„Be­kannt­schaft war ein Weih­nachts­wun­der“

Zwei Esel aus Kel­tern be­rei­chern Krip­pen­spiel

Pforzheimer Kurier - - ENZKREIS - Von un­se­rem Mit­ar­bei­ter Ju­li­an Zach­mann

Rem­chin­gen/Kel­tern. End­lich Weih­nach­ten! In Vor­freu­de auf Hei­lig­abend stellt der fünf­jäh­ri­ge Ja­kob Schä­fer aus Sin­gen zu­sam­men mit sei­nen Schwes­tern Lot­te und Li­na die Krip­pen­fi­gu­ren auf, die er von sei­ner Pa­ten­tan­te ge­schenkt be­kom­men hat. Sorg­sam kommt zu­erst das Kind in die Krip­pe, dann fol­gen Je­sus’ El­tern Ma­ria und Jo­sef, die Scha­fe, de­ren Wol­le der klei­nen Lot­te zu­fol­ge die Wär­me der Weih­nacht aus­drü­cke, der En­gel als Ver­kün­der der fröh­li­chen Bot­schaft, der Hir­te, der Esel … Mo­ment mal: das ist doch kei­ne Holz­fi­gur, son­dern ein Plüsch-Esel, den die drei­jäh­ri­ge Lot­te da von der Couch holt! Und auch beim Blick in die Weih­nachts­ge­schich­te im Lu­ka­sevan­ge­li­um ist weit und breit kein Esel zu fin­den. Ge­hört er et­wa nicht da­zu? „Doch! Die Esel hat man frü­her zum Ar­bei­ten ge­nom­men. Und der hat doch die Ma­ria ge­tra­gen von Na­za­reth nach Beth­le­hem, als sie schwan­ger war“, er­klä­ren die Ge­schwis­ter, die heu­te um 17 Uhr im Krip­pen­spiel in der Kreuz­kir­che mit­ma­chen, und fü­gen prompt hin­zu: „Dann hat sie das Ba­by ge­bo­ren, das spä­ter ein gro­ßer Mensch ge­wor­den ist, der Wun­der ge­tan hat und des­sen Va­ter Gott ist.“Ih­rer Mut­ter Katja fällt spon­tan das Weih­nachts­lied „Was hat wohl der Esel ge­dacht?“ein, mit dem Man­fred Sie­bald der Fra­ge nach­geht, wie sich das Tier ge­fühlt hat, als es sei­nen Stall mit dem Kind tei­len soll­te: „Doch wer ihm die Tür auf­macht, der hat je­den Tag hei­li­ge Nacht. Das soll­ten wir heu­te Abend nicht ver­ges­sen!“

Stör­ri­scher Esel? Für Wil­li und Tom trifft das ganz und gar nicht zu. Die bei­den Vier­bei­ner, der ei­ne al­lein­ste­hend aus Strau­ben­hardt, der an­de­re von der No­tE­sel-Hil­fe, ha­ben

Esel hel­fen beim Pro­jekt „Freun­de fürs Le­ben“

bei An­gie Trautz ein Zu­hau­se ge­fun­den und ge­nie­ßen das ge­müt­li­che Mit­ein­an­der in Kel­tern, wo sie ei­nen Stall mit Wei­de­zu­gang ha­ben. „Die Be­kannt­schaft war ein Weih­nachts­wun­der“, freut sich Trautz, die Wil­li auf dem Rem­chin­ger Weih­nachts­dorf ken­nen und lie­ben lern­te, ihm und Tom ei­ne neue Blei­be schenk­te: „Mitt­ler­wei­le sind sie schon rich­ti­ge Fa­mi­li­en­mit­glie­der.“

Auch wenn Esel seit je­her mit den Men­schen als ro­bus­te Las­ten­trä­ger un­ter­wegs wa­ren, hät­ten sie ei­nen wei­chen, sen­si­blen Kern. Auch Wil­li und Tom ge­ben ih­re Dank­bar­keit wei­ter. Sie be­glei­ten An­gie Trautz und die In­te­gra­ti­ve Lern­the­ra­peu­tin Si­mo­ne Zorn beim Pro­jekt „Freun­de fürs Le­bens“: Im Rah­men ei­ner tier­ge­stütz­ten The­ra­pie neh­men sie ins­be­son­de­re Kin­dern und Ju­gend­li­chen mit Lern­schwä­che und So­zia­li­sie­rungs­schwie­rig­kei­ten in­ner­li­che, psy­chi­sche Las­ten ab, et­wa bei ge­mein­sa­men Trek­king-Tou­ren. Kurz vor Weih­nach­ten durf­ten die Tie­re zahl­rei­che Her­zen hö­her­schla­gen las­sen, be­rei­cher­ten die le­ben­di­ge Krip­pe beim Weih­nachts­dorf, sind heu­te zu Gast bei ei­ner Spen­den­ak­ti­on für so­zi­al­schwä­che­re Kin­der im Bröt­zin­ger „Ama­li­en­stü­b­le“und durf­ten beim Krip­pen­spiel des Wil­fer­din­ger Kin­der­gar­tens „Ar­che Kun­ter­bunt“am vier­ten Ad­vent so­gar die Ma­ria in die Kir­che tra­gen – ge­dul­dig, ru­hig und men­schen­lieb.

Wer ist am En­de al­so der stör­ri­sche Esel? Den tie­ri­schen Vier­bei­ner je­den­falls kön­ne man durch­aus zum Vor­bild neh­men, er­mun­ter­te der evan­ge­li­sche Wil­fer­din­ger Pfar­rer Frie­de­mann Zitt in sei­ner Pre­digt zum vier­ten Ad­vent. Bei ge­nau­em Hin­schau­en ha­be er durch­aus sei­nen be­rech­tig­ten Platz in der Krip­pe.

Der ent­schei­den­de Hin­weis steht zwar nicht in der Weih­nachts­ge­schich­te, son­dern ist schon vor Je­su Ge­burt im Al­ten Tes­ta­ment in Wor­ten des Pro­phe­ten Je­sa­ja zu fin­den. Dort heißt es: Ein Och­se kennt sei­nen Herrn und ein Esel die Krip­pe sei­nes Herrn – aber mein Volk ver­steht’s nicht. Das Weih­nachts­fest la­de ein, das Wun­der je­ner Nacht von Beth­le­hem fröh­lich zu tei­len: „Je­sus ist auf die Welt ge­kom­men, um Frie­den zu brin­gen – Frie­den mit Gott, aber auch zwi­schen uns Men­schen.“

VIE­LE KINDERHERZEN ZUM STRAH­LEN BRIN­GEN die Esel Wil­li und Tom so­wie ih­re Be­sit­ze­rin An­gie Trautz (Fünf­te von rechts) und Lern­the­ra­peu­tin Si­mo­ne Zorn in der Weih­nachts­zeit, hier mit jun­gen Be­su­chern des Wil­fer­din­ger Weih­nachts­dor­fes. Fotos: Zach­mann

ALS KRIPPENFIGUR hat der Esel durch­aus sei­ne Be­rech­ti­gung, fin­den Lot­te (vor­ne von links), Ja­kob und Li­na Schä­fer aus Sin­gen mit ih­ren El­tern Thors­ten und Katja.

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