Ge­liebt, ge­hasst, ge­tö­tet

Vor 100 Jah­ren wur­de Ras­pu­tin er­mor­det / My­thos lebt

Pforzheimer Kurier - - FORUM - CHA­RIS­MA­TISCH: Gri­go­ri Ras­pu­tin. Foto: dpa-Ar­chiv

Sein Le­ben ist wild, sein Tod bes­tia­lisch: Vor 100 Jah­ren fiel der voll­bär­ti­ge Wan­der­pre­di­ger Ras­pu­tin in ei­ner kal­ten Win­ter­nacht in St. Pe­ters­burg ei­ner Ver­schwö­rung zum Op­fer. Un­ter Füh­rung von Ver­wand­ten von Zar Ni­ko­laus II. wird der zwie­lich­ti­ge Wun­der­hei­ler am 30. De­zem­ber bru­tal er­mor­det. Am 1. Ja­nu­ar 1917 fin­den Ar­bei­ter im Fluss Klei­ne Ne­wa die Lei­che, die Schuss­wun­den und schwe­re Fol­ter­ver­let­zun­gen auf­weist. „Mit sei­ner Nä­he zur Macht und sei­nem aus­schwei­fen­den Le­bens­wan­del hat er sich vie­le Fein­de ge­macht“, sagt der His­to­ri­ker Iwan Uspen­ski. Auch 100 Jah­re nach dem Tod des le­gen­dä­ren Za­ren­be­ra­ters lebt der My­thos wei­ter. Der Jah­res­tag der Blut­tat von Pe­tro­grad, wie St. Pe­ters­burg da­mals hieß, könn­te auch ein Schlag­licht auf das bis heu­te sen­si­ble Ver­hält­nis von Staat und or­tho­do­xer Kir­che in Russ­land wer­fen. Die Glau­bens­ge­mein­schaft gilt in­nen­po­li­tisch als wich­ti­ge Stüt­ze des Sys­tems. „Seit dem En­de der So­wjet­uni­on vor 25 Jah­ren ist der Glau­be er­starkt. Die Re­li­gi­on fin­det nach Jah­ren im Ab­seits zu­rück in die Mit­te der Ge­sell­schaft“, meint der Po­li­to­lo­ge Ser­gej Uscha­kow. Prä­si­dent Wla­di­mir Pu­tin sieht in der Kir­che ei­nen Ver­bün­de­ten im Kampf ge­gen den Ver­fall tra­di­tio­nel­ler Wer­te. Be­ob­ach­ter mei­nen, die Kir­che wol­le Pu­tins Po­li­tik mo­ra­lisch le­gi­ti­mie­ren.

Falls ein Ver­gleich mög­lich ist, hat auch Ras­pu­tin früh die Nä­he zur Macht ge­sucht. 1903 bricht der oft als cha­ris­ma­tisch be­schrie­be­ne Mönch nach St. Pe­ters­burg auf und er­wirbt Ein­fluss am Za­ren­hof. Dem am 21. Ja­nu­ar 1869 im si­bi­ri­schen Po­krow­sko­je ge­bo­re­nen Got­tes­mann wer­den Wun­der­hei­lun­gen eben­so zu­ge­schrie­ben wie wüs­te Or­gi­en. In der teils scho­ckier­ten, teils amü­sier­ten Ge­sell­schaft von St. Pe­ters­burg wird Son­der­ling be­staunt. Doch zu­neh­mend be­ginnt sei­ne Ver­eh­rung als got­tes­fürch­ti­ger Mann aus dem Vol­ke mit dem Ta­lent ei­nes Se­hers. Als Ras­pu­tin die le­bens­be­dro­hen­den Blu­tun­gen des ein­zi­gen Za­ren­sohns stop­pen kann, ge­winnt er am Ho­fe an Pres­ti­ge und wird zum „Za­ren­flüs­te­rer“. Mit dem po­li­ti­schen Ein­fluss wächst aber auch die Zahl der Fein­de. Wolf­gang Jung

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