„Ich möch­te hel­fen, wie mir ge­hol­fen wur­de“

Saad Qa­ei­di kam vor sechs Jah­ren nach Pforz­heim und will am liebs­ten Po­li­zist wer­den

Pforzheimer Kurier - - PFORZHEIM - Von un­se­rem Re­dak­ti­ons­mit­glied Clau­dia Kraus

Es war sein ers­ter Tag in Deutsch­land. In dem mehr­stö­cki­gen Pforz­hei­mer Haus fuhr Saad Qa­ei­di zum ers­ten Mal in sei­nem Le­ben Auf­zug. Er war fas­sungs­los. „Man drückt auf ei­nen Knopf und kommt dort an, wo man hin will“, sagt der 16-jäh­ri­ge Ira­ker.

Auf den Knopf drü­cken und nach oben fah­ren: die ers­te Auf­zug-Fahrt liegt sechs Jah­re zu­rück und Saad scheint heu­te ziem­lich genau zu wis­sen, wo er hin will. Fach­ab­itur möch­te er ma­chen und viel­leicht Po­li­zist wer­den oder ei­nen Be­ruf im so­zia­len Be­reich er­grei­fen. „Hel­fen, wie mir ge­hol­fen wur­de.“

Saad be­sucht die ach­te Klas­se der In­sel-Re­al­schu­le. Schon drei­mal war er Klas­sen­spre­cher. Saad ist selbst­be­wusst und spricht au­ßer­ge­wöhn­lich gut deutsch. An die­sem Tag trägt der Ju­gend­li­che ei­ne Ka­pu­zen­ja­cke mit dem Em­blem des SV Bü­chen­bronn. Er ist lei­den­schaft­li­cher Fuß­bal­ler. Ein Freund hat ihn mal mit­ge­nom­men zu ei­nem Ver­ein in Kie­sel­bronn. Heu­te kickt er für den SV Bü­chen­bronn, „ei­ni­ge Klas­sen hö­her“, sagt er stolz. Lin­kes Mit­tel­feld spielt er dort. Er sieht glück­lich aus, wäh­rend er er­zählt von sei­nem Le­ben „in der zwei­ten Hei­mat“. „Hier wer­den die Men­schen re­spek­tiert. Ich kann in die Schu­le ge­hen, mit Klei­dern, die ich tra­gen will. Das schätzt man, weil man es frü­her nicht hat­te“, sagt er.

2010 kam Saad mit sei­nen neun Ge­schwis­tern und der Mut­ter im Zu­ge der Fa­mi­li­en­zu­sam­men­füh­rung nach Deutsch­land. Dem Va­ter war drei Jah­re zu­vor die Flucht aus dem Irak ge­lun­gen. Dass sie al­le zu­sam­men in Pforz­heim le­ben kön­nen, be­schreibt Saad als größ­tes Glück. „Wir wuss­ten nicht, ob wir ei­ne Chan­ce ha­ben wür­den auf ein Le­ben in Frie­den.“Sei­ne An­kunft sei da­mals völ­lig un­wirk­lich ge­we­sen. „Wie wenn man von ei­nem Film in ei­nen an­de­ren kommt.“Das Flug­zeug lan­de­te in Frankfurt, und der jun­ge Ira­ker sah auf ein­mal Bäu­me und Wäl­der, Au­tos, die Au­to­bahn. „So et­was gab es bei uns nicht.“

Auf­ge­wach­sen in ei­nem klei­nen Dorf bei Mo­sul war das Le­ben der je­si­di­schen Ira­ker im­mer be­droht. Saads Va­ter muss­te in der Ar­mee kämp­fen. Kriegs­hand­lun­gen ha­be der Rest der Fa­mi­lie auf dem Land zwar kei­ne mit­be­kom­men. „Aber die Angst war bei je­dem Schritt zur Schu­le da­bei.“Die Fa­mi­lie floh nach Sy­ri­en und leb­te dort meh­re­re Mo­na­te bis zur Über­sie­de­lung nach Deutsch­land. Saad hat­te sich vor­ab über sein Wun­sch­land in­for­miert. Heu­te ist er be­geis­tert über das, was ihm hier an­ge­bo­ten wur­de: zum Bei­spiel das Ro­ta­ryPro­gramm „Kin­der ler­nen Deutsch“. Seit zehn Jah­ren gibt der Ro­ta­ry Club Pforz­heim Geld für in­di­vi­du­el­le Sprach­för­de­rung an Grund­schu­len und hat in das Pro­jekt be­reits 150 000 Eu­ro in­ves­tiert. Or­ga­ni­siert wird der spie­le­ri­sche Un­ter­richt in klei­nen Grup­pen über die Volks­hoch­schu­le.

Saad er­in­nert sich, wie er mit sei­nen Ge­schwis­tern ei­nen Du­den kauf­te, um sich mit der frem­den Schrift ver­traut zu ma­chen. Ira­ki­sche Nach­barn, die schon län­ger hier wa­ren, brach­ten ih­nen nütz­li­che Vo­ka­beln bei. Das Al­pha­bet kann­te er noch vor sei­nem ers­ten Tag in der In­sel-Schu­le. „Es war toll“, er­in­nert er sich. „Die Leh­rer lä­cheln dich an und wol­len wirk­lich was mit dir ma­chen.“In der Schu­le da­mals im Irak saß er an ei­nem ka­put­ten Fens­ter mit vie­len Kin­dern in ei­nem Raum oh­ne Hei­zung.

Leicht war das ers­te Jahr in Pforz­heim trotz­dem nicht. „Ich war un­ge­bil­det“, er­zählt Saad. Die Spra­che konn­te er noch nicht recht und ein Han­dy be­saß er auch nicht. Grün­de ge­nug, um aus­ge­grenzt zu wer­den. Manch­mal wur­de er auch an­ge­macht, wenn er in Pforz­heim un­ter­wegs war. Und be­son­ders, wenn et­was pas­sier­te, wo­für ein Asyl­be­wer­ber ver­ant­wort­lich war. „Man kann nicht al­le in ei­nen Topf wer­fen“, sagt Saad.

Zu­hau­se in der Fa­mi­lie hilft man sich ge­gen­sei­tig. Zwei von Saads Schwes­tern ge­hen in die Grund­schu­le, ei­ne ist in der Re­al­schu­le ei­ne Klas­se un­ter ihm. Zwei äl­te­re Schwes­tern ma­chen Leh­ren als

„Die Angst war bei je­dem Schritt da­bei“

Gold­schmie­din, ei­ne lernt Fri­seu­rin. Die äl­tes­te lebt in Mün­chen und ar­bei­tet als Arzt­hel­fe­rin bei ei­nem Zahn­arzt. Die El­tern be­su­chen der­zeit Sprach­kur­se.

Zwei Ro­ta­ry-Freun­de, Rai­ner Zim­mer­mann und Har­ry Lan­dau­er, die Saad an die­sem Tag in der Schu­le be­su­chen, sind be­ein­druckt von der Ent­wick­lung ih­res Schütz­lings und da­von, wie die Groß­fa­mi­lie das neue Le­ben meis­tert. „Das kommt nicht ein­fach so“, macht Saad klar, dass hin­ter den Kar­rie­ren der Fa­mi­li­en­mit­glie­der viel Wil­lens­kraft und har­te Ar­beit ste­cken. „Für uns ist das ein ganz gro­ßes Glück,“sagt er wie­der.

Et­was ver­misst Saad in sei­ner „zwei­ten Hei­mat“: Ei­ne Ge­mein­de, in der er sei­nen Glau­ben le­ben kann. Wenn in Pforz­heim Weih­nach­ten ge­fei­ert wird, ist ihm das heu­te zwar nicht mehr völ­lig fremd. „Das Ge­spräch hat­te ich ge­ra­de

„Ich hof­fe, wir sind auf ei­nem rich­ti­gen Weg“

mit ei­nem Freund“, er­zählt er. Ei­ne Be­deu­tung hat Weih­nach­ten für die Fa­mi­lie Qa­ei­di nicht. In der je­si­di­schen Re­li­gi­on gibt es am 16. De­zem­ber ein Zu­cker­fest zum Ab­schluss ei­ner drei­tä­gi­gen Fas­ten­zeit. Dass Saads El­tern den klei­ne­ren Ge­schwis­tern an Weih­nach­ten klei­ne Ge­schen­ke ma­chen, ist wohl eher ein Zu­ge­ständ­nis an das neue Le­ben.

An­sons­ten bleibt die je­si­di­sche Fa­mi­lie ih­rer Tra­di­ti­on treu. Saads äl­tes­te Schwes­ter ist mit ei­nem Je­si­den ver­hei­ra­tet. In der Fa­mi­lie wird über die­ses The­ma ge­re­det. Auch Saad kann sich ei­ne Ehe nur in­ner­halb der ei­ge­nen Re­li­gi­on vor­stel­len. „Ich glau­be, wir sind noch nicht so­weit“. Aber nicht al­les muss blei­ben, wie es ist, scheint er zu den­ken. „Wenn ich ein­mal Kin­der ha­be“, meint er, „dür­fen sie auch je­mand an­de­res hei­ra­ten. Ich hof­fe, wir sind auf ei­nem rich­ti­gen Weg.“

SAAD QA­EI­DI lebt seit sechs Jah­ren in Pforz­heim. Er be­sucht die In­sel-Re­al­schu­le und ist lei­den­schaft­li­cher Fuß­ball­spie­ler. Foto: Eh­mann

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.