Kle­ve gibt es ein sala­fis­ti­sches Zen­trum. Zu­dem prü­fen die Er­mitt­ler, wel­che Kon­tak­te der Tu­ne­si­er in Ber­lin hat­te, in wel­chen Krei­sen er ver­kehr­te und wer ihn mög­li­cher­wei­se bei dem An­schlag un­ter­stütz­te. Seit meh­re­ren Wo­chen war er un­ter­ge­taucht. Nun ist er in Deutsch­land und im Schen­gen-Raum zur Fahn­dung aus­ge­schrie­ben. Das Bun­des­kri­mi­nal­amt (BKA) sucht im Auf­trag des Ge­ne­ral­bun­des­an­walt mit ei­ner Öf­fent­lich­keits­fahn­dung nach dem Mann. Im Zu­sam­men­hang mit dem An­schlag auf den Weih­nachts­markt fahn­de man nach Anis Am­ri, teil­te die Karls­ru­her Be­hör­de am Abend mit. Der 24-Jäh­ri­ge, ge­bo­ren in Tu­ne­si­en, sei et­wa 1,78 Me­ter groß, wie­ge et­wa 75 Ki­lo­gramm, ha­be schwar­ze Haa­re und brau­ne Au­gen. Die Fahn­dung wird mit der War­nung ver­knüpft: „Vor­sicht: Er könn­te ge­walt­tä­tig und be­waff­net sein!“Wer die Per­son se­he, sol­le die Po­li­zei be­nach­rich­ti­gen und sich selbst nicht in Ge­fahr brin­gen. Für Hin­wei­se, die zur Er­grei­fung des Be­schul­dig­ten füh­ren, ist ei­ne Be­loh­nung von bis zu 100 000 Eu­ro aus­ge­setzt.

Ges­tern Nach­mit­tag hat­ten be­reits rund 150 schwer be­waff­ne­te Po­li­zis­ten die Flücht­lings­un­ter­kunft in Em­me­rich durch­sucht, in der er ge­mel­det war. Gleich­zei­tig war die Po­li­zei nach der Si­che­rung des Tat­fahr­zeugs und der Auf­nah­me al­ler Spu­ren am Tat­ort, dar­un­ter auch DNA-Spu­ren und Fin­ger­ab­drü­cke im Fah­rer­haus, da­bei, das Tat­ge­sche­hen mi­nu­ti­ös zu re­kon­stru­ie­ren. Wo­bei al­les da­für spricht, dass es ein furcht­ba­rer Zu­fall war, dass der Tä­ter aus­ge­rech­net den Sat­tel­schlep­per des pol­ni­schen Spe­di­teurs Ari­el Zu­raw­ski aus der Nä­he von Stet­tin als Tat­waf­fe miss­brauch­te. Denn ei­gent­lich soll­te der 37-jäh­ri­ge Fah­rer Lu­kasz U. erst am Di­ens­tag­mor­gen sei­ne La­dung, 25 Ton­nen Bau­stahl aus Tu­rin, bei Thys­sen­Krupp am Fried­rich-Krau­seU­fer am Ber­li­ner West­ha­fen in Moabit ab­lie­fern. Aber er er­reich­te schon am Mon­tag­nach­mit­tag sein Ziel und muss­te den Sat­tel­schlep­per, weil al­le Park­plät­ze auf dem Fir­men­ge­län­de be­legt wa­ren, am Stra­ßen­rand ab­stel­len. Das wur­de ihm zum Ver­häng­nis. Denn der Tä­ter brach­te das Fahr­zeug samt Fah­rer in sei­ne Ge­walt. Als die Frau des Fah­rers ih­ren Mann um 16 Uhr an­ru­fen woll­te, war er nicht mehr zu er­rei­chen. Um kurz nach halb acht am Mon­tag­abend fuhr der Last­wa­gen los und mach­te sich vom Fried­richKrau­se-Ufer auf den Weg zum Breit­scheid­platz, ein­mal ver­fuhr er sich und muss­te in ei­ner Sei­ten­stra­ße wen­den.

Im Fah­rer­haus müs­sen sich wäh­rend der Fahrt dra­ma­ti­sche Sze­nen ab­ge­spielt ha­ben. Nach Er­kennt­nis­sen der Po­li­zei war der pol­ni­sche Fah­rer noch am Le­ben, als der 40-Ton­ner un­ge­bremst und mit aus­ge­schal­te­ten Lich­tern in die Bu­den­stra­ße am Breit­scheid­platz ras­te. Dies ha­be die Ob­duk­ti­on er­ge­ben. Erst als das Fahr­zeug zum Ste­hen kam, wur­de er mit ei­ner klein­ka­li­bri­gen Waf­fe er­schos­sen. Zu­vor gab es nach den aus­ge­wer­te­ten Spu­ren im Füh­rer­haus noch ei­nen Kampf zwi­schen den bei­den Män­nern, bei dem der Po­le mit meh­re­ren Mes­ser­sti­chen schwer ver­letzt wur­de. Die Er­mitt­ler wol­len nicht aus­schlie­ßen, dass er zu­vor noch ver­sucht hat­te, ins Lenk­rad zu grei­fen, um die Fahrt­rich­tung zu än­dern. Dies wür­de er­klä­ren, war­um der Sat­tel­schlep­per, der mit Tem­po 65 in den Weih­nachts­markt don­ner­te, nicht ge­ra­de­aus wei­ter­fuhr, son­dern nach rund 80 Me­tern ei­ne schar­fe Kur­ve nach links mach­te und wie­der auf der Bu­da­pes­ter Stra­ße zum Ste­hen kam. Viel spre­che da­für, heißt es in Si­cher­heits­krei­sen, dass der Mann durch sein Ein­grei­fen ein noch grö­ße­res Blut­bad ver­hin­der­te. Der Tä­ter ver­ließ das Füh­rer­haus und konn­te un­er­kannt in dem Cha­os, das er an­ge­rich­tet hat­te, flie­hen. Mög­li­cher­wei­se wur­de auch er bei dem Kampf ver­letzt, die Po­li­zei fand im Fah­rer­haus Blut­spu­ren.

In Ber­lin nor­ma­li­sier­te sich das Le­ben ges­tern wie­der wei­test­ge­hend. Al­le Weih­nachts­märk­te, die am Vor­tag ge­schlos­sen hat­ten, wur­den ge­öff­net, al­ler­dings mit gro­ßen Be­ton­sper­ren als zu­sätz­li­cher Si­che­rung. Nur der Markt am Breit­scheid­platz blieb ge­schlos­sen, er soll heu­te um 11 Uhr wie­der sei­ne To­re öff­nen. Dort spiel­ten sich ges­tern be­we­gen­de Sze­nen ab. Ber­li­ner und Tou­ris­ten aus al­ler Welt leg­ten an drei Or­ten im Um­feld des ab­ge­rie­gel­ten Ge­län­des Blu­men oder Ker­zen nie­der, in der Ge­dächt­nis­kir­che konn­ten die Trau­ern­den in­ne­hal­ten. Am Nach­mit­tag ga­ben Flücht­lin­ge und Ber­li­ner in der Nä­he des An­schlags­or­tes ein klei­nes Konzert. Bun­des­prä­si­dent Joa­chim Gauck be­such­te die Ver­letz­ten in der Ber­li­ner „Cha­rité“und sprach ih­nen Mut zu. „Sie sol­len spü­ren, dass sie nicht al­lein sind.“

Gauck be­sucht Ver­letz­te in der „Cha­rité“

SPU­REN IM LAST­WA­GEN: Kurz vor dem An­schlag müs­sen sich im Fah­rer­haus dra­ma­ti­sche Sze­nen ab­ge­spielt ha­ben, wo­mög­lich hat der pol­ni­sche Lkw-Fah­rer, der tot auf dem Bei­fah­rer­sitz ge­fun­den wor­den war, ein noch grö­ße­res Blut­bad ver­hin­dert. Fotos: dpa

SI­CHER­HEITS­VOR­KEH­RUN­GEN: In zahl­rei­chen Städ­ten wur­de der Schutz der Weih­nachts­märk­te ver­stärkt, Be­ton­pfei­ler sol­len An­schlä­ge mit ei­nem Lkw ver­hin­dern.

GE­SUCHT: Das BKA ver­öf­fent­lich­te ges- tern die­se Fotos von Anis Am­ri. Fotos: BKA

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