Un­an­ge­neh­me Fragen

Pforzheimer Kurier - - POLITIK - KLAUS GASSNER

Nein, Er­leich­te­rung kommt nicht auf nach den Schüs­sen von Mai­land. Ein kur­zes Durch­at­men, dass der mut­maß­li­che Tä­ter von Ber­lin vier Ta­ge nach sei­nem furcht­ba­ren Mor­den nicht wei­ter Angst und Schre­cken ver­brei­tet, doch da­nach fol­gen un­an­ge­neh­me Fragen. Be­son­ders bit­ter da­bei: Anis Am­ri war al­les an­de­re als ein un­be­schrie­be­nes Blatt. Er passt nicht in das Bild, das ger­ne von der neu­en Ge­fähr­dungs­la­ge ge­zeich­net wird. Am­ri kam nicht im Sog der Flücht­lings­wel­le un­er­kannt ins Land, er ra­di­ka­li­sier­te sich nicht in der Tris­tesse ei­nes Flücht­lings­da­seins; viel­mehr war der vor­be­straf­te und im EULand Ita­li­en vier Jah­re in­haf­tier­te Tu­ne­si­er schon lan­ge po­li­zei­be­kannt, er stand – fol­gen­los – auf ei­ner Ab­schie­be­lis­te und er war – eben­so fol­gen­los – im Fo­kus der Er­mitt­ler. Fa­zit: das Netz der po­li­zei­li­chen, jus­ti­zi­el­len und ad­mi­nis­tra­ti­ven Über­wa­chung ist of­fen­bar nicht so eng ge­knüpft, dass es kein Durch­schlüp­fen er­lau­ben wür­de.

Auch die Fahn­dung wirft Fragen auf. Da jagt die Po­li­zei stun­den­lang ei­nen pa­kis­ta­ni­schen Ver­däch­ti­gen und erst am Tag da­nach sto­ßen die Er­mitt­ler im Cock­pit des Tat-Last­wa­gens auf Dul­dungs­pa­pie­re ei­nes Tu­ne­si­ers. Nach dem wird „nicht-öf­fent­lich“ge­fahn­det,

was aber sehr wohl öf­fent­lich be­kannt ist – wo­mit der Ge­jag­te alar­miert und der Vor­teil für die Po­li­zei weg ist. Deut­sche Be­hör­den wer­den ei­ni­ges zu klä­ren ha­ben. Aus Krei­sen der bun­des­deut­schen Er­mitt­ler war zu­letzt hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand im­mer mal ein Stöh­nen zu ver­neh­men: „Ir­gend­wann wird uns ei­ner durch die Lap­pen ge­hen.“Da­hin­ter steht die Er­kennt­nis, dass ein Rechts­staat, der vor Zu­grif­fen zu­nächst hieb- und stich­fes­te Be­le­ge ha­ben muss, nicht mit den Tä­tern auf Au­gen­hö­he ope­rie­ren kann. Ei­ne ab­so­lu­te Si­cher­heit wird es nie­mals ge­ben. Seit am 11. Sep­tem­ber 2001 maß­geb­lich von Ham­burg aus ope­rie­ren­de To­des­pi­lo­ten das World Tra­de-Cen­ter zer­stör­ten, steht der Wes­ten un­ter höchs­ter Ter­ror­ge­fahr. Doch An­schlä­ge in Deutsch­land blie­ben lan­ge aus, wie­der­holt ist es auf­merk­sa­men deut­schen Ein­satz­kräf­ten ge­lun­gen, grö­ße­re At­ten­ta­te zu ver­hin­dern. Auch das ver­dient höchs­te Be­ach­tung. Denn das vor­läu­fi­ge En­de im Fall des mut­maß­li­chen Ber­lin-At­ten­tä­ters hat ein­mal mehr deut­lich ge­macht, wie ge­fähr­lich die Po­li­zei­ar­beit auch im ver­meint­lich Klei­nen ist. Be­am­te, die sich die­ser Auf­ga­be stel­len, sind all­zu häu­fig ver­kann­te Hel­den des All­tags. Denn schnell kann ei­ne Rou­ti­ne­strei­fe zur Tra­gö­die wer­den.

Po­li­zis­ten ver­die­nen höchs­ten Re­spekt

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