Tod im Mor­gen­grau­en

Am­ri war nach dem An­schlag in Ber­lin der meist­ge­such­te Mann Eu­ro­pas / Po­li­zis­ten wer­den ge­fei­ert

Pforzheimer Kurier - - IM FADENKREUZ DES TERRORS - Von un­se­rer Mit­ar­bei­te­rin Le­na Klim­keit Chris­ti­an Mo­vio

Es ist mit­ten in der Nacht in Ses­to San Gio­van­ni. 25 Mi­nu­ten braucht man von hier aus mit der Me­tro nach Mai­land. Zwei jun­ge Po­li­zis­ten schie­ben in der Nä­he des Bahn­hofs der 80 000-Ein­woh­ner-Stadt Wa­che. Da fällt Lu­ca Sca­tà und Chris­ti­an Mo­vio ein Mann auf. Sie fragen ihn nach sei­nen Pa­pie­ren. Dann geht al­les ganz schnell: Statt ei­nes Aus­wei­ses zieht der Mann ei­ne Pis­to­le, schießt, die Po­li­zis­ten feu­ern zu­rück. Und tö­ten den mut­maß­li­chen At­ten­tä­ter von Ber­lin. Anis Am­ri ist tot.

In Ita­li­en en­det das Dra­ma vom Ter­ror­an­schlag auf den Weih­nachts­markt am Breit- scheid­platz, bei dem Am­ri ei- nen Last­wa­gen in ei­ne Men­schen­men­ge ge­lenkt ha­ben soll. Min­des­tens zwölf Men­schen star­ben da­bei. Am­ri setz­te sich un­be­hel­ligt mit dem Zug ab, erst nach Frank­reich, dann nach Ita­li­en. Ge­stoppt ha­ben ihn die 29 und 36 Jah­re al­ten Po­li­zis­ten, die nun nicht nur in Ita­li­en wie Hel­den ge­fei­ert wer­den. Ita­li­ens Prä­si­dent lässt Grü­ße aus­rich­ten, der Pre­mier­mi­nis­ter dankt, der In­nen­mi­nis­ter ruft die bei­den an, der Mai­län­der Po­li­zei­prä­si­dent lobt. Vor­bild­lich, pro­fes­sio­nell, pflicht­be­wusst, mu­tig hät­ten sich die bei­den ver­hal­ten. Sca­tà, der den ent­schei­den­den Schuss ab­gibt und Am­ri in den Brust­korb trifft. Mo­vio, der dem Ver­däch­ti­gen auf­grund sei­nes Ak­zents nicht ab­nimmt, dass die­ser aus dem süd­ita­lie­ni­schen Reg­gio Ca­la­bria kommt, auf die Pa­pie­re be­harrt und schließ­lich von dem ex­trem ge­fähr­li­chen Am­ri an­ge­schos­sen wird.

„Als wir ihn am frü­hen Mor­gen am Te­le­fon ge­hört ha­ben, wuss­te er noch gar nicht, dass der ge­tö­te­te Mann der At­ten­tä­ter war“, sagt der Va­ter des 29-Jäh­ri­gen, Gi­u­sep­pe Sca­tà, der Nach­rich­ten­agen­tur An­sa. „Ich dan­ke Gott, dass Lu­ca am Le­ben ist. Er ist ein mu­ti­ger Jun­ge und hat sei­ne Pflicht ge­tan.“Sca­tà ist über­ein­stim­men­den Me­dien­be­rich­te zu­fol­ge erst seit neun Mo­na­ten als Po­li­zist auf Pro­be im Di­enst. Dass ihr Sohn Lu­ca ei­nen eu­ro­pa­weit ge­such­ten Ter­ror­ver­däch­ti­gen ge­tö­tet hat, bringt Sca­tàs Mut­ter zum Nach­den­ken. „Es be­rührt ei­nen, wenn man dar­über nach­denkt, dass zwei jun­ge Leu­te so un­ter­schied­li­che We­ge ein­ge­schla­gen ha­ben“, sagt sie über Lu­ca und Anis Am­ri, die in ei­nem ähn­li­chen Al­ter sind. „Es tut mir leid, dass ei­ner von ih­nen tot ist, aber er wuss­te um das Ri­si­ko sei­nes Han­delns.“Sie sei im­mer noch auf­ge­wühlt, ha­be aber noch nicht mit Lu­ca spre­chen kön­nen: Er müs­se erst noch zu den Er­eig­nis­sen be­fragt wer­den und das ge­he vor. „Er war im­mer stark, er­wach­sen“, sagt sie der An­sa.

Sein Kol­le­ge Chris­ti­an ist auf dem Weg der Bes­se­rung. Ein Pro­jek­til aus Am­ris 22-Ka­li­ber-Pis­to­le traf ihn an der Schul­ter. Er muss­te ope­riert wer­den, schweb­te aber nicht in Le­bens­ge­fahr. Fotos zei­gen ihn im Kran­ken­haus in Mon­za nörd­lich von Mai­land mit dem Han­dy am Ohr. Laut Mai­lands Po­li­zei­prä­si­dent An­to­nio de Ie­su hät­te Am­ri ver­mut­lich er­neut zu­ge­schla­gen. Dass das nicht pas­siert ist, ist den bei­den Po­li­zis­ten zu ver­dan­ken. „Ita­li­en ist ih­nen zu Dank ver­pflich­tet“, fasst In­nen­mi­nis­ter Mar­co Min­niti zu­sam­men. Auch wenn noch nicht klar ist, ob der

„Ich dan­ke Gott, dass Lu­ca am Le­ben ist“

24-jäh­ri­ge Tu­ne­si­er ein Kom­pli­zen­netz­werk hat: Die Si­cher­heits­be­hör­den in Ita­li­en und Deutsch­land at­men auf, dass der ge­such­te Ter­ror­ver­däch­ti­ge nun nicht mehr mor­den kann. Die Weih­nachts­ta­ge ste­hen be­vor und mit ih­nen auch gro­ße Fest­lich­kei­ten, wie heu­te und mor­gen im Pe­ters­dom und auf dem Pe­ters­platz in Rom, wo schon im ver­gan­ge­nen Jahr er­höh­te Si­cher­heits­vor­keh­run­gen gal­ten.

In Ita­li­en schließt sich für Am­ri der Kreis zu sei­ner Ver­gan­gen­heit in Eu­ro­pa. Dort war er 2011 als Flücht­ling an­ge­kom­men, gab sich als Min­der­jäh­ri­ger aus, wur­de schließ­lich we­gen ver­schie­de­ner Ge­walt­ta­ten ver­haf­tet und kam ins Ge­fäng­nis. An­geb­lich woll­te er ges­tern von Mai­land nach Sü­dita­li­en wei­ter­rei­sen, be­rich­te­ten Me­di­en. Dort war er, be­vor er das Land ver­las­sen muss­te und sich auf den Weg nach Deutsch­land mach­te.

AL­LES IST AB­GE­SPERRT: Knapp vier Ta­ge nach dem ver­hee­ren­den Last­wa­gen-An­schlag von Ber­lin stirbt der Ter­ror­ver­däch­ti­ge Anis Am­ri in Ita­li­en durch ei­ne Po­li­zei­ku­gel. Welt­weit wer­den die Be­am­ten an­schlie­ßend als Hel­den ge­fei­ert. Aber: Die ter­ro­ris­ti­sche Be­dro­hungs­la­ge ha­be sich nicht ge­än­dert, war­nen Si­cher­heits­ex­per­ten. Fotos: dpa/AFP/Ita­li­an Po­li­ce Press Of­fice/Ha/AN­SA

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