„Wir sit­zen am Tra­fo, wir re­gu­lie­ren die Welt“

Neu­zeit­his­to­ri­ker Rolf-Ul­rich Kun­ze über die Mo­dell­ei­sen­bahn an Weih­nach­ten und schwie­ri­ge Zei­ten für den Klas­si­ker

Pforzheimer Kurier - - SÜDWESTECHO -

Karlsruhe. Sie mö­gen sel­te­ner ge­wor­den sein, und doch sind Mo­dell­ei­sen­bah­nen un­ter dem Weih­nachts­baum ein ech­ter Klas­si­ker – und ein klas­sisch deut­scher noch da­zu, wie Neu­zeit­his­to­ri­ker Rolf-Ul­rich Kun­ze be­tont. Seit vie­len Jah­ren be­schäf­tigt sich der Wis­sen­schaft­ler am Karls­ru­her In­sti­tut für Tech­no­lo­gie (KIT) mit dem The­ma. Über die Sym­bo­lik der Mo­dell­ei­sen­bahn in der Ad­vents­zeit hat Kun­ze mit BNN-Re­dak­teu­rin An­ne Weiss ge­spro­chen.

Wie kommt die Ei­sen­bahn zu ih­rem Stamm­platz un­ter dem Christ­baum?

Kun­ze: Das ist in Bil­der­wel­ten am bes­ten er­klär­bar: In mei­ner Kü­che hängt ein Re­tro-Ka­len­der, des­sen De­zem­ber­bild die ame­ri­ka­ni­sche Gra­fik ei­ner ver­schnei­ten Ei­sen­bahn­land­schaft aus dem 1920ern mit der Auf­schrift „Get­ting ho­me for Christ­mas“zeigt. Zur Ei­sen­bahn und ih­rem Bild ge­hört von An­fang an ei­ne Sehn­suchts­kul­tur des Ver­rei­sens und der Fer­ne, aber auch der Heim­kehr, weil sie sehr vie­le Men­schen – und das bis zum heu­ti­gen Tag – eben zum Fest nach Hau­se bringt. Kon­kret über­setzt in die Mo­dell­bau­welt ist das ge­wis­ser­ma­ßen die Ver­klei­ne­rung der Sehn­sucht, die im Kreis um den Weih­nachts­baum fährt. Je­der Mo­dell­bau­ka­ta­log hat solch ein Weih­nachts­bild. Sol­che star­ken Wunsch­bil­der ver­bin­den im Üb­ri­gen die deut­sche und die ame­ri­ka­ni­sche Kul­tur­ge­schich­te.

Die Mo­dell­ei­sen­bahn ist al­so – kul­tur­his­to­risch be­trach­tet – mehr als ein Spiel­zeug? Kun­ze: Viel mehr. Zu­nächst gibt es ei­ne fa­mi­liä­re Di­men­si­on. Die se­hen wir auf je­der Ver­pa­ckung, sie zeigt gern sehr hüb­sche Va­ter-Sohn-Bil­der. Ei­ne sol­che Ei­sen­bahn ist ja sehr wer­tig. Und im Üb­ri­gen be­schen­ken sich die meis­ten Vä­ter ei­gent­lich selbst und freu­en sich, dass die Kin­der ei­nen net­ten An­lass da­zu bie­ten. Fa­mi­li­är ist an der Ei­sen­bahn aber auch, dass da zwei Men­schen et­was zu­sam­men tun. Auf­pas­sen muss man nur, das Fa­mi­li­en­bild nicht zu idea­li­sie­ren – in Patch­work­zei­ten ist das mit­un­ter schwie­rig. Aber ich den­ke, das ist ein Fak­tor, der für den Sym­pa­thie­wert die­ser Sa­che von enor­mer Be­deu­tung ist. Wenn Men­schen so oft um­zie­hen, wenn die Schei­dungs­ra­te hoch ist, dann ist das Wei­ter­ge­ben von so et­was – ob es Fa­mi­li­en­fo­to­al­ben oder Ei­sen­bah­nen sind – ei­ne pre­kä­re Fra­ge.

Weil sie nicht mehr ver­erbt wer­den?

Kun­ze: Genau. Trotz­dem gibt es gibt im­mer wie­der Neu­an­fän­ger, ge­ra­de weil das The­ma si­cher­lich für ei­ne fa­mi­liä­re Idyl­le steht. Es ist ein Ide­al­bild von et­was, das spiel­bar ge­macht wird. Und das ist die psy­cho­lo­gi­ni­schen sche Di­men­si­on. Ei­sen­bah­nen sind an­fass­bar, sie sind hap­tisch. Sie ver­mit­teln den Men­schen das Ge­fühl: Wir sit­zen am Tra­fo, wir re­gu­lie­ren die Welt. Im Un­ter­schied zum Au­to, Spiel­au­to, ist die Mo­dell­ei­sen­bahn im­mer, auch wenn sie nur aus ei­nem Kreis und ei­ner Lok mit drei Wa­gen be­steht, ein Sys­tem. Das man auf­baut, das er­wei­ter­bar ist. Meist er­wächst aus die­sem ein­fa­chen Kreis der Wunsch nach der Er­wei­te­rung. Wer ein­mal mit der Mo­dell­bahn­welt an­ge­zau­bert wor­den ist, drückt sich die Na­se an ei­nem Schau­fens­ter platt und sehnt sich stau­nend nach mehr. Und nicht nur Kin­der – beim Stichwort Mo­dell­ei­sen­bahn gilt auch für Er­wach­se­ne: Es ist nie zu spät, ei­ne glück­li­che Kind­heit zu ha­ben. Das ist das Fas­zi­nie­ren­de an die­sem The­ma, es hat ei­ne ge­ne­ra­ti­ons­über­grei­fen­de An­zie­hungs­kraft.

Wor­aus speist sich die­se An­zie­hungs­kraft denn?

Kun­ze: Es gibt eben un­ge­heu­er vie­le Men­schen, die in ih­ren Le­bens­läu­fen Er­in­ne­run­gen mit dem The­ma ver­bin­den. Die Ei­sen­bahn ist das ers­te Groß­sys­tem der in­dus­tri­el­len Re­vo­lu­ti­on und de­ren Sym­pa­thie­wert ist trotz al­ler tech- Neue­rung nach wie vor hoch. Wir mö­gen ein­fach die­ses The­ma – und ei­ne be­stimm­te Ei­sen­bahn. Es ist näm­lich nicht die mo­der­ne ICE-Welt der hy­per­mo­der­nen Trieb­zü­ge. Es ist die klein­tei­li­ge lo­ka­le und pro­vin­zi­el­le Welt der 1920er- bis 1950er-Jah­re. Wir ho­len uns ei­ne sym­bo­li­sche Ver­gan­gen­heit ins Haus. Das ist ei­ner­seits ei­ne Idyl­li­sie­rung, aber eben nicht nur. Es hat bei vie­len Men­schen mit kon­kre­ten Er­in­ne­run­gen zu tun. Und zwar un­ab­hän­gig da­von, ob Men­schen in ih­rer ei­ge­nen Bio­gra­fie sel­ber ei­ne Mo­dell­bahn hat­ten, denn das ist im­mer we­ni­ger der Fall.

Woran liegt das?

Kun­ze: Un­se­re Le­bens­be­din­gun­gen för­dern das nicht. Oft fehlt Zeit, Platz und auch Geld. Die Be­schäf­ti­gung mit dem The­ma ver­än­dert sich aber schon seit den ver­gan­ge­nen 30 Jah­ren. Das hat da­mit zu tun, dass für die­se Art ei­nes Hob­bys ver­hält­nis­mä­ßig we­ni­ger Geld aus­ge­ge­ben wird, da­ge­gen für an­de­re Din­ge mehr. Elek­tro­ni­ka, vor al­lem. Auf der an­de­ren Sei­te ha­ben Tra­di­tio­nen die­ser Art es auch schwer, weil sie von je­der neu­en Ge­ne­ra­ti­on ei­ne neue, zeit­in­ten­si­ve Be­schäf­ti­gung for­dern. Hat das auch mit der be­schleu­nig­ten Zeit zu tun?

Kun­ze: Na­tür­lich, das ist an­fass­ba­re Ent­schleu­ni­gung mit­hil­fe ei­nes kon­kre­ten Ob­jekts. Das kann ich auch gut ver­ste­hen, dass man ei­nen sehr schnel­len Le­bens­stil kon­ter­ka­riert durch ein so lang­sa­mes Hob­by.

Ih­re Pro­gno­se: Wer­den in 50 Jah­ren an Weih­nach­ten noch die Mo­dell­ei­sen­bah­nen aus­ge­packt?

Kun­ze: Ich den­ke, die­ses The­ma folgt dem kul­tu­rel­len Mus­ter der Re­nais­sance, ist al­so wel­len­för­mig. Es wird im­mer mal wie­der ent­deckt. Ei­ne Zeit lang gab es die Pro­gno­se, die­ser gan­ze Mo­dell­bau­kram wer­de ver­schwin­den zu­guns­ten von Com­pu­ter­spie­len. Da baut man sich dann sei­ne Mo­dell­wel­ten per App zu­sam­men. Nun gibt es das al­les. Aber es ist kein Ver­gleich zum Strah­len in den Au­gen ei­nes Men­schen, der ei­ne Lok in die Fin­ger be­kommt. In­so­fern schät­ze ich, die­se Tra­di­ti­on bleibt uns er­hal­ten. Au­ßer­dem wächst die rea­le Ei­sen­bahn über­all in der in­dus­tria­li­sier­ten Welt wie­der, nicht zu­letzt im Mut­ter­land der Mas­sen­au­to­mo­bi­li­tät, den USA.

HEI­LE WELT UN­TERM CHRIST­BAUM: Die Mo­dell­ei­sen­bahn steht noch im­mer für ei­ne Idyl­le, sagt der Ex­per­te. Den­noch hat sie es die­ser Ta­ge nicht leicht. Foto: alex­kich/Fotolia.com

ROLF-UL­RICH KUN­ZE lehr­te Neue­re und neu­es­te Ge­schich­te am KIT. Der Pro­fes­sor be­schäf­tigt sich auch privat mit dem The­ma Mo­dell­ei­sen­bahn. Foto: ar­tis

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