Re­vo­lu­ti­on im „Star­bucks“-Stil?

Cho­co­la­tiers er­öff­nen mehr Lä­den / Scho­ko­la­den­markt sta­gniert in Deutsch­land

Pforzheimer Kurier - - WIRTSCHAFT -

Ber­lin. Ro­sa Pfef­fer­kör­ner auf dunk­len Ta­feln, Trüf­fel mit Sand­dorn, Pra­li­nen mit Ma­ra­cu­jaKa­ra­mell – ei­ne Frau mit wei­ßem Hand­schuh sor­tiert die Wa­re hin­ter Glas. Lan­ge brauch­ten Scho­ko­la­den­her­stel­ler zum Bei­spiel Fein­kost­ab­tei­lun­gen für den Ver­kauf, jetzt neh­men ei­ni­ge den Ver­trieb selbst in die Hand. Lindt & Sprüng­li er­öff­nen im­mer mehr neue Lä­den, welt­weit sind es rund 370 „Bou­ti­quen“, da­von 20 in Deutsch­land. Lä­derach aus der Schweiz setzt auf ei­ge­ne Ge­schäf­te, Vi­ba ver­treibt Nou­gat in ei­ge­nen Shops, vor al­lem im Os­ten Deutsch­lands. Und die Ber­li­ner von Rausch ha­ben ih­re Scho­ko­la­de aus den Su­per­märk­ten ge­nom­men, um sie nur im ei­ge­nen La­den und on­li­ne zu ver­kau­fen. Ein Vor­teil da­bei: Mehr Raum, um die Mar­ke zu prä­sen­tie­ren – und sich zu ver­kau­fen. Der Kaf­fee ha­be es vor­ge­macht und jetzt fol­ge die Scho­ko­la­de. Die­se The­se stellte das bri­ti­sche Ma­ga­zin „The Eco­no­mist“auf: „Wo sich Star­bucks einst den Weg ge­bahnt hat, fol­gen nun die Cho­co­la­tiers.“Piek­fei­ne Scho­ko­la­den­lä­den ent­stün­den in hip­pen Vier­teln, in de­nen zu­vor die Kaf­fee­kul­tur ih­ren Ur­sprung ge­habt ha­be.

Ei­nen Trend zu Spe­zia­li­tä­ten bei Scho­ko­la­de be­ob­ach­tet auch das Markt­for­schungs­un­ter­neh­men Niel­sen, ähn­lich wie bei Kaf­fee oder Bier. „Her­stel­ler set­zen in sol­chen ge­sät­tig­ten Märk­ten auf Spe­zia­li­tä­ten und Pre­mi­um­pro­duk­te, um mehr um­zu­set­zen“, sagt Micha­el Griess, der den Süß­wa­ren­markt ana­ly­siert. Der Scho­ko­la­den­markt in Deutsch­land sta­gnie­re. Nach Zah­len von Niel­sen ist der Markt, ge­mes­sen am Ab­satz, im Jah­res­ver­gleich bis No­vem­ber so­gar ge­schrumpft. „Über Preis­er­hö­hun­gen oder Pre­mi­um­pro­duk­te kom­men die Her­stel­ler und Händ­ler den­noch auf ein klei­nes Um­satz­wachs­tum“, er­klärt Griess.

Ma­nu­fak­tu­ren oder Flagship-Sto­res könn­ten durch­aus ein Mit­tel sein, um di­rek­ten Kon­takt zu den Ver­brau­chern her­zu­stel­len. Ei­ni­ge Her­stel­ler je­den­falls se­hen in Fi­lia­len Po­ten­zi­al und set­zen auf Ex­pan­si­on. Bei Lindt & Sprüng­li ha­be das ei­ge­ne Ver­kaufs­netz im Jahr 2015 mit rund 379 Mil­lio­nen Schwei­zer Fran­ken be­reits zehn Pro­zent zum Um­satz bei­ge­tra­gen, er­klärt ei­ne Spre­che­rin.

Auch das Schwei­zer Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men Lä­derach schaut sich um. Jahr­zehn­te­lang pro­du­zier­te es Scho­ko­la­de nur als Zu­lie­fe­rer für Bä­cke­rei­en und Kon­di­to­rei­en. Vor et­wa zehn Jah­ren über­nahm Lä­derach aber ei­nen Süß­wa­ren­her­stel­ler und tritt seit­dem als Kon­su­men­ten­mar­ke auf. „In ganz Eu­ro­pa sind wir in­ten­siv auf Stand­ort­su­che“, sagt Re­tail­chef Martin Leh­mann.

Dass Her­stel­ler ei­ge­ne Lä­den auf­ma­chen, sei im­mer auch ei­ne Grat­wan­de­rung, er­klärt ein Bran­chen­ken­ner. Denn die Her­stel­ler wer­den so mit­un­ter zur Kon­kur­renz für ih­re ei­gent­li­chen Ab­neh­mer, für Supermärkte, Fein­kost­ab­tei­lun­gen und Fach­ge­schäf­te. Die Her­stel­ler neh­men selbst teu­re La­den­mie­ten und an­de­re Kos­ten in Kauf. Ein Bei­spiel: Am Münch­ner St­a­chus et­wa glänzt ei­ne „Lindt Bou­tique“und nicht weit ent­fernt lie­gen die Kauf­häu­ser.

Der Ber­li­ner Cho­co­la­tier Rausch hat sich 2015 so­gar ent­schie­den, sei­ne Pro­duk­te gar nicht mehr in frem­den Lä­den an­zu­bie­ten. Scho­ko­la­de wer­de in Su­per­märk­ten nicht in­sze­niert „und das brau­chen wir für un­se­re Ge­schich­te“, er­klärt ein Fir­men­spre­cher.

Ei­ge­ne Lä­den sei­en ein Schritt, der gut ab­ge­wo­gen wer­den müs­se, sagt Markt­be­ob­ach­ter Griess. „Bei vie­len gro­ßen Scho­ko­la­den-Her­stel­lern se­hen wir das in der Form noch nicht. Die Platz­hir­sche kon­zen­trie­ren sich wei­ter auf das Kern­ge­schäft.“Der Pro­du­zent Rit­ter Sport zum Bei­spiel plant bis­lang, ne­ben sei­nem Flagship-Sto­re in Ber­lin, kein ei­ge­nes Fi­li­al­netz, das Un­ter­neh­men schlie­ße den Schritt aber auch nicht aus, sag­te ein Spre­cher.

Ob der Scho­ko­la­de wirk­lich die gro­ße Re­vo­lu­ti­on im „Star­bucks“-Stil be­vor­steht und vie­le Her­stel­ler Lä­den er­öff­nen? „Es gibt den Trend zu Spe­zia­li­tä­ten und den Ver­such, über Pre­mi­um­pro­duk­te mehr um­zu­set­zen“, sagt Griess vom Markt­for­schungs­in­sti­tut Niel­sen.

„Aber ob das da­zu führt, dass mehr Her­stel­ler Lä­den er­öff­nen, das wä­re ein Blick in die Glas­ku­gel“, sagt Griess wei­ter. Da­mit Lä­den oder Ma­nu­fak­tu­ren lau­fen, muss na­tür­lich auch ei­nes er­füllt sein: Men­schen müs­sen Geld für Scho­ko­la­de aus­ge­ben wol­len. Ju­lia Ki­li­an

PRE­MI­UM-SCHO­KO­LA­DE: Lan­ge brauch­ten Scho­ko­la­den­her­stel­ler zum Bei­spiel Fein­kost­ab­tei­lun­gen für den Ver­kauf, jetzt neh­men ei­ni­ge den Ver­trieb selbst in die Hand. Foto: dpa

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