Ba­sis für For­schungs­pro­jek­te

„Da­ten­schatz“aus der Fe­der des Pilz­ex­per­ten Paul Stri­cker ana­ly­siert

Pforzheimer Kurier - - SÜDWESTECHO - Von un­se­rem Mit­ar­bei­ter Ekart Kin­kel DER TIN­TEN­FISCH­PILZ aus dem Pilz­be­stim­mungs­buch von Paul Stri­cker.

Karlsruhe/Oden­heim. In den ent­beh­rungs­rei­chen Nach­kriegs­jah­ren war das 238 Sei­ten star­ke Pilz­be­stim­mungs­buch von Paul Stri­cker trotz sei­nes stol­zen Prei­ses von zwölf Mark in vie­len nord­ba­di­schen Haus­hal­ten ver­brei­tet. Doch der Pilz­ex­per­te mach­te sich nicht nur als Sach­buch­au­tor ei­nen Na­men, son­dern trat auch mit wis­sen­schaft­li­chen Auf­sät­zen zum ein­ge­wan­der­ten Tin­ten­fisch­pilz und als eh­ren­amt­li­cher Pilz­be­ra­ter auf Wo­chen­märk­ten öf­fent­lich in Er­schei­nung. Als der Volks­schul­leh­rer Paul Stri­cker am Hei­lig­abend vor 60 Jah­ren im Al­ter von 78 Jah­ren in sei­ner Hei­mat­stadt Karlsruhe starb, wur­de er in ei­nem Nach­ruf in den BNN nicht oh­ne Grund als „ei­ner der bes­ten Ken­ner der hei­mi­schen Pilz­flo­ra“ge­wür­digt. Und selbst heu­te bil­den Stri­ckers de­tail­lier­te Auf­zeich­nun­gen über die Groß­pilz­flo­ra rund um die Fä­cher- stadt die Ba­sis für For­schungs­pro­jek­te.

„Paul Stri­cker war ein be­deu­ten­der Pilz­kund­ler und hat mit sei­nem Fach­buch ei­nen wich­ti­gen Bei­trag zur Re­gio­nal­ge­schich­te ge­leis­tet“, sagt sechs Jahr­zehn­te spä­ter der Karls­ru­her Pilz­for­scher Markus Schol­ler. Der My­ko­lo­ge und Ku­ra­tor der Pilz- und Al­gen­samm­lun­gen des Na­tur­kun­de­mu­se­ums Karlsruhe hat sich in den ver­gan­ge­nen Jah­ren zu­sam­men mit sei­nen Mit­ar­bei­tern An­ja Schnei­der und Tors­ten Bernau­er mit Stri­ckers Le­ben aus­ein­an­der­ge­setzt und zahl­rei­che bis­lang un­be­kann­te Da­ten zu­sam­men­ge­tra­gen. Wich­tigs­te Qu­el­le wa­ren da­bei die Ta­ge­bü­cher von Paul Stri­cker, die der jüngst ver­stor­be­ne Karls­ru­her Pilz­freund Man­fred Luft per Zu­fall auf ei­nem Floh­markt ent­deck­te und dem Na­tur­kun­de­mu­se­um zu For­schungs­zwe­cken über­ließ. In sechs eng be­schrie­be­nen Hef­ten hat­te Stri­cker zwi­schen 1927 und 1956 die Fun­de, die ihm bei der Pilz­be­ra­tung vor­ge­legt wur­den und Be­ob­ach­tun­gen sei­ner Pil­z­wande­run­gen no­tiert. Für die Aus­wer­tung die­ses „Da­ten­schat­zes“muss­ten zwar zu­nächst meh­re­re Hun­dert Sei­ten Süt­ter­lin­schrift ent­schlüs­selt und ana­ly­siert wer­den, doch da­für er­hielt Schol­ler ne­ben den wis­sen­schaft­li­chen Er­kennt­nis­sen auch noch in­ter­es­san­te Ein­bli­cke in das Le­ben und Wir­ken des bis­lang we­nig be­kann­ten Volks­my­ko­lo­gen.

Das Licht der Welt er­blick­te Paul Stri­cker am 22. Sep­tem­ber 1878 in Oden­heim im Kraich­gau. Nach sei­ner Aus­bil­dung zum Volks­schul­leh­rer und ers­ten be­ruf­li­chen Sta­tio­nen in Tau­ber­bi­schofs­heim, Ett­lin­gen und Be­rolz­heim wur­de er 1903 an die Volks­schu­le nach Karlsruhe ver­setzt. Für die Pilz­kun­de be­geis­tert wur­de Stri­cker wäh­rend sei­nes Stu­di­ums von Pro­fes­sor Lud­wig Klein. Der Bo­ta­ni­ker und My­ko­lo­ge war zeit­wei­lig auch Rek­tor der Tech­no­lo­gi­schen Hoch­schu­le Karlsruhe und hat­te sich die Ver­mitt­lung von Pilz­kun­de auch an Lai­en auf die Fah­nen ge­schrie­ben. In der Zeit nach dem Ers­ten Welt­krieg or­ga­ni­sier­te Klein Pilz­füh­run­gen und Pilz­be­ra­tun­gen in Karlsruhe und Mit­te der 1920er-Jah­re fand er im Au­to­di­dak­ten Stri­cker ei­nen en­ga­gier­ten Nach­fol­ger. Sein Hob­by zur Be­ru­fung mach­te Stri­cker aber erst nach sei­ner Pen­sio­nie­rung im Jahr 1944.

„In den hand­schrift­li­chen Ta­ge­bü­chern kommt im­mer wie­der zum Aus­druck, wie be­deu­tend Pil­ze und Pilz­be­ra­tung für die hun­gern­de Be­völ­ke­rung wäh­rend und nach dem Zwei­ten Welt­krieg wa­ren“, be­tont Schol­ler, und an­ge­sichts die­ser Ein­drü­cke sei bei Stri­cker wohl auch der Wunsch zum Ver­fas­sen ei­nes Pilz­be­stim­mungs­buchs mit re­gio­na­lem Be­zug auf­ge­kom­men. Für die An­fer­ti­gung der Aqua­rel­le ge­wann Stri­cker

„Mahn­wort an die Pilz­samm­ler“

den Grün­win­keler Kunst­leh­rer Paul Mai­er-Pfau und vor der Ver­öf­fent­li­chung 1949 im Karls­ru­her G. Braun Ver­lag muss­te auch noch die Ge­neh­mi­gung der Al­li­ier­ten ein­ge­holt wer­den. In das Buch selbst brach­te Stri­cker sein ge­sam­tes Wis­sen ein und die Be­schrei­bung der wich­tigs­ten Groß­pilz­grup­pen fand eben­so Ein­zug in das Werk wie Tipps zur Auf­be­wah­rung, Zu­be­rei­tung und Kon­ser­vie­rung. Und in sei­nem „Mahn­wort an die Pilz­samm­ler“kri­ti­sier­te Stri­cker all je­ne Per­so­nen, die kei­ne Ach­tung den Pil­zen ge­gen­über zeig­ten und „vom Drang be­seelt sei­en al­les aus­zu­rei­ßen und um­zu­sto­ßen“. Vor ein „gro­ßes Rät­sel“stellte die Pilz­ex­per­ten im Länd­le laut Schol­ler al­ler­dings Stri­ckers Be­richt vom Fund des schwar­zen Pé­ri­gord-Trüf­fels in der ba­di­schen Rhein­ebe­ne un­ter Ei­chen. Die­se Fun­de ei­nes der be­gehr­tes­ten und teu­ers­ten Spei­se­pil­ze konn­ten trotz in­ten­si­ver Nach­su­che näm­lich nie­mals be­stä­tigt wer­den und sind nach Ein­schät­zung von Trüf­fe­l­ex­per­ten wohl auf ei­ne Ver­wechs­lung zu­rück­zu­füh­ren.

Als die Hun­gers­not in Karlsruhe An­fang der 1950er Jah­re Ge­schich­te war und das In­ter­es­se am Pil­ze­sam­meln zum Nah­rungs­er­werb ab­nahm, stellte Stri­cker auch sei­ne Pilz­be­ra­tung ein. „Heu­te ha­be ich den Pilz­markt am Gu­ten­berg­platz

Kei­ne Be­stä­ti­gung für Pé­ri­gord-Trüf­fel

ge­schlos­sen und gleich­zei­tig der Markt­hal­len­ver­wal­tung mit­ge­teilt, dass ich hier­mit mei­ne Funk­ti­on als Pilz­kon­trol­leur ein­stel­le“, lau­tet der ent­spre­chen­de Ta­ge­buch­ein­trag von 24. No­vem­ber 1951.

Stri­ckers Er­ben sind heu­te die Mit­glie­der der Ar­beits­grup­pe Pil­ze im Na­tur­wis­sen­schaft­li­chen Ver­ein Karlsruhe, die Schol­ler 2003 grün­de­te. Sie füh­ren im Herbst die mon­täg­li­che Pilz­be­ra­tung am Pa­vil­lon des Na­tur­kun­de­mu­se­ums durch und be­tei­li­gen sich an der jähr­li­chen Pil­zaus­stel­lung eben­dort. Die „Volks­er­näh­rung“ste­he al­ler­dings nicht mehr im Vor­der­grund, stellt Schol­ler klar, „son­dern viel­mehr die zu­neh­men­de Zahl von Na­tur­freun­den, die sich für die Pilz­kun­de im wei­te­ren Sin­ne in­ter­es­sie­ren“.

IN VIE­LEN HAUS­HAL­TEN war das Pilz­be­stim­mungs­buch von Paul Stri­cker in der Nach­kriegs­zeit weit ver­brei­tet. Stri­cker hat­te sein Hob­by zur Be­ru­fung ge­macht. Re­pros: eki

VOR 60 JAH­REN starb der Pilz­ken­ner Paul Stri­cker in Karlsruhe.

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