Die Nacht­sei­te der US-Ge­sell­schaft

Neu im Kino: Der ir­ri­tie­ren­de Thril­ler „Noc­turnal Ani­mals“von Tom Ford

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

Mit ei­ner Ir­ri­ta­ti­on be­ginnt der zwei­te Ki­no­film des Mo­de­schöp­fers Tom Ford und ir­ri­tie­rend hört er auch auf. Der Vor­spann von „Noc­turnal Ani­mals“ist ei­ne äs­the­ti­sche Zu­mu­tung. Vor ro­tem Hin­ter­grund tan­zen nack­te, ex­trem über­ge­wich­ti­ge, äl­te­re Da­men. Es ist, wie sich we­ni­ger spä­ter her­aus­stellt, ei­ne Per­for­mance zur Er­öff­nung ei­ner neu­en Aus­stel­lung der Ga­le­ris­tin Su­san (Amy Adams), die mit ih­rem per­fek­ten Aus­se­hen wie das Ge­gen­bild zu den gro­tes­ken Bur­les­que-Tän­ze­rin­nen wirkt. Doch we­der ihr Er­folg noch ih­re blen­den­de Er­schei­nung ma­chen Su­san glück­lich: Ih­re Ehe ist ge­schei­tert, ihr Mann be­trügt sie in ei­ner an­de­ren Stadt.

In die­ser Si­tua­ti­on er­hält sie ein Päck­chen von ih­rem Ex-Ehe­mann, dem Schrift­stel­ler Ed­ward (Ja­ke Gyl­len­haal). Es ist das Ma­nu­skript sei­nes neu­en Ro­mans mit dem Ti­tel „Noc­turnal Ani­mals“. Sie be­ginnt zu le­sen – und wäh­rend sie liest, ist auch der Zu­schau­er mit­ten­drin in der Pas­si­ons­ge­schich­te des gut­bür­ger­li­chen Fa­mi­li­en­va­ters To­ny (eben­falls ge­spielt von Ja­ke Gyl­len­haal), der bei ei­ner nächt­li­chen Au­to­fahrt mit Frau und Te­e­nie-Toch­ter von ei­nem wi­der­wär­ti­gen Män­ner­trio at­ta­ckiert und ge­de­mü­tigt wird. Hilf­los muss er mit­an­se­hen, wie Frau und Toch­ter ent­führt wer­den. Am nächs­ten Tag macht er sich zu­sam­men mit dem ab­ge­brüh­ten She­riff An­des (Micha­el Shan­non) auf die Su­che nach den Ver­schwun­de­nen. Was sie fin­den, be­stä­tigt die schlimms­ten Be­fürch­tun­gen.

Tom Fords Ins­ze­nie­rung lässt Bru­ta­li­tät spür­bar wer­den, oh­ne sie di­rekt zu zei­gen. Das Thril­le­r­ele­ment sei­nes Films wirkt wie ein Trip durch die Nacht­sei­te der ame­ri­ka­ni­schen Ge­sell­schaft. Die Out­laws, die da zu se­hen sind, ha­ben nichts Ro­man­ti­sches mehr an sich, sie sind nur noch ge­walt­tä­ti­ger Ab­schaum. Die fol­gen­de Ra­che­ge­schich­te mag ei­nem auf den ers­ten Blick so be­kannt vor­kom­men wie das Ge­sche­hen da­vor, aber die Darstel­lung von Ja­ke Gyl­len­haal lässt kei­nen Zwei­fel da­ran, dass die­se Ra­che To­nys Wun­den nicht hei­len, wird, weil er mit dem Be­wusst­sein, im ent­schei­den­den Mo­ment sei­ner Be­schüt­zer­rol­le nicht ge­recht ge­wor­den zu sein, wei­ter le­ben muss.

Was hat die­se Ge­schich­te aber mit der Ge­schich­te von Su­san zu tun, die doch in ei­ner ganz an­de­ren Welt lebt? Beim Le­sen, so sug­ge­riert es die Bild­spra­che, ver­setzt sich Su­san in den ver­zwei­fel­ten und an sich selbst zwei­feln­den To­ny hin­ein und sie er­in­nert sich an ih­re ers­te Be­geg­nung und das Schei­tern der Ehe mit Ed­ward, der ihr als an­ge­hen­der Schrift­stel­ler nicht den Halt und die Si­cher­heit ge­bo­ten hat, die sie glaub­te ha­ben zu müs­sen. Im End­ef­fekt blei­ben ein paar Fra­ge of­fen und ei­ni­ge lo­se Fä­den hän­gen in die­ser auf ei­nem Ro­man von Aus­tin Wright ba­sie­ren­den Film-imFilm-Kon­struk­ti­on. Was Licht­set­zung, Bild­ge­stal­tung, Aus­stat­tung, Schnitt und auch den Sound­track an­geht, ist „Noc­turnal Ani­mals“wie schon Tom Fords Erst­ling „A Sing­le Man“ein Hoch­ge­nuss. Pe­ter Kohl

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