Ei­ni­ge blei­ben au­ßen vor

Ex­per­ten se­hen ekla­tan­te Wel­le bei Ob­dach­lo­sig­keit

Pforzheimer Kurier - - KARLSRUHE -

Wann muss ei­ne Kom­mu­ne Men­schen von Amts we­gen ein Quar­tier ver­schaf­fen? Fach­leu­te in Karls­ru­hes So­zi­al­be­hör­den, ka­ri­ta­ti­ven Ein­rich­tun­gen in der Fä­cher­stadt und beim ein­schlä­gig en­ga­gier­ten Ver­ein So­zi­al­päd­ago­gi­sche Al­ter­na­ti­ven (Soz­pädal) be­rich­ten über­ein­stim­mend, dass dro­hen­de oder tat­säch­lich ein­tre­ten­de Ob­dach­lo­sig­keit ih­nen zu­neh­mend Sor­gen be­rei­te. Recht­li­che Un­si­cher­hei­ten er­schwer­ten die La­ge zu­sätz­lich – auch jen­seits der Stadt­gren­zen, wie jüngst ein Fach­tag in Karlsruhe mit mehr als 150 Teil­neh­mern aus wei­tem Um­kreis be­wies.

Uwe En­der­le vom Dia­ko­ni­schen Werk Karlsruhe lobt „gu­te Ver­zah­nun­gen“, Jörg Mau­ter von Soz­pädal be­tont ex­pli­zit: „Karlsruhe als nicht ar­me Kom­mu­ne hat viel ge­tan und gu­te Vor­aus­set­zun­gen ge­schaf­fen“– und doch, so ge­steht der Lei­ter des Karls­ru­her So­zi­al­am­tes, Al­f­red Dietz, hät­ten so­wohl Haupt­amt­li­che als auch eh­ren­amt­li­che Be­treu­er „viel Elend vor Au­gen“. Nach ex­akt 37 Jah­ren in die­sem Me­tier be­schreibt Dietz die Schat­ten­sei­te der in At­trak­ti­vi­tät und Grö­ße wei­ter auf­stre­ben­den Stadt: „Die Zah­len der of­fi­zi­ell Ob­dach­lo­sen stei­gen, und ei­ni­ge blei­ben im­mer au­ßen vor.“

Re­chen­spie­le mit Miet­stei­ge­run­gen und Neu­bau­pro­jek­te, die eher nicht auf güns­ti­gen Wohn­raum zie­len, „das krie­ge ich das nack­te Grau­sen“, sagt Mau­ter. So­zi­al­de­zer­nent Martin Lenz hält dem ent­ge­gen: „An die­ser Kan­te spa­ren wir nicht.“Die Stadt ge­be Mil­lio­nen zu­sätz­lich aus, um von Woh­nungs­lo­sig­keit be­droh­ten Men­schen zu hel­fen. Der Ge­mein­de­rat sto­cke die Töp­fe bei Be­darf auch auf: „Wir sind ja froh, wenn ein pri­va­ter Ver­mie­ter uns ge­eig­ne­ten Wohn­raum an­bie­tet.“

„Manch­mal ste­hen die Leu­te mit Sack und Pack bei uns in der Schef­fel­stra­ße vor der Tür“, be­rich­tet Mau­ter von den kras­ses­ten Fäl­len. Es sä­he wohl noch düs­te­rer aus für die schwächs­ten Mit­glie­der der Stadt­ge­sell­schaft oh­ne Karls­ru­hes bun­des­weit be­ach­te­ten Maß­nah­menstrauß aus Vor­beu­gung, päd­ago­gi­scher Be­glei­tung und schnel­ler Not­fall­hil­fe, den Soz­pädal mit­in­iti­iert hat. „Nur des­halb zäh­len wir ak­tu­ell nicht 1 000 Men­schen, die drin­gend ei­ne Woh­nung brau­chen, son­dern we­ni­ger als 600“, rech­net Lenz vor. Auch das städ­ti­sche Ak­qui­se­pro­gramm wir­ke: „Karls­ru­her Ver­mie­ter sind so­zi­al ori­en­tiert.“Sie und die Volks­woh­nung bräch­ten der Stadt jähr­lich 120 bis 130 neue So­zi­al­woh­nun­gen.

700 bis 800 kri­ti­sche Fäl­le pro Jahr, von gra­vie­ren­dem Miet­rück­stand bis zur Räu­mungs­kla­ge, las­sen bei städ­ti­schen Stel­len die Alarm­glo­cken schril­len – sta­tis­tisch mün­de­ten aber nur 30 die­ser Fäl­le in ei­ne Un­ter­brin­gung, so Lenz. Ak­tu­ell be­treue man 550 bis 600 Be­trof­fe­ne, pro Mo­nat gin­gen zu­dem 50 bis 60 Ob­dach­lo­sen-Meldungen ein. Es blei­be bei der Ma­xi­me für Si­tua­tio­nen, in de­nen Kin­der ihr Zu­hau­se ver­lö­ren: „Al­lein we­gen Geld wird in die­ser Stadt kei­ne Fa­mi­lie ob­dach­los.“

Zwei Wel­len be­son­ders drü­cken­der Ob­dach­lo­sig­keit ha­ben er­fah­re­ne So­zi­al­pla­ner wie Lenz und Dietz so­wie Prak­ti­ker wie Mau­er und En­der­le mit­er­lebt, die ers­te um 1995, dann noch ein­mal im Jahr 2003. „Jetzt ist es schlim­mer“, sagt der De­zer­nent. „Mit­te der 1990er Jah­re schrumpf­te die Stadt, es war Land da. Und um 2003 ließ sich sie So­zi­al­ar­beit aus­bau­en. Nun muss uns et­was Neu­es ein­fal­len – und das wird es auch.“Kirs­ten Et­zold

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.