Re­la­ti­ver Weih­nachts­frie­den

Pforzheimer Kurier - - SÜDWESTECHO -

Al­les ist re­la­tiv, wie Al­bert Ein­stein einst nach­zu­wei­sen ver­stand. Das gilt erst recht für das von Na­tur aus wachs­wei­che po­li­ti­sche Ge­schäft. Was heu­te un­um­stöß­lich scheint, ge­rät schon mor­gen zur Ma­nö­vrier­mas­se. In der Bun­des­po­li­tik sind Atom­aus­stieg, Aus­set­zung der Wehr­pflicht oder Ho­mo-Ehe hüb­sche his­to­ri­sche Bei­spie­le. Und im Land hät­te es noch vor ein paar Jah­ren kaum je­mand für mög­lich ge­hal­ten, dass Grü­ne und Schwar­ze ge­mein­sa­me Sa­che ma­chen. Zu­min­dest re­la­tiv ge­mein­sa­me Sa­che.

Als sich bei­de Par­tei­en im Früh­jahr mit gro­ßer Ges­te und un­ter Hin­weis auf das staats­po­li­tisch Not­wen­di­ge zum ver­ein­ten Re­gie­ren zu­sam­men­ta­ten, wa­ren Po­li­ti­ker und Be­ob­ach­ter ver­blüfft an­ge­sichts ih­res re­la­tiv gu­ten Ein­ver­neh­mens. Die Göt­ter­däm­me­rung wer­de schon noch kom­men, zeig­ten sich die in der Op­po­si­ti­on ge­lan­de­ten Aus­ge­boo­te­ten ge­wiss und rie­ben sich mit ge­spann­ter Er­war­tung schon mal die Hän­de. Al­les nur ei­ne Fra­ge der Zeit.

Oder doch nicht? Hat­ten Ka­pi­tän Win­fried Kret­sch­mann und sein Ers­ter Of­fi­zier Tho­mas Strobl al­le Un­tie­fen so sorg­sam aus­ge­lo­tet und per Ne­ben­ab­re­den ab­ge­si­chert, dass die Ko­ali­ti­on dies­mal ein ve­ri­ta­bler Po­ny­hof wür­de? Wo nie­mand aus dem Sat­tel kippt und al­le sich freu­en?

Man konn­te es mei­nen – zu­min­dest so lan­ge, bis im Nach­gang des Frei­bur­ger Mor­des an ei­ner Stu­den­tin das The­ma Ab­schie­bun­gen groß und grö­ßer wur­de. Es kam zu ei­ner Sam­mel­ab­schie­bung, bei der auch Mi­gran­ten aus dem Süd­wes­ten zu­rück nach Af­gha­nis­tan ge­bracht wer­den soll­ten. Grü­nen­Lan­des­chef Oli­ver Hil­den­brand griff dar­ob zu re­la­tiv mar­ki­gen Wor­ten und schleu­der­te sel­bi­ge in Rich­tung des CDU-ge­führ­ten In­nen­mi­nis­te­ri­ums: Ein „hu­ma­ni­tä­rer Of­fen­ba­rungs­eid“sei das, don­ner­te der Par­tei­chef oh­ne Re­gie­rungs­amt.

Für den schwar­zen In­nen­mi­nis­ter Strobl war da ei­ne ro­te, re­spek­ti­ve grü­ne Li­nie über­schrit­ten. Zu­mal Hil­den­brand den CDU-Chef kurz zu­vor be­reits re­la­tiv ro­bust an­ge­packt hat­te. Dem Christ­de­mo­kra­ten sei of­fen­kun­dig kei­ne For­de­rung zu schä­big, um sich als Hard­li­ner zu pro­fi­lie­ren.

Be­han­delt man denn so sei­nen Ko­ali­ti­ons­part­ner? Strobl fand dar­auf ei­ne un­zwei­deu­ti­ge Ant­wort und setz­te den Ko­ali­ti­ons­aus­schuss in Marsch. Dort ver­si­cher­te man sich ge­gen­sei­tig treu­en Blicks, dass bei­den Sei­ten an ei­ner gu­ten Zu­sam­men­ar­beit „sehr ge­le­gen“sei. Hil­den­brand sah sich gar zu der Er­klä­rung be­mü­ßigt, sei­ne Äu­ße­run­gen sei­en in kei­nem Fall als per­sön­li­cher An­griff auf Strobl oder gar als Be­lei­di­gung zu ver­ste­hen ge­we­sen. Und die Vo­ka­bel „schä­big“, nun ja, sie sei wohl et­was zu scharf ge­ra­ten.

Der In­nen­mi­nis­ter nahm’s zur Kennt­nis und ver­kün­de­te her­nach, dass nun der Weih­nachts­frie­den un­ter dem Dach der Ko­ali­ti­on ein­ge­zo­gen sei. Doch die Weih­nachts­zeit, das weiß man ja, währt re­la­tiv kurz.

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