Schlä­ger, Dea­ler, At­ten­tä­ter?

In sei­nem Le­ben fällt der Ter­ror­ver­däch­ti­ge Anis Am­ri im­mer wie­der als Kri­mi­nel­ler auf

Pforzheimer Kurier - - DER ANSCHLAG UND DIE FOLGEN - Von To­bi­as Roth und Mar­tin Fer­ber

Es ist wie ein Puz­zle, bei dem die ein­zel­nen Tei­le nach und nach ein Ge­samt­bild er­ge­ben. Im Fall des Anis Am­ri zeich­nen die­se Puz­zle­tei­le das Le­ben ei­nes 24-Jäh­ri­gen nach, der schon früh auf die schie­fe Bahn ge­rät. Wo er auf­taucht, gibt es Pro­ble­me. Zum Bei­spiel in Ca­ta­nia, Si­zi­li­en. Am­ri be­sucht dort die Schu­le und „schuf in der Klas­se ein Kli­ma des Schre­ckens“, wie die ita­lie­ni­sche Ta­ges­zei­tung „La Stam­pa“schreibt. Er fällt als Ge­walt­tä­ter auf, klaut und be­droht sei­ne Mit­schü­ler. Er re­bel­liert, als man ver­sucht, ihn in den Griff zu be­kom­men. „Sei­ne Ge­schich­te als gu­ter Mi­grant en­de­te mit dem Ver­such, die

Ab­schie­bung schei­tert an feh­len­den Pa­pie­ren

Schu­le an­zu­zün­den“, schreibt die Zei­tung mit Ver­weis auf sei­ne ita­lie­ni­sche Straf­ak­te.

Ita­li­en ist of­fen­bar sei­ne ers­te Sta­ti­on in Eu­ro­pa, im Fe­bru­ar 2011 wird er von der ita­lie­ni­schen Po­li­zei als Flücht­ling aus Tu­ne­si­en re­gis­triert. Ein paar Wo­chen zu­vor be­gin­nen in dem Land die Mas­sen­pro­tes­te ge­gen den da­ma­li­gen Macht­ha­ber Zi­ne el-Abi­di­ne Ben Ali. Es kommt zum Volks­auf­stand. Die Re­vo­lu­ti­on gilt als Be­ginn des so­ge­nann­ten „ara­bi­schen Früh­lings“. Schon in sei­ner Hei­mat ist Am­ri als Kri­mi­nel­ler auf­ge­fal­len. Er soll we­gen des Dieb­stahls ei­nes Last­wa­gens im Ge­fäng­nis ge­ses­sen ha­ben. Zu­dem soll er we­gen schwe­ren Rau­bes zu fünf Jah­ren Haft ver­ur­teilt wor­den sein – in Ab­we­sen­heit. Es spricht ei­ni­ges da­für, dass er des­halb Tu­ne­si­en ver­lässt.

Auf sei­ner Flucht lan­det er auf Lam­pe­du­sa, der ita­lie­ni­schen In­sel, auf der zu die­ser Zeit tau­sen­de Mi­gran­ten aus Nord­afri­ka an­kom­men. Am­ri, so heißt es, sei be­tei­ligt ge­we­sen an ei­ner Brand­stif­tung in dem La­ger im Sep­tem­ber 2011. Die Be­woh­ner pro­tes­tie­ren ge­gen die Be­din­gun­gen in dem La­ger. Am­ri muss von dort aufs Fest­land ge­bracht wor­den sein, nach Si­zi­li­en, wo er dann die Schu­le be­sucht. Nach den Vor­fäl­len dort wird der Ju­gend­li­che fest­ge­nom­men. Er soll meh­re­re Jah­re in ei­nem ita­lie­ni­schen Ge­fäng­nis ge­ses­sen ha­ben. Da­nach ver­liert sich sei­ne Spur. Die nächs­ten Puz­zle­tei­le fin­den sich erst wie­der im Ju­li 2015.

Über Frei­burg soll Am­ri nach Deutsch­land ein­ge­reist sein. Un­ter wel­chem Na­men und auf wel­cher Rou­te ist un­klar, der jun­ge Mann be­nutzt of­fen­bar bis zu acht Iden­ti­tä­ten. Al­les, was da­nach pas­siert, scheint auf ei­ne Ka­ta­stro­phe zu­zu­steu­ern. In Nord­rhein-West­fa­len hat er Kon­takt zur ra­di­kal-is­la­mi­schen Sze­ne, taucht in Krei­sen von Hass­pre­di­gern auf. Er ge­rät ins Vi­sier der Si­cher­heits­be­hör­den, die ihn schon bald als „Ge­fähr­der“ein­stu­fen und ihm of­fen­bar ei­nen An­schlag zu­trau­en. Die Er­mitt­ler ha­ben ihn im Blick, do­ku­men­tie­ren das Le­ben ei­nes Kri­mi­nel­len. Im Gör­lit­zer Park in Ber­lin fällt er als Dro­gen­dea­ler auf. Nur für ei­nen Ter­ror­akt gibt es kei­ne hand­fes­ten Be­wei­se. Er plant an­geb­lich ei­nen Ein­bruch, wo­mög­lich um an Geld zu kom­men, um sich Waf­fen zu be­schaf­fen. Die „New York Ti­mes“be­rich­tet, er ha­be sich im In­ter­net über den Bau von Spreng­sät­zen in­for­miert und Kon­takt zur Ter­ror­mi­liz Is­la­mi­scher Staat ge­habt. Für all das gibt es kei­ne of­fi­zi­el­len Be­stä­ti­gun­gen, aber es scheint, als sei er fest ent­schlos­sen, ein At­ten­tat zu be­ge­hen. Der „Spie­gel“be­rich­tet, Am­ri ha­ben sich in der Is­la­mis­ten­sze­ne als mög­li­cher Selbst­mord­at­ten­tä­ter an­ge­bo­ten. Auch das Lan­des­kri­mi­nal­amt in Nord­rhein-West­fa­len ist laut „Fo­cus“spä­tes­tens im Som­mer da­von über­zeugt, dass Am­ri ei­nen An­schlag ver­üben will.

Am­ris Asyl­an­trag, den er bei sei­ner Ein­rei­se nach Deutsch­land stellt, wird im Ju­ni ab­ge­lehnt. An­geb­lich hat er sich als po­li­tisch ver­folg­ter Ägyp­ter aus­ge­ge­ben. Da er al­ler­dings so gut wie kei­ne An­ga­ben über die Art der Ver­fol­gung ma­chen kann, wird der An­trag als „of­fen­sicht­lich un­be­grün­det“ab­ge­lehnt. En­de Ju­li ge­rät er in ei­ne Rou­ti­ne­kon­trol­le der Po­li­zei in Fried­richs­ha­fen. Den Be­am­ten fällt auf, dass Anis Am­ri ab­ge­scho­ben wer­den soll. Er soll sich auch mit ei­nem fal­schen ita­lie­ni­schen Pass aus­ge­wie­sen ha­ben. Er wird fest­ge­nom­men, dann wie­der frei­ge­las­sen. Bei sei­ner Ent­las­sung gibt er ei­ne Wohn­adres­se in Karlsruhe an. Die Ab­schie­bung schei­tert of­fen­bar an feh­len­den Pa­pie­ren aus Tu­ne­si­en. Spä­tes­tens ab De­zem­ber taucht er ab, ver­schwin­det end­gül­tig nach Ber­lin. Dort, dar­auf deu­tet al­les hin, hat er nun zu­ge­schla­gen. Die Karls­ru­her Bun­des­an­walt­schaft be­stä­tig­te ges­tern Abend, dass sich Am­ris Fin­ger­ab­drü­cke an dem Last­wa­gen fan­den, der in den Ber­li­ner Weih­nachts­markt ras­te. Man fahn­de „mit al­len Mit­teln“nach Am­ri. Ges­tern wur­den Woh­nun­gen in Nord­rhein-West­fa­len und Ber­lin durch­sucht, wo sich Am­ri auf­ge­hal­ten ha­ben soll, zu­dem durch­such­ten die Fahn­der nach ei­nem Hin­weis ei­nen Rei­se­bus in Heil­bronn. Dort soll al­ler­dings ei­ne Ver­wechs­lung vor­ge­le­gen ha­ben. „Wir ge­hen da­von aus, dass Am­ri den Last­wa­gen ge­steu­ert hat“, er­klär­te ges­tern Frau­ke Köh­ler, Spre­che­rin der Bun­des­an­walt­schaft. Am­ris Fa­mi­lie mel­det sich aus Tu­ne­si­en zu Wort. „Ich bit­te ihn, sich der Po­li­zei zu stel­len“, sagt sein Bru­der Ab­del­ka­der Am­ri der Nach­rich­ten­agen­tur AP. Die Fa­mi­lie sei er­schüt­tert über die Nach­richt von dem An­schlag. Er sei nie ex­tre­mis­tisch und auch nicht be­son­ders re­li­gi­ös ge­we­sen. Sei­ne Mut­ter Nur al-Hu­da er­zählt der Nach­rich­ten­agen­tur dpa, dass man re­gel­mä­ßig mit Am­ri te­le­fo­niert ha­be. Zu­letzt am Sonn­tag­abend, ei­nen Tag vor dem At­ten­tat.

GESCHOCKTE FA­MI­LIE: Die An­ge­hö­ri­gen von Anis Am­ri in Tu­ne­si­en ru­fen den Ter­ror­ver­däch­ti­gen auf, sich der Po­li­zei zu stel­len. Am Sonn­tag­abend, ei­nen Tag vor dem An­schlag, hat­te sei­ne Mut­ter noch mit ihm te­le­fo­niert. Foto: dpa

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