Kraft der Kunst

Wa­g­ners „Meis­ter­sin­ger“am Na­tio­nal­thea­ter Wei­mar

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

Nach fast vier Jahr­zehn­ten sind Richard Wa­g­ners „Meis­ter­sin­ger von Nürn­berg“jetzt wie­der in das Deut­sche Na­tio­nal­thea­ter Wei­mar ein­ge­zo­gen. Ähn­lich wie Goe­thes „Faust“ist die Oper wie kein an­de­res Werk mit der Wei­ma­rer Büh­ne ver­bun­den.

So ex­zel­lent Ge­ne­ral­mu­sik­di­rek­tor (GMD) Ki­rill Ka­ra­b­its die Staats­ka­pel­le Wei­mar lei­tet, so ide­en­reich ent­fal­tet die Re­gis­seu­rin Ve­ra Ne­mi­ro­va das Büh­nen­ge­sche­hen. Ei­ne Aus­ein­an­der­set­zung mit der Oper be­deu­tet für die ehe­ma­li­ge Meis­ter­schü­le­rin von Pe­ter Kon­wit­sch­ny nicht zu­letzt, sich der ver­fäl­schen­den Les­art des Werks im so ge­nann­ten Drit­ten Reich zu stel­len. Mi­t­hin ist es nicht über­ra­schend, dass sie das Ge­sche­hen in der zeit nach dem fa­schis­ti­schen In­fer­no an­sie­delt, gleich­sam als Auf­bruch zu neu­en Ufern.

Schon Tom Muschs nüch­ter­ne Büh­nen­ge­stal­tung und Ma­rie-Thé­rè­se Jos­sens Ko­s­tü­me ver­set­zen das Pu­bli­kum in die Nach­kriegs­zeit. Die Kunst soll­te der von Schuld ge­zeich­ne­ten deut­schen Na­ti­on hel­fen, ei­ne neue Iden­ti­tät zu fin­den. Dar­an er­in­nert die Re­gis­seu­rin gleich zu Be­ginn der Auf­füh­rung, wenn sie noch wäh­rend des Orches­ter­vor­spiels den in ei­nem Ge­mein­de­saal ver­sam­mel­ten Bür­gern Film­bil­der von der Wie­der­er­öff­nung der Opern­häu­ser et­wa in Ber­lin oder Mün­chen prä­sen­tiert.

Welch ab­grund­tie­fer Kon­trast, wenn dann wäh­rend des von Weh­mut ge­präg­ten Vor­spiels zum drit­ten Akt Beck­mes­ser ein ima­gi­nä­res, nicht mehr exis­ten­tes Orches­ter di­ri­giert – ei­ne An­spie­lung auf den in Thü­rin­gen wü­ten­den Kul­tur­ab­bau. Das passt. Stellt doch Wa­gner in den „Meis­ter­sin­gern“zu­vör­derst die Fra­ge nach den ge­sell­schaft­li­chen Be­din­gun­gen, un­ter de­nen Kunst ent­steht und prak­ti­ziert wird, stellt er die Fra­ge nach der Struk­tur ei­nes Ge­mein­we­sens, in dem die Kunst ei­ne le­bens­ge­stal­ten­de Mis­si­on über­neh­men kann.

Für Ne­mi­ro­va steht der Schus­ter­po­et Hans Sachs im Zen­trum. Sie zeich­net ihn als un­ent­weg­ten Kämp­fer, der zwi­schen be­währ­ter Tra­di­ti­on und dem auf­kei­men­den Neu­en ein­fühl­sam zu ver­mit­teln weiß, nicht oh­ne miss­li­chen Kon­ven­tio­nen ei­ne Ab­sa­ge zu er­tei­len. Der Ba­ri­ton Frank van Ho­ve ist da in stimm­li­cher wie dar­stel­le­ri­scher Hin­sicht ein Glücks­fall. Ge­lingt es ihm doch in der Schluss­an­spra­che des Sachs, die Er­neue­rung der Ge­sell­schaft durch die Kunst ein­dring­lich zu be­schwö­ren. Gleich­wohl zeigt sich der miss­ver­stan­de­ne Meis­ter ent­setzt, als die Volks­men­ge ei­nen Ap­pell in über­stei­ger­ten Na­tio­na­lis­mus ver­fälscht.

Au­ßen­sei­ter in der kunst­sin­ni­gen, ob­gleich phi­lis­trö­sen Meis­ter­gil­de ist hier nicht nur Rit­ter Walt­her von Stolzing, son­dern auch der Stadt­schrei­ber Six­tus Beck­mes­ser. Ne­mi­ro­va sieht in ihm ei­nen „zur Pro­vo­ka­ti­on be­rei­ten avant­gar­dis­ti­schen Künst­ler, der sich nicht an­pas­sen will und kann.“Björn Waag gab dem raf­fi­niert-eit­len Ex­zen­tri­ker mit sei­nem fa­cet­ten­rei­chen Ba­ri­ton mar­kan­te Kon­tur. Beck­mes­sers Ri­va­le im Ge­s­angs­wett­be­werb um Evas Hand, al­so Stolzing, ver­kör­per­te Hei­ko Bör­ner mit na­tür­li­cher Darstel­lung und gro­ßem te­no­ra­len Be­mü­hen. Als Ge­winn für die Auf­füh­rung er­wies sich La­ris­sa Krok­hi­na, die mit war­mem So­pran ei­ne tem­pe­ra­ment­vol­le Eva gab. Die Ko­pro­duk­ti­on mit dem Thea­ter Er­furt er­mög­lich­te den Ein­satz der ver­ei­nig­ten Opern­chö­re, so dass die gro­ßen Chor­pas­sa­gen mit vol­ler Strahl­kraft er­klan­gen. Be­ein­dru­ckend das Di­ri­gat von Kar­ab­tits. Dietrich Bretz

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