Zar­te Spu­ren ei­ner Um­bruch­zeit

Ein schön ge­stal­te­ter und in­for­ma­ti­ver Band über Pflan­zen­dar­stel­lun­gen im Par­la­to­ri­um des Klos­ters Maul­bronn

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

Ake­lei und Eh­ren­preis, Weg­war­te und Win­de, Ro­se und Nel­ke, aber auch Dis­tel und Ver­giss­mein­nicht: Auch wenn die Pflan­zen­welt der­zeit win­ter­starr da­liegt, Blü­ten und Pflan­zen ab­ge­stor­ben sind, so gibt es doch Or­te, an de­nen sie auch jetzt in Blü­te ste­hen – wie et­wa im Par­la­to­ri­um des Klos­ters Maul­bronn. Dort sind die Rip­pen­kreu­zun­gen des an sich schon be­mer­kens­wer­ten Netz­ge­wöl­bes mit Pflan­zen­dar­stel­lun­gen ver­ziert Der Kunst­his­to­ri­ker Re­to Krü­ger, in Maul­bronn auf­ge­wach­sen und dort be­hei­ma­tet, hat sich mit den zart ge­mal­ten Blü­ten und Blät­tern be­fasst und stellt sie nun in ei­nem eben­so schön ge­stal­te­ten wie in­for­ma­ti­ven und kennt­nis­rei­chen Band vor.

Das Par­la­to­ri­um war ein Ort des ver­ba­len Aus­tauschs, wie der Na­me sagt: Das mit­tel­la­tei­ni­sche „pa­ra­bo­la­re“, aus dem sich das fran­zö­si­sche „par­ler“, das ita­lie­ni­sche „par­la­re“oder das deut­sche „par­lie­ren“ent­wi­ckel­ten, meint „spre­chen, re­den.“Im Klos­ter Maul­bronn dien­te der En­de des 15. Jahr­hun­derts er­rich­te­te Bau­teil im Ober­ge­schoss als Bi­b­lio­thek, eben­er­dig wur­de er ver­mut­lich als Ma­ri­en­ka­pel­le ge­nutzt.

Auf die­sen Um­stand ver­weist der ers­te Teil des Ti­tels „Him­mels­blü­ten – Er­den­kräu­ter“, un­ter dem Krü­ger sei­ne Aus­füh­run­gen zu­sam­men­ge­fasst hat. Him­mels­blü­ten wa­ren die De­cken­ma­le­rei­en in­so­fern, als un­ter den ab­ge­bil­de­ten Pflan­zen et­li­che als christ­li­che Sym­bo­le gel­ten. So wur­de et­wa die Ake­lei we­gen ih­rer drei­tei­li­gen Blät­ter als Hin­weis auf die Drei­fal­tig­keit ver­stan­den, wes­halb denn Leo­nar­do da Vin­ci das Ge­wächs bei sei­ner „Fels­grot­ten­ma­don­na“un­mit­tel­bar ne­ben der Mut­ter­got­tes plat­zier­te. Die Ro­se wie­der­um war das Ma­ri­en­sym­bol schlecht­hin, wäh­rend die Nel­ke we­gen ih­rer na­gel­för­mi­gen Früch­te als Hin­weis auf die Pas­si­on Chris­ti ge­deu­tet wur­de.

Krü­ger nimmt al­ler­dings nicht nur die bild­li­che Be­deu­tung der Or­na­men­te in den Blick, auch wenn die Ma­ri­en­ver­eh­rung für den Zis­ter­zi­en­ser­or­den als Grün­der der Maul­bron­ner An­la­ge ei­ne emi­nen­te Rol­le spiel­te. Aber ge­ra­de um das Jahr 1500 war Ma­ria Ge­gen­stand ei­ner fun­da­men­ta­len Aus­ein­an­der­set­zung. Da­bei ging man von der, wie Krü­ger schreibt, „da­mals noch recht jun­gen Vor­stel­lung ei­ner Un­be­fleck­ten Emp­fäng­nis“aus. Sie stand im Mit­tel­punkt hef­ti­ger Kon­tro­ver­sen. Mar­tin Bu­cer (1491 bis 1551) et­wa, spä­ter ei­ner der be­deu­ten­den Theo­lo­gen der Re­for­ma­ti­on, be­stritt sie, in Maul­bronn hin­ge­gen wur­de sie eif­rig be­jaht.

Man leb­te eben in ei­ner Um­bruch­zeit, die sich nicht zu­letzt die ex­ak­te Er­for­schung der Wirk­lich­keit zum Ziel setz­te. Die­ses na­tur­wis­sen­schaft­li­che In­ter­es­se spie­gelt sich in dem zwei­ten Be­griff des Ti­tels: Die dar­ge­stell­ten Ge­wäch­se wa­ren eben auch „Er­den­kräu­ter“, sprich: Sie wur­den für höchst ir­di­sche Zwe­cke, ins­be­son­de­re in der Me­di­zin ein­ge­setzt. Auch die­sem Aspekt des Klos­ter­le­bens geht der Au­tor auf den Grund. Die Qu­el­len­la­ge ist zwar dürf­tig, da bei den Bau­ern­auf­stän­den des 16. Jahr­hun­derts der Bi­b­lio­theks­be­stand des Klos­ters ver­nich­tet wur­de. Aber Krü­ger geht auf die we­ni­gen Frag­men­te ein, die sich er­hal­ten ha­ben, und ver­mit­telt so nicht nur ei­nen Ein­druck vom phar­ma­ko­lo­gi­schen Wis­sen der Zeit, son­dern gibt auch Ein­blick in den prak­ti­schen All­tag der Brü­der und Schwes­tern: So schreibt Bar­ba­ra von Helm­statt, die Äb­tis­sin des Speye­rer Cla­ris­sen­klos­ters, an den Pfle­ger des Maul­bron­ner Hofs (ei­ner Au­ßen­stel­le des Klos­ters), sie wol­le ihm wei­ße Nel­ken schi­cken, da er „Man­gel an wi­ßem neglin“ha­be. Da­für mö­ge er ihr doch „ein kleins steng­lin“Ros­ma­rin über­las­sen. Micha­el Hübl

Re­to Krü­ger: Him­mels­blü­ten – Er­den­kräu­ter. Kräu­ter, Kunst, Arz­nei und Me­di­zin im mit­tel­al­ter­li­chen Maul­bronn. Ver­lag am Klos­ter­tor. 132 Sei­ten, 21,90 Eu­ro.

SYM­BOL DER DREI­FAL­TIG­KEIT: Ake­lei in ei­ner Rip­pen­kreu­zung des Par­la­to­ri­ums von Klos­ter Maul­bronn. Foto: Krü­ger

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