„Wir hat­ten zeit­wei­se ei­nen Kon­troll­ver­lust“

Der ehe­ma­li­ge Ver­fas­sungs­schutz­prä­si­dent Gei­ger über die Ter­ror­ge­fahr, Re­ak­tio­nen der Po­li­tik und die Rol­le des Is­lam

Pforzheimer Kurier - - DER ANSCHLAG UND DIE FOLGEN - HANS­JÖRG GEI­GER wur­de 1995 Ver­fas­sungs­schutz­prä­si­dent. Foto: dpa

Hans­jörg Gei­ger war nach dem En­de der DDR Di­rek­tor beim Bun­des­be­auf­trag­ten für die Sta­si-Un­ter­la­gen, dem heu­ti­gen Bun­des­prä­si­den­ten Joa­chim Gauck. 1995 wur­de Gei­ger Prä­si­dent des Bun­des­amts für Ver­fas­sungs­schutz, ein Jahr spä­ter Prä­si­dent des Bun­des­nach­rich­ten­diens­tes. Gei­ger sieht in der Be­dro­hung durch is­la­mis­ti­schen Ter­ror auch ei­ne Fol­ge von staat­li­chem Kon­troll­ver­lust wäh­rend der Flücht­lings­kri­se, wie der 74-Jäh­ri­ge im Ge­spräch mit un­se­rem Ber­li­ner Kor­re­spon­den­ten Bern­hard Junginger er­klär­te.

Herr Gei­ger, we­ni­ge Deut­sche dürf­ten tie­fe­re Ein­bli­cke in die Welt der Ge­heim­diens­te er­hal­ten ha­ben, als Sie. Hat Sie der An­schlag auf den Ber­li­ner über­rascht? Weih­nachts­markt

Gei­ger: Seit Jah­ren wird ge­nau so et­was be­fürch­tet, jetzt ist es pas­siert. Ei­ni­ge klei­ne­re An­schlä­ge hat es ja schon ge­ge­ben. Auch der At­ten­tä­ter von Ans­bach soll­te nach dem Be­fehl sei­ner Hin­ter­män­ner vom Is­la­mi­schen Staat ur­sprüng­lich ei­nen An­schlag mit ei­nem Fahr­zeug ver­üben. Das schei­ter­te nur dar­an, dass der sy­ri­sche Flücht­ling nicht Au­to­fah­ren konn­te. So zün­de­te er ei­ne Ruck­sack­bom­be, die 15 Men­schen ver­letz­te und ihn selbst tö­te­te.

In Ber­lin wur­de wie schon in Niz­za ein Last­wa­gen zur Waf­fe ...

Gei­ger: Es ist er­schre­ckend, wie sim­pel und ef­fek­tiv die Stra­te­gie der Ter­ro­ris­ten ist. Da braucht es kei­ne lang­wie­ri­gen Vor­be­rei­tun­gen, kei­ne aus­ge­feil­te Fi­nan­zie­rung. Auf­ru­fe und An­lei­tun­gen kur­sie­ren im In­ter­net. Auch Ein­zel­gän­ger kön­nen je­der­zeit für Angst und Schre­cken sor­gen. Ein Wa­gen, der in ei­ne Fuß­gän­ger­zo­ne rast, kann vie­le Men­schen in den Tod rei­ßen.

Im Fall des Ber­li­ner At­ten­tats sind noch vie­le Fra­gen of­fen. Was wis­sen wir all­ge­mein über die Be­dro­hungs­la­ge in Deutsch­land?

Gei­ger: Die Ge­fahr ist und bleibt lei­der ex­trem hoch. Is­la­mis­mus ist hier­zu­lan­de ja kein neu­es Phä­no­men. Schon die At­ten­ta­te vom 11. Sep­tem­ber 2001 wur­den auch von Deutsch­land aus vor­be­rei­tet. In den ver­gan­ge­nen Jah­ren hat die Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on Is­la­mi­scher Staat in Sy­ri­en und im Irak auch aus Deutsch­land star­ken Zu­lauf be­kom­men. Man­che die­ser Kämp­fer sind nach Deutsch­land zu­rück­ge­kehrt. Die un­über­sicht­li­che La­ge wäh­rend der Flücht­lings­kri­se hat der IS ge­nutzt, um An­hän­ger ein­zu­schleu­sen. Zu­dem ge­hen Sala­fis­ten jetzt in die Flücht­lings­hei­me und ver­su­chen, dort An­hän­ger zu re­kru­tie­ren. Sie tref­fen auf vie­le frus­trier­te jun­ge Män­ner, die gro­ße Er­war­tun­gen an das Le­ben in Deutsch­land hat­ten und jetzt im­mer noch in ei­ner Turn­hal­le fest­sit­zen.

Wie hat sich die Auf­nah­me von rund ei­ner Mil­li­on Flücht­lin­gen in Deutsch­land Ih­rer Mei­nung nach auf die Si­cher­heit aus­ge­wirkt?

Gei­ger: Wir hat­ten zeit­wei­se ei­nen Kon­troll­ver­lust. Der Staat war nicht mehr Herr der La­ge, konn­te nicht mehr steu­ern, wer ins Land kommt. Das war auch ein Er­geb­nis der „Groß­zü­gig­keit“der Kanz­le­rin, sie hat das of­fen­bar nicht vor­her­ge­se­hen. Erst die Schlie­ßung der Bal­kan­rou­te hat die Si­tua­ti­on ent­schei­dend be­ru­higt.

Wie kann der Staat die Kon­trol­le zu­rück­ge­win­nen?

Gei­ger: Wir müs­sen jetzt ver­su­chen, das Gan­ze wie­der in ein ge­re­gel­tes Fahr­was­ser zu len­ken. Noch ist of­fen­sicht­lich ei­ne hal­be Mil­li­on Asyl­an­trä­ge nicht ent­schie­den. Das hat jetzt ab­so­lu­te Prio­ri­tät, da­für müss­ten auch noch wei­te­re Mit­ar­bei­ter an­de­rer Be­hör­den her­an­ge­zo­gen wer­den. Auch bei den Flücht­lin­gen, die be­reits re­gis­triert sind, gibt es ja vie­le Fäl­le, in de­nen es Zwei­fel an den An­ga­ben gibt, wenn et­wa kei­ne Päs­se vor­lie­gen. Oft be­steht der Ver­dacht, dass bei Na­men, Al­ter oder Her­kunft un­rich­ti­ge An­ga­ben ge­macht oder ge­fälsch­te Do­ku­men­te vor­ge­legt wur­den. Es feh­len aber die Ka­pa­zi­tä­ten, al­les ge­nau zu über­prü­fen.

Vie­le Bür­ger, die ge­nau die­se Um­stän­de be­kla­gen, füh­len sich von den eta­blier­ten Par­tei­en nicht ernst ge­nom­men ...

Gei­ger: Aber die Ge­sell­schaft braucht Ant­wor­ten auf die­se Fra­gen und die darf nicht die Al­ter­na­ti­ve für Deutsch­land ge­ben, die ja kei­ne Al­ter­na­ti­ve bie­tet. Auch von rechts ge­rät die De­mo­kra­tie stark un­ter Druck, das ist übe­r­all in Eu­ro­pa der Fall. Po­pu­lis­ti­sche Kräf­te nut­zen die La­ge zum Stim­men­fang.

Wie kann ein sol­ches Ab­drif­ten nach rechts ver­hin­dert wer­den?

Gei­ger: Die Po­li­tik muss die Flücht­lings­si­tua­ti­on bes­ser er­klä­ren. Kanz­le­rin Mer­kel hat dies nicht aus­rei­chend ge­tan. Zeit­wei­se wur­den Pro­ble­me ta­bui­siert. Et­wa wenn es um Straf­ta­ten von Flücht­lin­gen geht. Doch mün­di­gen Bür­gern darf man kei­ne In­for­ma­tio­nen vor­ent­hal­ten. Sonst gibt es in ge­hei­men Wah­len den Denk­zet­tel. Zu man­chen The­men hat die Po­li­tik den Kopf in den Sand ge­steckt. Die De­vi­se „Weh­ret den An­fän­gen“wur­de in vie­len Be­rei­chen ver­nach­läs­sigt. Wir sind ei­ne kon­flikt­scheue Ge­sell­schaft ge­wor­den.

Gilt das auch im Ver­hält­nis zum Is­lam? Gei­ger: Ei­ner­seits ist es auch das Ziel der Ter­ro­ris­ten, das Ver­hält­nis zwi­schen den Re­li­gio­nen zu ver­gif­ten und Feind­schaft zu schü­ren. An­de­rer­seits stellt sich schon die Fra­ge, ob sich die of­fi­zi­el­len Ver­tre­ter des Is­lam im­mer deut­lich ge­nug von sala­fis­ti­schen Strö­mun­gen ab­gren­zen. Viel­leicht müs­sen wir die Ver­bän­de zu noch deut­li­che­ren Po­si­tio­nie­run­gen auf­for­dern. Doch das ist nicht ein­fach an­ge­sichts der Tat­sa­che, dass di­ver­se is­la­mi­sche Ver­bän­de von re­gie­rungs­na­hen Or­ga­ni­sa­tio­nen in der Tür­kei und im ara­bi­schen Raum ge­steu­ert und fi­nan­ziert wer­den.

Wo müss­te die Po­li­tik nach dem An­schlag von Ber­lin an­set­zen?

Gei­ger: Ent­schei­dend ist wie­der ein­mal, die rich­ti­ge Ba­lan­ce zwi­schen Si­cher­heit und Frei­heit zu fin­den. Bei­des ge­hört zu­sam­men. Oh­ne Si­cher­heit gibt es kei­ne Frei­heit. Und wie viel Si­cher­heit nö­tig ist, das kann sich än­dern, je nach­dem, wie die Zei­ten sind. Im Mo­ment ist die Her­aus­for­de­rung, dass Ter­ro­ris­ten, de­nen das Le­ben egal ist, ihr ei­ge­nes und das der an­de­ren, die vor nichts zu­rück­schre­cken um mög­lichst vie­le Men­schen zu tö­ten, ge­gen ei­nen Rechts­staat kämp­fen, der li­be­ral, to­le­rant und of­fen ist.

Ist un­ser Si­cher­heits­ap­pa­rat die­sen Her­aus­for­de­run­gen über­haupt ge­wach­sen?

Gei­ger: In der Tat: Die Po­li­zei ist nach Spar­run­den teil­wei­se un­ter­be­setzt. Aber kein Po­li­ti­ker wird das zu­ge­ben. Und neue Po­li­zis­ten las­sen sich nicht so schnell aus­bil­den.

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