„Brecht das Kreuz“

Die IS-Ter­ror­mi­liz re­kla­miert den An­schlag für sich – das passt zur neu­en Pro­pa­gan­da-Stra­te­gie

Pforzheimer Kurier - - DER ANSCHLAG UND DIE FOLGEN - Von un­se­rem Mit­ar­bei­ter Jan Kuhl­mann

Wie­der ein­mal will es die Ter­ror­mi­liz Is­la­mi­scher Staat (IS) ge­we­sen sein. In ei­ner kur­zen Mit­tei­lung mel­de­te das ISSprach­rohr Amaq, ein „Sol­dat“der Ex­tre­mis­ten ha­be den An­griff auf den Ber­li­ner Weih­nachts­markt aus­ge­führt – aus Ra­che für Deutsch­lands Be­tei­li­gung an der in­ter­na­tio­na­len Ko­ali­ti­on, die in Sy­ri­en und im Irak ge­gen die Dschi­ha­dis­ten kämpft. Be­wie­sen ist da­mit je­doch noch längst nicht, dass die Ter­ror­mi­liz tat­säch­lich hin­ter der To­des­fahrt des Last­wa­gens steckt.

Der IS streu­te die Mel­dung zwar über sei­ne üb­li­chen Ka­nä­le im In­ter­net, auch Form und Spra­che äh­nel­ten frü­he­ren Be­kennt­nis­sen. Un­ge­wöhn­lich war in die­sem Fall, dass das Be­kennt­nis kam, noch ehe der An­grei­fer ge­stellt wur­de. Doch als Be­leg für die Tä­ter­schaft des IS reicht das nicht – zu­mal Amaq ge­stützt auf nicht nä­her be­nann­te „Si­cher­heits­krei­se“nur Fak­ten mel­de­te, die längst in den Me­di­en kur­sier­ten. Über­ra­schend al­ler­dings wä­re es nicht, soll­te der IS für den An­griff ver­ant­wort­lich sein. Er wür­de sich ein­rei­hen in an­de­re At­ten­ta­te der ver­gan­ge­nen Mo­na­te, zu de­nen sich die Ex­tre­mis­ten be­kannt ha­ben.

So re­kla­miert der IS für sich auch die Ter­ror­ak­te in Niz­za, Würz­burg, Ans­bach, Brüssel und Paris. Hin­zu kom­men zahl­rei­che Blut­ta­ten in Län­dern au­ßer­halb Eu­ro­pas. Erst vor ei­ner Wo­che hat­te Amak ge­mel­det, ein „Mär­ty­rer“des IS ha­be den Selbst­mord­an­schlag auf ei­ne kop­ti­sche Kir­che in der ägyp­ti­schen Haupt­stadt Kai­ro be­gan­gen. Auch in is­la­mi­schen Län­dern schickt der IS im­mer wie­der At­ten­tä­ter los.

Be­ob­ach­ter hat­ten schon vor Mo­na­ten da­vor ge­warnt, dass sich der Ter­ror des IS im Aus­land ver­schär­fen könn­te, je mehr die Ex­tre­mis­ten in Sy­ri­en und im

Hass auf die li­be­ra­le und sä­ku­la­re Ge­sell­schaft

Irak un­ter Druck ge­ra­ten. Weil sie dort in den ver­gan­ge­nen Mo­na­ten schwe­re Nie­der­la­gen er­lit­ten ha­ben, ver­la­gert der IS sei­nen Kampf ge­gen den „Un­glau­ben“in an­de­re Län­der. So will er An­hän­ger und Sym­pa­thi­san­ten von sei­ner an­geb­li­chen Stär­ke über­zeu­gen, die welt­weit zur gro­ßen Po­pu­la­ri­tät des IS bei­ge­tra­gen hat. Seit Mo­na­ten hetzt der IS in sei­ner Pro­pa­gan­da zu­dem im­mer schär­fer ge­gen die „Kuf­f­ar“, die „Un­gläu­bi­gen“, im Wes­ten. Auch Deutsch­land ge­rät da­bei re­gel­mä­ßig ins Vi­sier der Dschi­ha­dis­ten, weil sich die Bun­des­wehr in Sy­ri­en und im Irak an der Sei­te der US-ge­führ­ten in­ter­na­tio­na­len Ko­ali­ti­on am Kampf ge­gen die Ter­ror­mi­liz be­tei­ligt. So mach­te die bis­lang letz­te Aus­ga­be des IS-Pro­pa­gan­da­ma­ga­zins „Da­biq“schon auf der ers­ten Sei­te deut­lich, wer für die Dschi­ha­dis­ten ei­ner der schlimms­ten Fein­de ist: „Brecht das Kreuz“prangt in Groß­buch­sta­ben auf dem Ti­tel­blatt der eng­lisch­spra­chi­gen Pu­bli­ka­ti­on, die im ver­gan­ge­nen Som­mer über das In­ter­net ver­brei­tet wur­de. Das Bild da­zu zeigt ei­nen IS-Kämp­fer, der auf dem Dach ei­ner Kir­che ein Kreuz be­sei­tigt. Der Is­lam, so lau­tet die Bot­schaft an die An­hän­ger der Ex­tre­mis­ten, ist auf dem Sie­ges­zug.

Die fol­gen­den 81 Sei­ten le­sen sich wie ein ein­zi­ges Hass­pam­phlet ge­gen das Chris­ten­tum und den Wes­ten. „Wir has­sen Euch zu­al­ler­erst, weil ihr Un­gläu­bi­ge seid“, heißt es in ei­nem Ar­ti­kel. „Wir has­sen Euch, weil Eu­re sä­ku­la­ren, li­be­ra­len Ge­sell­schaf­ten die Din­ge er­lau­ben, die Gott ver­bo­ten hat (...) Wir has­sen Euch we­gen Eu­rer Ver­bre­chen ge­gen die Mus­li­me: Eu­re Droh­nen und Kampf­jets tö­ten und ver­stüm­meln un­ser Volk in der gan­zen Welt.“Ei­ne Frau aus Finn­land mit dem Na­men Umm Kha­lid be­rich­tet zu­gleich, wel­che Er­leich­te­rung sie nach ih­rem Über­tritt zum Is­lam ge­spürt ha­be: „Ich fühl­te so gro­ßen Frie­den.“Weil ihm of­fen­bar häu­fig die Mit­tel feh­len, um gro­ße Ope­ra­tio­nen von lan­ger Hand zu pla­nen, set­zen die Ex­tre­mis­ten seit ei­ni­ger Zeit mehr und mehr auf Ein­zel­tä­ter. Schon vor zwei Jah­ren for­der­te der mitt­ler­wei­le ge­tö­te­te IS-Spre­cher Abu Mo­ham­med al-Ad­na­ni Dschi­ha­dis­ten welt­weit auf, als „ein­sa­me Wöl­fe“ak­tiv zu wer­den. Der in­ne­re Füh­rungs­kreis des IS muss da­bei gar nicht in di­rek­tem Kon­takt zu den At­ten­tä­tern ste­hen. Die Pro­pa­gan­da und Un­ter­stüt­zung von An­hän­gern kön­nen aus­rei­chen, um Sym­pa­thi­san­ten so sehr zu ra­di­ka­li­sie­ren, dass sie zum At­ten­tä­ter wer­den.

Erst im ver­gan­ge­nen Mo­nat gab der IS An­hän­gern in dem Ma­ga­zin „Ru­miyah“(„Rom“), ei­ner an­de­ren Pro­pa­gan­daPu­bli­ka­ti­on, ge­naue An­wei­sun­gen, wie der An­griff ei­nes Ein­zel­tä­ters aus­se­hen soll. Als Vor­bild pries ein Ar­ti­kel mit der Über­schrift „Ter­rortak­ti­ken“den An­griff mit ei­nem Last­wa­gen. „Es ist ei­ne der si­chers­ten und ein­fachs­ten Waf­fen, die man ge­gen die Un­gläu­bi­gen ein­set­zen kann,“heißt es dar­in. Auch ein pas­sen­des Vor­bild konn­te der Ar­ti­kel prä­sen­tie­ren: die Blut­fahrt in Niz­za, wo ein Tu­ne­si­er sei­ne Op­fer eben­falls mit ei­nem Last­wa­gen über­fuhr.

MACHT­DE­MONS­TRA­TI­ON: Vor al­lem über das In­ter­net ver­brei­tet der IS sei­ne Pro­pa­gan­da­vi­de­os und zeigt dar­in oft schwer be­waff­ne­te Kämp­fer. Seit die Ter­ror­mi­liz in Sy­ri­en und im Irak im­mer stär­ker un­ter Druck steht, ver­än­dern sich ih­re Bot­schaf­ten al­ler­dings. Fotos: AFP

KULTURKAMPF: Der IS zer­stört ge­zielt an­ti­ke Sta­tu­en im Irak und in Sy­ri­en.

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