Bri­git­te Gla­ser Büh­ler­hö­he

Pforzheimer Kurier - - BENNI / ROMAN -

Die ers­ten ein, zwei St­un­den des Mor­gens ver­brach­te sie wie meist al­lein in dem klei­nen Bü­ro, wäh­rend der Di­rek­tor sei­ne Run­de bei den Gäs­ten mach­te. „Gäs­te­be­treu­ung ist das A und O in der Ho­tel­le­rie! Da ein Kom­pli­ment, dort ein Nach­fra­gen, im­mer de­zent, nie auf­dring­lich, im­mer freund­lich, im­mer zu­vor­kom­mend. Das kann nicht je­der, das braucht jah­re­lan­ge Er­fah­rung plus ein Ele­fan­ten­ge­dächt­nis plus das nö­ti­ge Fin­ger­spit­zen­ge­fühl. Vie­les kann man ler­nen, vie­les muss man ler­nen, aber es muss ei­nem auch im Blut lie­gen. Und in Ih­rem Blut liegt nichts da­von. Das ist so schwer­fäl­lig und grob­schläch­tig wie das der Holz­fäl­ler und Bau­ern, von de­nen Sie ab­stam­men“, pre­dig­te ihr Hart­mann im­mer, wenn er sei­ne Run­de be­en­det hat­te und ins Bü­ro zu­rück­kehr­te.

Heu­te wür­de ihr die Pre­digt nicht zu­set­zen, heu­te war sie froh über ihr schwer­fäl­li­ges Blut, das nach den Schre­cken der letz­ten Ta­ge end­lich wie­der trä­ge durch ih­ren Kör­per floss. Sie schrieb Rech­nun­gen, über­trug Bu­chungs­be­le­ge in Ta­bel­len, kon­trol­lier­te die Abrech­nun­gen der Kell­ner, hol­te die Post und leg­te sie auf den Schreib­tisch des Di­rek­tors, der sie nach sei­ner Rück­kehr so­fort sor­tier­te.

„Brin­gen Sie in der Mit­tags­pau­se die zwei Brie­fe zur Berg­wacht.“Hart­mann reich­te ihr die Um­schlä­ge. Dann hol­te er Luft und be­gann mit sei­ner Pre­digt.

Zwei St­un­den spä­ter trat sie hin­aus in die hel­le Mit­tags­son­ne, und ihr wur­de leicht ums Herz. So­bald sie die Ter­ras­se hin­ter sich ge­las­sen hat­te, hüpf­te sie den Rest des We­ges wie ein klei­nes Mäd­chen. Ih­re Freu­de hielt an, als sie die Lam­bret­ta sah. Al­so hat­te der Frido­lin Gschwen­der wie­der Di­enst.

„Und, hast du die Wal­burg g’fun­de?“, woll­te er wis­sen, als er ihr die Brie­fe ab­nahm. Ag­nes nick­te. „Hab mir ein bis­sel Sor­gen g’macht. Hätt dich nicht al­lein las­sen sol­len so spät am Abend bei der Her­tahüt­te. Bin froh, dass du g’sund und mun­ter bist. Gar nim­mer so kä­sig wie beim letz­ten Mal.“

Er lä­chel­te. Ag­nes lä­chel­te zu­rück und merk­te da­bei, wie ein selt­sa­mes Krib­beln ih­ren Kör­per streif­te. Der Frido­lin hat­te sich Sor­gen um sie ge­macht! Manch ei­ne aus dem Büh­ler­tal hat­te schon ein Au­ge auf ihn ge­wor­fen, auch sie, aber nur heim­lich. Er war ein fe­scher Kerl und ein be­gehr­ter Tän­zer. Sein Va­ter war der Schrei­ner von Büh­ler­tal, der Frido­lin auch Schrei­ner, wenn er nicht bei der Berg­wacht … So ei­ner galt halt schon als gu­te Par­tie. „Hast es ru­hig heut.“„Zum Glück. Ges­tern muss­ten wir bis zur Hor­nis­grin­de hoch, weil sich ei­ne ’s Bein ge­bro­chen hat. Ei­ne Ber­li­ne­rin! Kein ver­nünf­ti­ges Schuh­werk, nur Schlap­pen an den Fü­ßen, schwer wie ei­ne träch­ti­ge Kuh. Zwei St­un­den ha­ben wir ge­braucht, bis wir sie run­ter zum Mum­mel­see g’schleppt ha­ben.“

„Ich muss jetzt wie­der“, sag­te Ag­nes, ob­wohl sie merk­te, dass sie gar nicht weg­woll­te.

„Schad“, ant­wor­te­te der Frido­lin, ver­zog kurz den Mund, dann lä­chel­te er er­neut.

„Die Ar­beit halt.“Ag­nes lä­chel­te zu­rück und schau­te dem Frido­lin ins Ge­sicht.

„Weißt schon, wann du das nächs­te Mal heim ins Büh­ler­tal kannst? Wenn ich dann Di­enst hab, könnt ich dich mit der Lam­bret­ta mit­neh­men.“

Ag­nes schüt­tel­te den Kopf. „Es ist Hoch­sai­son. Und der Bun­des­kanz­ler kommt. Da ist der Hart­mann mit ei­nem frei­en Tag gei­zi­ger als der Ecker­le-Wirt mit dem Frei­bier auf der Kirch­weih.“

„Aber zum Lieb­frau­en­fest muss er dich ge­hen las­sen, sonst les ich ihm persönlich die Le­vi­ten.“

Ag­nes ver­such­te sich vor­zu­stel­len, wie der Frido­lin dem Hart­mann die Le­vi­ten las. Um nicht los­zu­ki­chern, sag­te sie schnell: „Ma­riä Him­mel­fahrt ist Pa­tro­zi­ni­ums­fest, da muss er mir frei­ge­ben. Sonst wür­de er ja Är­ger mit dem Büh­ler­ta­ler Pfar­rer krie­gen.“

„Machst ein Wei­hes­träu­ßel für die Mut­ter­got­tes?“Ag­nes nick­te. „Und nach dem Hoch­amt“, fuhr der Frido­lin vor­sich­tig fort. „Da könn­ten wir zwei im Fest­zelt mit­ein­an­der tan­zen. Was meinst?“

„Mol, mol“, stimm­te sie zu. Dann dreh­te sie sich um und rann­te schnell da­von, da­mit der Frido­lin nicht merk­te, wie sie vor Freu­de ganz rot wur­de. Sie dreh­te sich noch ein­mal um und sah, dass er sich nicht vom Fleck ge­rührt hat­te. Sie wink­te und war so froh wie lan­ge nicht mehr.

Wie­der am Schreib­tisch, setz­te sie ih­re Ar­beit fort, und wenn ih­re Au­gen ei­ne Pau­se von den Zah­len­ko­lon­nen brauch­ten, sah sie aus dem Fens­ter und dach­te an das Wei­hes­träu­ßel. Für die Bu­ben der Palm­ste­cken an Palm­sonn­tag, für die Mäd­chen das Wei­hes­träu­ßel an Ma­riä Him­mel­fahrt. Drei­und­drei­ßig Pflan­zen brauch­te man da­für: La­ven­del und Frau­en­man­tel, Spitz­we­ge­rich und Wolfs­milch, Frau­en­lein, Bein­well und Gold­ru­te, Tau­send­gül­den­kraut und Ka­mil­le.

„Sie müs­sen mich zehn Mi­nu­ten an der Re­zep­ti­on ver­tre­ten“, un­ter­brach Hart­mann ih­re Ge­dan­ken. „Lä­cheln, freund­lich sein, nicht stot­tern. Gäs­te bei­ßen nicht, das ha­be ich Ih­nen schon tau­send­mal ge­sagt. We­he, Ih­nen wird wie­der schlecht und Sie brau­chen ein 4711Fläsch­chen!“

Max, der mit ei­nem schwe­ren Ta­blett vol­ler Kaf­fee­k­änn­chen und ei­nem Tel­ler mit Schne­cken­nu­deln das Foy­er durch­quer­te, zwin­ker­te Ag­nes zu, als sie ih­ren Platz hin­ter der Re­zep­ti­on ein­nahm. Der Duft von fri­schem Kaf­fee und war­mem He­fe­ge­bäck ließ ihr das Was­ser im Mund zu­sam­men­lau­fen. Es wä­re schon schön, mal Gast und nicht Die­ner in so ei­nem Haus zu sein. Drau­ßen auf der Ter­ras­se zu sit­zen, mit dem Fin­ger zu schnip­sen und sich dann nicht nur ei­ne Schne­cken­nu­del, son­dern auch noch ein Stück Bis­marck­ei­che mit Schlag­sah­ne zu ge­neh­mi­gen. Und wenn Hart­mann dann sei­ne Run­de dreh­te, müss­te er „gnä­di­ges Fräu­lein“zu ihr sa­gen. Sie kniff den Mund zu­sam­men, da­mit sie nicht lo­s­prus­te­te und die Schwei­zer Da­men ver­är­ger­te. Die leg­ten mal wie­der Pa­ti­en­cen und tru­gen wie im­mer Twin­sets aus fe­der­leich­ter grau­er Wol­le. Graue Twin­sets wür­de sie nie an­zie­hen, eher so ein Blu­men­kleid mit Pet­ti­coat wie die jun­ge Frau Wend­ler, die ges­tern ab­ge­reist war. Dem Frido­lin wür­den die Au­gen aus dem Kopf fal­len.

Brav setz­te Ag­nes ein freund­li­ches Lä­cheln auf, als ein Schwall äl­te­rer Frau­en in Sonn­tags­kos­tü­men ins Foy­er drän­gel­te. Aber die Frau­en in­ter­es­sier­ten sich nicht für Ag­nes, sie stürm­ten al­le­samt auf die Da­men­toi­let­te zu. Sie wa­ren mit dem Bus aus Sch­wet­zin­gen un­ter­wegs, der auf dem Park­platz stand. Für sie schlepp­te Max Kaf­fee und Ku­chen auf die Ter­ras­se. Als die Frau­en von der Toi­let­te ka­men, tratsch­ten sie. Ag­nes schnapp­te ein paar Satz­bro­cken auf: Schwer­ver­letz­te, zwei­mal über­schla­gen, auf­ge­ris­se­nes Dach. Sie wuss­te Be­scheid. Das Bu­s­un­glück vom Vor­tag, al­le re­de­ten da­von. Ganz in der Nä­he, auf der Un­terstmatt, war ein Rei­se­bus mit ei­nem Post­au­to zu­sam­men­ge­sto­ßen. Im­mer wie­der blick­ten die Frau­en sich um. Sie deu­te­ten auf dies und das, ver­si­cher­ten sich, was für ein Glück es war, dass sie nicht in dem Bus ge­ses­sen hat­ten, und starr­ten dann die Schwei­zer Da­men so neu­gie­rig an, dass die­se ver­är­gert die Na­sen rümpf­ten. Hart­mann wür­de die Frau­en auf­for­dern, sich nach drau­ßen zu be­ge­ben. Soll­te sie, Ag­nes, al­so auch …? Nein, die wür­den be­stimmt gleich von selbst ge­hen.

Schaf­gar­be, Schach­tel­halm, Sal­bei, Zi­tro­nen­me­lis­se, Ma­jo­ran, Kö­nigs­ker­ze, Ho­lun­der, Wer­mut, zähl­te sie im Kopf wei­te­re Pflan­zen für das Wei­hes­träu­ßel auf. Gra­de mal sieb­zehn wa­ren es bis­her, ob ihr die feh­len­den noch ein­fie­len oder ob sie die Mut­ter da­nach fra­gen muss­te?

Fort­set­zung folgt

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