Kurz vor dem Ur­teil bat er um Ver­zei­hung

54-Jäh­ri­ger er­schoss Ja­ni­na in Sil­ves­ter­nacht

Pforzheimer Kurier - - BLICK IN DIE WELT - Von un­se­rer Mit­ar­bei­te­rin So­phie Rohr­mei­er

Bam­berg. Ja­ni­nas Mut­ter fi­xiert den Mann, der ih­re Toch­ter ge­tö­tet hat. Mit ei­ner Re­vol­ver­ku­gel, die er in die Nacht feu­ert – und die der elf­jäh­ri­gen Ja­ni­na in den Hin­ter­kopf dringt. Die Mut­ter ist nicht da­bei, als es pas­siert, in der Sil­ves­ter­nacht vor fast ei­nem Jahr. Nun aber, im Pro­zess ge­gen den Schüt­zen, wen­det sie ih­ren Kopf im­mer wie­der die­sem Mann zu. Er er­wi­dert ih­ren Blick nicht – auch nicht nach dem Ur­teil. Zwölf­ein­halb Jah­re soll der 54-jäh­ri­ge, ge­lern­te Mau­rer ins Ge­fäng­nis – we­gen Mor­des. Da­zu ver­ur­teil­te ihn ges­tern das Land­ge­richt Bam­berg.

Am Tag zu­vor steht er auf, zu sei­nem letz­ten Wort vor Ge­richt. Er ver­schränkt die Hän­de vor dem Kör­per, wankt leicht. „Ich bit­te die El­tern um Ver­zei­hung“, sagt er, die­sen ei­nen Satz, und blickt starr nach vor­ne zum Rich­ter. „Ich hof­fe, dass er es bis zum En­de sei­nes Le­bens be­reut und ihm be­wusst ist, was er uns an­ge­tan hat“, sagt Ja­ni­nas Mut­ter we­ni­ge St­un­den zu­vor. „Die Lü­cke wird sich nie schlie­ßen.“Sie sagt aus vor Ge­richt, spricht über den Kampf mit dem All­tag nach Ja­ni­nas Tod. Wäh­rend der Ver­hand­lung bleibt sie meist ge­fasst, vie­le ih­rer Trä­nen sind still. Manch­mal aber er­trägt sie es nicht mehr, dann eilt sie aus dem Ge­richts­saal. Am vor­letz­ten Pro­zess­tag ist es der An­ge­klag­te, der weint. Aber nicht auf sei­nem Platz im Ge­richt. Statt­des­sen sieht man an der Saal­wand sei­ne Trä­nen, denn dort­hin wird ein Vi­deo pro­ji­ziert: sei­ne Ver­neh­mung bei der Po­li­zei. Er weint, weil die Spra­che auf sei­nen Sohn kommt. Es geht um die Stra­ße, auf der Ja­ni­na fei­er­te. „Da hab’ ich frü­her auch ge­b­öl­lert“, sagt er. Aber nicht mehr, seit sein Sohn weg sei. Der lebt bei der Mut­ter, der Ex-Le­bens­ge­fähr­tin, seit die­se sich vom Va­ter ge­trennt hat. Das hin­ter­lässt Spu­ren, die auch am ver­gan­ge­nen Sil­ves­ter­abend nach­wir­ken.

Der 54-Jäh­ri­ge, seit Jah­ren kör­per­lich krank und de­pres­siv, ist an die­sem Abend al­lein. Er schläft ein, nach­dem er sei­ne Schmerz- und Schlaf­mit­tel ge­nom­men hat. Doch das Ge­b­öl­ler der Nach­barn vor sei­nem Haus weckt ihn. Vor dem Haus, das er für sei­ne Fa­mi­lie ge­baut hat­te. In Jog­ging­ho­se und Haus­schu­hen geht er in den Kel­ler, nimmt ei­ne sei­ner vier Waf­fen, ei­nen Re­vol­ver, lädt ihn und geht in den Gar­ten. Hin­ten rum, da­mit ihn die Men­schen auf der Stra­ße nicht se­hen kön­nen. Da steht er im Dun­keln – und feu­ert. Er sagt: in Rich­tung Wald, nach oben, nicht auf Men­schen. Der Rich­ter sagt: auf die Fei­ern­den, zu­min­dest mit ei­nem Schuss, heim­tü­ckisch.

Emo­tio­na­le Sze­nen wäh­rend der Ver­hand­lung

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