Über Ku­ba in die Frei­heit

Hans Mann trifft in Is­ra­el den eins­ti­gen Pforz­hei­mer Shlo­mo Reut­lin­ger

Pforzheimer Kurier - - PFORZHEIM -

PK – Über ei­nen Stol­per­stein ge­stol­pert und in Is­ra­el ge­lan­det ist Hans Mann, Mit­glied der Initia­ti­ve Stol­per­stei­ne Pforz­heim. Im Rah­men sei­ner Nach­for­schun­gen zu Per­so­nen­da­ten für die Stol­per­stei­ne stieß Mann auf den Na­men Fritz Reut­lin­ger. Der wur­de als Fritz in Pforz­heim ge­bo­ren, nann­te sich aber nach sei­ner Flucht nach Pa­läs­ti­na Shlo­mo Reut­lin­ger. Per E-Mail nahm Mann Kon­takt auf und nach län­ge­rer Zeit kam dann ei­ne Ant­wort, in der Shlo­mo Reut­lin­ger be­stä­tig­te, dass er in Pforz­heim als Fritz Reut­lin­ger ge­bo­ren wur­de.

Bei ei­nem Be­such in Is­ra­el traf Mann nun den in­zwi­schen 91-jäh­ri­gen Reut­lin­ger, der sich noch an sei­ne Zeit in Pforz­heim er­in­nern kann. „Ich weiß, dass ich in der Kron­prin­zen­stra­ße 25 wohn­te und in ei­ne Volks­schu­le ging, die nicht weit von un­se­rem Haus weg war, in öst­li­cher Rich­tung. Ob mein klei­ner Bru­der vor dem Schul­get­to in ei­ne an­de­re Schu­le ge­gan­gen ist, weiß ich nicht

„Ju­den wur­den in Pforz­heim nicht be­han­delt“

mehr. Es ist auch mög­lich, dass er erst im Schul­get­to ein­ge­schult wur­de, da er ja erst 1929 ge­bo­ren wur­de. Ich selbst wur­de nicht von der Schu­le ver­wie­sen, son­dern war bis zum 8. No­vem­ber 1938 auf der Reuch­lin-Ober­re­al-Schu­le. Da­nach bin ich für zwei bis drei Mo­na­te auf ei­ne jü­di­sche Schu­le nach Karlsruhe ge­fah­ren. 1936 wur­de mei­ne Schwes­ter ge­bo­ren. Da mei­ne Mut­ter als Jü­din in Pforz­heim nicht be­han­delt wer­den durf­te, muss­te sie zur Ge­burt mei­ner klei­nen Schwes­ter in ein jü­di­sches Kran­ken­haus nach Karlsruhe.“

Spä­ter be­an­trag­te der Va­ter von Fritz/ Shlo­mo Reut­lin­ger ein Aus­rei­se­vi­sum für die gan­ze Fa­mi­lie nach Ku­ba. Dort­hin, so er­zählt er, konn­te man am ein­fachs­ten ge­lan­gen, da die Re­gie­rung, un­ter Ba­tis­ta, drin­gend Geld be­nö­tig­te und so re­la­tiv schnell Vi­sa er­teil­te, die sehr be­gehrt wa­ren, aber nicht so schnell, wie er­wünscht, ge­währt wur­den. „Die Vi­sa­an­trä­ge wa­ren num­me­riert, und so­mit frag­ten sich al­le Ju­den, von de­nen man wuss­te, dass sie ein Vi­sum be­an­tragt hat­ten: ‘wel­che Num­mer hast Du?´, um zu er­fah­ren, wann man sel­ber an der Rei­he sein könn­te.“Als dann die La­ge im­mer kri­ti­scher wur­de, ent­schloss sich der Va­ter, sei­ne bei­den Söh­ne zu sei­nem Bru­der nach Bel­gi­en zu brin­gen.

Im Fe­bru­ar 1939 traf man sich in Köln und setz­te sich von dort nach Ant­wer­pen ab. Spä­ter zo­gen sie um nach Brüs­sel. Shlo­mo er­hielt im Fe­bru­ar 1940 ein Aus­rei­se­vi­sum für Pa­läs­ti­na. „Mein jün­ge­rer Bru­der Erich war für die­ses Pro­gramm noch zu jung, und muss­te so­mit bei mei­nem On­kel blei­ben.“Von der De­por­ta­ti­on sei­ner El­tern nach Gurs hör­te er aus Brie­fen. „Mein Va­ter hat­te sei­nem Bru­der bei un­se­rem Tref­fen in Köln re­la­tiv viel Geld ge­ge­ben, da­mit wir ver­sorgt wer­den konn­ten. Mit ei­nem Teil des Gel­des konn­te un­ser On­kel dann das Vi­sum für Ku­ba er­hal­ten und un­se­re El­tern und die klei­ne Schwes­ter aus Gurs frei­kau­fen. An wen er das Geld zur Be­frei­ung aus Gurs be­zahlt hat, ha­be ich nie er­fah­ren. Aber die El­tern und mei­ne klei­ne Schwes­ter konn­ten nach Ku­ba aus­rei­sen. Wann ge­nau dann die Aus­rei­se war, ist mir nicht be­kannt. Ich hat­te von al­le­dem in mei­ner ers­ten Zeit in Is­ra­el kei­ne Ah­nung. Ich wuss­te ja da­mals nur, dass sie in Gurs wa­ren.“

Als die Wehr­macht schließ­lich Bel­gi­en be­setz­te, wur­de Shlo­mos klei­ner Bru­der von der Gesta­po auf­ge­grif­fen, nach Au­schwitz de­por­tiert und dort er­mor­det. El­tern und Schwes­ter ge­lang es, über Ku­ba in die USA zu emi­grie­ren. „1950 fuhr ich dann mit dem Schiff, ich glau­be es war die Queen Ma­ry, in die

Bru­der Erich wur­de in Au­schwitz er­mor­det

USA. Mei­ne El­tern woll­ten mich im Ha­fen ab­ho­len, er­kann­ten mich aber nicht. Ich da­ge­gen er­kann­te sie so­fort.“

In den USA stu­dier­te Shlo­mo Reut­lin­ger Agrar­wis­sen­schaf­ten und Volks­wirt­schaft und ging zur Welt­bank. „Dort wur­de ich dann zu­stän­dig für di­ver­se land­wirt­schaft­li­che Pro­jek­te. In die­ser Tä­tig­keit war ich welt­weit un­ter­wegs. Ir­gend­wann ha­be ich dann auch ge­hei­ra­tet und wir be­ka­men zwei Kin­der. 1983 starb mei­ne Frau. 1994 kehr­te ich dann zu­sam­men mit mei­nen bei­den Kin­dern nach Is­ra­el zu­rück.“1995 schließ­lich kam Shlo­mo Reut­lin­ger zu­rück nach Deutsch­land, um in Pforz­heim in die Kron­prin­zen­stra­ße 25 zu ge­hen. „Dort hat­ten wir ja ge­wohnt und mein Va­ter hat­te mit sei­nem Bru­der im Hin­ter­haus und Hof ei­ne Ei­sen­wa­ren­groß­hand­lung. Dann gin­gen wir auch nach Kö­nigs­bach, um vor al­lem den Fried­hof zu be­su­chen. Aus Kö­nigs­bach stamm­te ja die Mehr­zahl mei­ner Vor­fah­ren. Die­se wie­der­um ka­men al­le vor meh­re­ren hun­dert Jah­ren aus Reut­lin­gen. Wir wa­ren dann für ei­ne Nacht in Pforz­heim und über­nach­te­ten im Park­ho­tel.“

ÜBER DEN NA­MEN GE­STOL­PERT und den Men­schen ge­fun­den: Shlo­mo Reut­lin­ger (links) emp­fing in sei­nem Haus Stol­per­stei­ne-Ak­ti­vist Hans Mann. Foto: pri­vat

VORREITER IN SA­CHEN ELEKTROAUTO ist die EU in der Re­pu­blik Ko­rea, wo sie jetzt ihr ers­tes Bot­schaf­ter­au­to welt­weit mit die­ser Tech­nik auf die Stra­ßen schick­te.

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