Rück­kehr zu den Qu­el­len

Fest­spiel­haus Ba­den-Ba­den: Das Ma­ri­ins­ky-Bal­lett be­zau­bert mit „Gi­sel­le“

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

Nach der tech­ni­co­lor­pral­len Exo­tik und über­quel­len­den Breit­wan­d­op­tik, mit der das Ma­ri­ins­ky-Bal­lett in Mik­hail Fo­ki­nes „Sche­he­ra­za­de“und „Feu­er­vo­gel“sein Gast­spiel er­öff­net hat­te, wirk­te der zwei­te Abend im Fest­spiel­haus wie die Rück­kehr zu den Qu­el­len des ro­man­ti­schen Bal­letts. Seit na­he­zu 200 Jah­re steht „Gi­sel­le“als Ur­mut­ter al­ler ro­man­tisch klas­si­schen Bal­let­te auf den Spiel­plä­nen der Bal­lett­kom­pa­ni­en, er­folg­reich ur­auf­ge­führt in Pa­ris, doch erst in Sankt Pe­ters­burg in je­ne Form ge­gos­sen, die es zum Welter­folg mach­te. Vie­le hat­ten ih­ren An­teil da­ran. Der Dich­ter Théo­phi­le Gau­tier, der Mo­ti­ve der Ge­schich­te bei sei­nem Freund Hein­rich Hei­ne auf­spür­te, die Tän­zer und Tanz­meis­ter Coral­li und Per­rot, doch es war wohl vor al­lem Ma­ri­us Pe­ti­pa, der dem Bal­lett das end­gül­ti­ge Sie­gel auf­drück­te und ihm ei­ne Tie­fe ver­lieh, wes­halb al­le Adep­t­in­nen klas­si­scher Schu­len da­nach stre­ben, ein­mal die Gi­sel­le zu tan­zen, die In­kar­na­ti­on der Tän­ze­rin schlecht­hin.

Trotz sei­nes schwa­chen Her­zens hört das Bau­ern­mäd­chen nicht auf zu tan­zen, tanzt sich in den Tod, er­wacht fort­an als ei­ne der Wil­lis zwi­schen Mit­ter­nacht und Mor­gen­grau­en zum Le­ben und stürzt Män­ner in den Tod. Oxa­na Sko­rik ist ei­ne idea­le Gi­sel­le, wie es Ye­ka­te­ri­na Os­mol­ki­na und Vik­to­ria Te­resh­ki­na in den bei­den Vor­stel­lung am 26. De­zem­ber ver­mut­lich eben­falls sind: an­mu­tig und un­schul­dig, ei­ne mit zar­ter Ly­rik ge­wo­be­ne Mi­schung aus Nai­vi­tät und Ko­ket­te­rie, wenn sie dem Gra­fen Al­brecht be­geg­net, der sei­ne Her­kunft vor ihr ver­birgt, und sich trotz der War­nun­gen des Hi­la­ri­on, der in die­ser Fas­sung zu Hans wird, nach keusch hin­ge­tupf­ten Hüp­fern auf der Spit­ze mit ihm ein­ver­nehm­lich tanzt. Und Sko­rik ist von ei­ner hys­te­ri­schen, ge­ra­de­zu to­des­gie­ri­gen Wild­heit, wenn sie er­kennt, dass der An­ge­be­te­te be­reits mit Bat­hil­de ver­lobt ist. Völ­lig auf­ge­löst greift sie nach dem Schwert, lie­bes­krank und wild, ei­ne Schwes­ter je­ner Wahn­sin­ni­gen, die in den 30er-Jah­ren des 19. Jahr­hun­derts auf der Opern­büh­ne idea­li­siert wur­den. Das ist al­ler­höchs­te Tanz­poe­sie, die sich im hoch­raf­fi­nier­ten, mit poin­ti­lier­ter Spit­zen­kunst ver­zier­ten So­lo, in dem Pas de deux mit dem Gra­fen und den pan­to­mi­mi­schen Dia­lo­gen mit der Dorf­ge­mein­de er­eig­net, in die – wie ein Tanz im Tanz – ein so­ge­nann­ter Bau­ern-Pas de deux ein­ge­bet­tet ist. Was da Re­na­ta Sha­ki­ro­va und Va­si­ly Tka­chen­ko an ge­tanz­ter Voll­kom­men­heit prä­sen­tie­ren, kann nur das Ma­ri­ins­ky bie­ten.

Hö­he­punkt ist die Sze­ne der Wil­lis, die sich an Gi­sel­les Gr­ab in ei­ner von Ne­bel­schwa­den über­zo­ge­nen Fried­hofs­sze­ne ein­fin­den, die Igor Iva­nov in die­ser wohl aus den 1980er-Jah­ren stam­men­den bild­ne­ri­schen Re­vi­ta­li­sie­rung at­mo­sphä­risch dich­ter ge­lun­gen ist als die platt ge­mal­te Dorf­sze­ne­rie. In wa­den­lan­gen Tütüs, mit über Brust ge­kreuz­ten Hän­den und in wech­seln­den For­ma­tio­nen ge­gen­ein­an­der ge­tanz­ten Ar­a­bes­ken, mit auf ein­an­der zu wip­pen­den Par­al­le­len mit nach hin­ten ge­win­kel­ten Bei­nen und or­na­men­ta­lem Fal­ten­wurf ge­hört die sich von der glä­ser­nen Här­te ih­rer Kö­ni­gin (Ye­ka­te­ri­na Che­by­ki­na) ab­he­ben­de Ad­a­gio-Ele­gie der Wil­lis zu den Hö­he­punk­ten der „Gi­sel­le“-Cho­reo­gra­fie. Pe­ti­pa treibt das Dra­ma auf die Spit­ze. Nach­dem sie Hans in den Tod ge­trie­ben ha­ben, soll Gi­sel­le ih­rem ge­lieb­ten Al­brecht, von des­sen Reue sie über­wäl­tigt ist, eben­falls den Tod brin­gen. Pas­to­ra­le An­mut ver­wan­delt sich in der letz­ten Be­geg­nung mit He­bun­gen und vir­tuo­sen Schwe­be­fi­gu­ren in klas­si­zis­ti­sche No­bles­se. Ni­ko­laus Schmidt

EIN RO­MAN­TI­SCHES MÄR­CHEN prä­sen­tiert die Com­pa­gnie des Ma­ri­ins­ky Thea­ters St. Pe­ters­burg mit dem Bal­let „Gi­sel­le“in der Cho­reo­gra­fie von Ma­ri­us Pe­ti­pa, mit dem sie jetzt im Fest­spiel­haus Ba­den-Ba­den gas­tiert. Am 26. De­zem­ber wird die Auf­füh­rung um 14 und um 19 Uhr wie­der­holt. Foto: Sta­te Aca­de­mic Ma­ri­ins­ky Thea­t­re

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