Toll in al­len Rol­len

Mi­ros­lav Ne­mec und Udo Wacht­veitl ga­ben in Karlsruhe „Ei­ne Weih­nachts­ge­schich­te“

Pforzheimer Kurier - - KULTUR - WEIH­NACHT­LICH: Mi­ros­lav Ne­mec und Udo Wacht­veitl. Foto: pr

Als die Mu­si­ker des Streich­quin­tetts auf ih­re Po­des­te stei­gen, fal­len zu­erst ih­re En­gels­flü­gel auf, die ih­nen auf den Rü­cken ge­schnallt sind. Dass hier gleich ei­ne gu­te Por­ti­on Jen­sei­ti­ges ver­han­delt wer­den wird, deu­tet sich al­so be­reits an. Auch wenn das Jen­sei­ti­ge in der Ge­schich­te kei­ne En­gel sind, son­dern ge­stan­de­ne Geis­ter, die ei­nen al­ten, herz­lo­sen und ge­fühls­kal­ten Men­schen wie­der auf den Pfad der Gü­te füh­ren wol­len.

Wenn es Geis­ter gibt, dann muss es na­tur­ge­mäß zu­vor To­te ge­ge­ben ha­ben. Mit To­ten wie­der­um ha­ben die bei­den Schau­spie­ler Mi­ros­lav Ne­mec und Udo Wacht­veitl re­gel­mä­ßig zu tun: Seit 25 Jah­ren ja­gen sie im Fern­se­hen als Tat­ort-Kom­mis­sa­re in Mün­chen Mör­der. Doch die bei­den sind auch ge­stan­de­ne Büh­nen­schau­spie­ler. Mit ei­ner vom Re­gis­seur Martin Müh­leis be­sorg­ten Büh­nen­fas­sung von Charles Di­ckens „Ei­ne Weih­nachts­ge­schich­te“mach­ten sie jetzt im Karls­ru­her Toll­haus Sta­ti­on. In graue Gehrö­cke aus der Zeit der Hand­lung um 1840 ge­klei­det, steht je­der Schau­spie­ler an sei­nem Le­se­pult. Von hier aus wer­den sie in die ver­schie­de­nen Rol­len schlüp­fen. Ne­mec gibt den kal­ten Kauf­mann Ebe­ne­zer Scroo­ge, der am Weih­nachts­abend al­lein in sei­nem Kon­tor sitzt. Wacht­veitl gibt den ver­schie­de­nen Geis­tern Stim­me und Kör­per. Al­le an­de­ren Rol­len, in­klu­si­ve der des Er­zäh­lers, tei­len sich die bei­den.

Scroo­ge wur­de vom Le­ben in der Ge­schäfts­welt hart ge­macht. Es ist der Geist sei­nes ver­stor­be­nen Ge­schäfts­part­ners Mar­ley, der ihm die Öd­nis sei­nes Le­bens in ei­ner Vi­si­on be­wusst macht: Drei Geis­ter kün­digt er ihm an, die ihm an ent­schei­den­de Weg­mar­ken sei­nes Le­bens zu­rück­füh­ren, dass er sich än­de­re. Die Ge­schich­te ist be­kannt. Wer sie nicht ge­le­sen hat, kennt si­cher­lich ei­ne der Ver­fil­mun­gen. Na­tür­lich wird Scroo­ge ein Ein­se­hen ha­ben, sei­nem An­ge­stell­ten bei des­sen Sor­gen bei­ste­hen und auch Weih­nach­ten wird wie­der ein Fest der Lie­be wer­den. Bis da­hin aber zeich­nen Ne­mec und Wacht­veitl den Weg der Ver­här­tung ei­ner See­le nach.

Und sie ma­chen es gut. Das Mo­del­lie­ren der Fi­gu­ren durch Stim­me und Er­zähl­wei­se zün­det, nimmt ge­fan­gen und hält das Pu­bli­kum kon­zen­triert bei der Sa­che. Das muss man in ei­nem so gro­ßen Saal erst mal hin­be­kom­men. Ei­ne wich­ti­ge Hil­fe ist hier­bei die ei­gens von Li­bor Si­ma kom­po­nier­te Mu­sik für Streich­quin­tett. ´Das Pu­bli­kum be­dank­te sich mit sehr hef­ti­gem Ap­plaus für gu­te zwei­ein­halb St­un­den bes­ter Unterhaltung. Jens Wehn

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