„Mein Rück­tritt war mein Sieg“

Vor 25 Jah­ren zer­fiel die So­wjet­uni­on / Ex-Prä­si­dent Gor­bat­schow blickt zu­rück

Pforzheimer Kurier - - FORUM -

Der So­wjet­re­for­mer Mich­ail Gor­bat­schow gab sei­nem Land Frei­heit, doch es zer­brö­sel­te ihm un­ter den Hän­den. Vor 25 Jah­ren trat er zu­rück. Der Ba­den-Ba­de­ner Jour­na­list und Buch­au­tor Franz Alt traf Gor­bat­schow be­reits mehr­fach. Auch ein ge­mein­sa­mes Buch er­scheint bald. In den BNN er­zählt Alt von sei­nen Be­geg­nun­gen mit Gor­bat­schow.

Am 25. De­zem­ber vor 25 Jah­ren trat Mich­ail Gor­bat­schow als Prä­si­dent der So­wjet­uni­on zu­rück. Vier Ta­ge zu­vor hat­te das staat­li­che Fern­se­hen sei­ne Abend­nach­rich­ten so be­gon­nen: „Gu­ten Abend – die So­wjet­uni­on exis­tiert nicht mehr.“Heu­te sagt der 85-jäh­ri­ge Mich­ail Gor­bat­schow da­zu: „Es war ein Putsch. Um ei­nen Bür­ger­krieg zu ver­mei­den, bin ich zu­rück­ge­tre­ten. Es hät­te auch ein Atom­krieg wer­den kön­nen. Mein Rück­tritt war mein Sieg.“Den Na­men Jel­zin, sei­nen Nach­fol­ger, nimmt er nicht in den Mund.

Mit 40 Mit­ar­bei­tern lei­tet Gor­bat­schow noch heu­te in Moskau die Gor­bat­schow-Stif­tung, die sich haupt­säch­lich mit zwei Schwer­punk­ten be­schäf­tigt: Die Gor­bat­schow-Zeit wird akri­bisch und wis­sen­schaft­lich bis jetzt schon in 25 Bän­den do­ku­men­tiert und zwei­tens geht es um Fragen des Um­welt­und Kli­ma­schut­zes.

En­de Ok­to­ber traf ich den Ex-Prä­si­den­ten, der in der zwei­ten Hälf­te des letz­ten Jahr­hun­derts die Welt wie nie­mand sonst ver­än­dert und be­wegt hat. Ihm ist das En­de des Kal­ten Krie­ges zu ver­dan­ken, die ato­ma­re Abrüs­tung, die die Mensch­heit vor ei­nem Atom­krieg ret­te­te und schließ­lich die deut­sche Wie­der­ver­ei­ni­gung. Ich fra­ge ihn jetzt, ob er ent­täuscht sei über das heu­ti­ge Russ­land und ob sein Le­bens­werk „Glas­nost“(Öff­nung) und „Pe­re­s­troi­ka“(Wan­del) zer­stört sei. „Ent­täuscht bin ich nicht, aber ernst­haft be­sorgt über die La­ge in Russ­land und in ganz Eu­ro­pa“sagt er. Auf die Nach­fra­ge, ob er glück­lich sei, meint er aus­wei­chend: „Es gibt kei­ne glück­li­chen Re­for­mer. Nur ganz we­ni­ge ha­ben die Früch­te ih­rer Re­for­men selbst ern­ten kön­nen. Aber ich hat­te his­to­risch die Chan­ce, ei­nen rea­len Wan­del zum Bes­se­ren in mei­nem Land und zu ei­nem po­si­ti­ven Wan­del in der gan­zen Welt bei­zu­steu­ern.“

Das ist be­schei­den, wenn man als deut­scher Jour­na­list weiß, dass wir ihm die fried­li­che Wie­der­ver­ei­ni­gung ver­dan­ken. „In Russ­land“, meint er, „kam die Pe­re­s­troi­ka zwar zum Still­stand, aber Mil­lio­nen Rus­sen und vie­le Men­schen dar­über hin­aus kön­nen die Früch­te mei­ner Re­for­men noch heu­te ge­nie­ßen. Mein Werk ist nicht tot“.

Der gro­ße al­te Mann hat mich zum Drei-St­un­den-Ge­spräch mit die­sen Wor­ten emp­fan­gen: „Nun le­be ich schon 17 Jah­re oh­ne Rais­sa.“In sei­ner Stif­tung se­he ich vie­le Bil­der von sei­ner Frau, weit mehr als von US-Prä­si­dent Bush, Hel­mut Kohl oder von den da­ma­li­gen so­wje­ti­schen Spit­zen­po­li­ti­kern.

Wer Gor­bat­schow oft ge­trof­fen hat, weiß um das in­ni­ge Ver­hält­nis zu Rais­sa und um die gro­ße Lie­be die­ses Paa­res. Vor 20 Jah­ren ha­be ich ihn bei ei­nem ARD-Interview ge­fragt, wo­her er die Kraft neh­me für sei­ne um­strit­te­nen Re­for­men. La­chend deu­te­te er auf sei­ne Frau, die hin­ter der Ka­me­ra stand. Sie lä­chel­te zu­rück. Kol­le­gen, wel­che die bei­den bei vie­len Auf­trit­ten er­lebt ha­ben, be­stä­ti­gen mei­ne Be­ob­ach­tung: Die­ses Ehe­paar war das po­li­ti­sche Lie­bes­paar des 20. Jahr­hun­derts.

Mit Gor­bat­schow zu­sam­men schrei­be ich zur­zeit ein Buch, das En­de Ja­nu­ar er­schei­nen wird. Bei mei­nem jet­zi­gen Be­such in Moskau dis­ku­tie­ren wir lan­ge über den Ti­tel und ei­ni­gen uns schließ­lich dar­auf: „Nie wie­der Krieg – kommt end­lich zur Ver­nunft“. Das Buch er­scheint in meh­re­ren Spra­chen – auch in Russ­land. Der Ti­tel zeigt, wie be­sorgt der Ex-Po­li­ti­ker heu­te über die La­ge in Eu­ro­pa ist: „Der Kal­te Krieg ist zu­rück. Es könn­te so­gar ein hei­ßer wer­den“, warnt er und fügt hin­zu: „In den Acht­zi­gern war die Welt ein ato­ma­res Pul­ver­fass. Der Frie­den hing an ei­nem sei­de­nen Fa­den. Aber trotz­dem fan­den US-Prä­si­dent Rea­gan und ich ei­nen Weg zur ato­ma­ren Abrüs­tung. 80 Pro­zent al­ler Atom­waf­fen konn­ten ver­nich­tet wer­den.“Noch im­mer op­ti­mis­tisch fragt er jetzt in un­se­rem Buch: „War­um neh­men sich die heu­ti­gen Po­li­ti­ker da­ran kein Bei­spiel? Bei­de Sei­ten, der Wes­ten und Russ­land, ma­chen stän­dig Feh­ler. Der Haupt­feh­ler war, dass sich der Wes­ten nach 1991 als Sie­ger ge­gen­über der So­wjet­uni­on auf­spiel­te und bis heu­te stän­dig pro­vo­ziert. Auch mi­li­tä­risch. Mit Sä­bel­ras­seln schafft man kei­nen Frie­den. Vie­le Ab­spra­chen wur­den vom Wes­ten nicht ein­ge­hal­ten.“In der In­nen­po­li­tik kri­ti­siert Gor­bat­schow Kreml­chef Pu­tin. Doch mit Kri­tik an des­sen Au­ßen­po­li­tik hält er sich zu­rück, ob­wohl auch Pu­tin nicht ge­ra­de ein Pa­zi­fist ist wie sei­ne Sy­ri­en-Po­li­tik zur Ge­nü­ge be­weist. „Bei­de Sei­ten müs­sen ab­rüs­ten. Zu Pu­tin muss man Ver­trau­en auf­bau­en. Auch er hat ei­nen gu­ten Kern“, sagt er und fügt hin­zu: „Für den Frie­den ar­bei­ten heißt, an un­se­re Kin­der den­ken.“

Auch ein Vier­tel­jahr­hun­dert nach sei­nem Rück­tritt hat „Gor­bi“sei­nen Hu­mor nicht ver­lo­ren. Zum Ab­schied er­hebt er sich, nimmt sei­nen Krück­stock und meint la­chend: „Seit zwei Jah­ren lau­fe ich auf drei Fü­ßen.“Im Wes­ten gilt er den meis­ten als Held, aber in Russ­land vie­len als „Ver­rä­ter“. Der Mann hat schließ­lich ein Reich zer­stört und Mil­lio­nen re­gime­treue Funk­tio­nä­re ar­beits­los und po­li­tisch hei­mat­los ge­macht. Bei­na­he täg­lich be­kommt er Mord­dro­hun­gen. Ein sel­ten mu­ti­ger Po­li­ti­ker.

„Mit Sä­bel­ras­seln schafft man kei­nen Frie­den“

HIS­TO­RI­SCHER MO­MENT: Die Bild­kom­bo zeigt das Ein­ho­len der rus­si­schen Flag­ge (links) und das His­sen der weiß-blau-ro­ten rus­si­schen Tri­ko­lo­re am 25. De­zem­ber 1991 in Moskau kurz nach Mich­ail Gor­bat­schows Rück­tritts­er­klä­rung. Fotos: dpa/Alt

IM GE­SPRÄCH: Der Ba­den-Ba­de­ner Jour­na­list und Buch­au­tor Franz Alt (links) mit Mich­ail Gor­bat­schow.

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