Ei­ne Fe­der für die Frei­heit

Ma­ri­ins­ky-Bal­lett star­tet sein Gast­spiel im Fest­spiel­haus Ba­den-Ba­den mit ei­nem Fo­ki­ne-Abend

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

Ne­ben sei­nen Pe­ti­paK­rea­tio­nen und den „Nuss­kna­cker“- und „Schwa­nen­see“-Ver­sio­nen aus der So­wjet­zeit ge­hö­ren die Ar­bei­ten Mik­hail Fo­ki­nes zu den Kron­ju­we­len des Ma­ri­ins­kyBal­letts, die es in sei­nem Re­per­toire po­liert und ger­ne bei Gast­spie­len prä­sen­tiert. Aus sei­nen rei­chen Be­stän­den kann das Bal­lett wahl­wei­se un­ter­schied­li­che Fo­ki­ne-Aben­de kom­pi­lie­ren; ei­ner so strahl­kräf­tig wie der an­de­re. Wie der eben­falls aus St. Pe­ters­burg stam­men­de und gleich­falls an der noch auf Kat­ha­ri­na die Gro­ße zu­rück­ge­hen­den Bal­lett­schu­le aus­ge­bil­de­te Ge­or­ge Ba­lan­chi­ne, in des­sen Schat­ten er bis heu­te steht, ent­stan­den Fo­ki­nes zen­tra­le Ar­bei­ten, dar­un­ter die „Po­lo­wet­zer Tän­ze“und „Pe­trusch­ka“, für Dia­ghi­lews „Bal­lets Rus­ses“, die den bei­den Exil-Rus­sen bei­spiel­haf­te Mög­lich­kei­ten zur Ent­fal­tung ei­nes sich als Ge­samt­kunst­werk ver­ste­hen­den Tanz­thea­ters aus Mu­sik, Be­we­gung und bil­den­der Kunst bo­ten.

Auch „Der Feu­er­vo­gel“und „Sche­he­ra­za­de“er­leb­ten ih­re Urauf­füh­rung in­ner­halb der le­gen­dä­ren „Sai­sons Rus­ses“1910 in Paris, nur die im Wes­ten un­ter dem Ti­tel „Les Syl­phi­des“be­kannt ge­wor­de­ne „Cho­pi­nia­na“von 1908 ge­hört mit ih­rer Hom­mage an das za­ris­ti­sche Bal­lett zum ur­ei­ge­nen St. Pe­ters­bur­ger Ma­ri­ins­ky-Be­stand.

Schö­ner noch als vor rund zehn Jah­ren, als es statt des „Feu­er­vo­gels“die „Po­lo­wet­zer Tän­ze“und die kur­ze Tanz­pan­to­mi­me „Le spect­re de la ro­se“gab, weist die Zu­sam­men­stel­lung, mit der das Ma­ri­ins­ky sei­ne dies­jäh­ri­ge Spiel­zeit im Fest­spiel­haus er­öff­ne­te, die Band­brei­te von Fo­ki­nes Schaf­fen auf: hier die Welt der Wil­lis dort die wil­de, mär­chen­haf­te Exo­tik al­trus­si­scher Mo­ti­ve. Orches­ter und Pu­bli­kum wuss­ten da­bei auch zu schät­zen, dass Va­le­ry Ger­giev am Pult stand und die Cho­pin-Be­ar­bei­tung so­wie die Ori­gi­nal­mu­sik von Stra­wins­ky und Rim­ski-Kor­sa­kow zum Leuch­ten brach­te.

Be­rü­ckend im­mer wie­der die Be­geg­nung mit den Syl­phi­den der „Cho­pi­nia­na“, die sich in selbst ge­nüg­sa­mer Schön­heit und pu­rer An­mut vor ei­ner ro­man­ti­schen Wald­lich­tung im pud­ri­gen Wat­teau­stil (nach den Ori­gi­nal­ent­wür­fen von Orest Al­le­gri) in ei­nem Nichts aus Hand­lung zu Or­na­men­ten aus Vie­rer-, Fün­fer und Sech­ser­grup­pen um ei­nen So­lis­ten (Ma­xim Zyu­sin) ran­ken. Die ho­he Schu­le der St. Pe­ters­bur­ger Aus­bil­dung er­weist sich nicht im har­ten Drill ge­sto­che­ner Pi­rou­et­ten, son­dern in den aus­ge­dehn­ten, auf Voll­spit­ze ge­tanz­ten Pas­sa­gen, den lang­sa­men Schritt­fol­gen und den wip­pen­den Schlen­kern auf Halb­spit­ze, über­haupt ei­ner poe­ti­schen Spit­zen­kunst, die von Ye­ka­te­ri­na Os­mol­ki­na, Xe­nia Ostrei­kovs­ka­ya und Ya­na Se­li­na wie mit Weich­zeich­ner ge­stal­tet wur­de.

Im Ge­gen­satz da­zu die bei­den an­de­ren Bal­let­te, die al­lein schon aus­rei­chend für ei­nen Abend wä­ren: Das Mär­chen vom Za­re­witsch, der in den Gar­ten des Zau­be­rers Kascht­sch­ei ge­langt und dort auf den Feu­er­vo­gel trifft, der ihm als Dank für sei­ne Frei­heit ei­ne Fe­der schenkt, mit de­ren Hil­fe der Prinz die schö­ne, vom Zau­be­rer fest­ge­hal­te­ne Za­rew­na und ih­re Jung­frau­en er­lö­sen kann. Ein al­tes rus­si­sches Mär­chen, für das Fo­ki­ne und sei­ne Sze­ni­ker Alex­an­der Go­lo­vin und Lé­on Bakst al­le Farb- und Bil­der­pracht je­ner Zeit ent­fal­te­ten und Fo­ki­ne wu­seln­des Ge­kreuch, Pan­zer­tie­re, den Zau­be­rer als le­ben­des Skelett und Prin­zen und Prin­zes­sin­nen in al­ter rus­si­scher Fürs­ten­pracht zu ei­nem Epos auf die Büh­ne wuch­tet, wie man es sich al­len­falls in der Traum­fa­brik er­träumt hät­te. Fil­misch auch die wie aus den Hän­den ei­nes Ce­cil B. DeMil­le naht­los aus Pan­to­mi­me, Kampf­ak­ti­on, Grup­pen­tanz und so­lis­ti­sche Bra­vour – im Part des Feu­er­vo­gels (Ye­ka­te­ri­na Ivan­ni­ko­va) – ge­form­te Tanz­par­ti­tur. Auch in der per­sisch üp­pi­gen, ju­gend­stil­haft sinn­li­chen „Sche­he­ra­za­de“ver­schmel­zen am Hof des Sul­tans die Tip­pel­schrit­te der Eu­nu­chen und die skulp­tu­renglei­che Ele­ganz der Oda­lis­ken, die Wild­heit der Skla­ven und die Sinn­lich­keit der Mäd­chen zu ei­nem sug­ges­ti­ven Ge­mäl­de. Die Be­geg­nung der Zo­béi­de mit dem Gol­de­nen Skla­ven, den sie be­freit, kaum, dass ihr Herr und Ge­lieb­ter zur Jagd auf­ge­bro­chen ist, ma­chen Dia­na Vis­he­va und Kon­stan­tin Zverev als Tanz auf des Mes­sers Schnei­de zum Hö­he­punkt des Abends. Be­gier­de, Lust und Sinn­lich­keit ha­ben auch Fo­ki­nes Nach­fol­ger nicht aus­druck­vol­ler ein­ge­fan­gen. Ni­ko­laus Schmidt

ZAUBERHAFTER „FEU­ER­VO­GEL“: Sze­ne aus dem gleich­na­mi­gen Bal­lett, mit dem jetzt das Ma­ri­ins­ky-Thea­ter aus St. Pe­ters­burg im Fest­spiel­haus Ba­den-Ba­den gas­tier­te. Foto: Ba­ra­novs­ky

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