Poe­ten der Sche­re

Pforzheimer Kurier - - WEIHNACHTEN -

Hei­li­ge Nacht. Über den blau­en Schat­ten­schirm hu­schen bun­te, leuch­ten­de Sche­men. „Was ist das für ei­ne Nacht, in der die Hun­de nicht bei­ßen, der Speer nicht trifft und das Feu­er den Man­tel nicht ver­brennt?“fragt der mür­ri­sche Hir­te den ar­men Mann, der bei ihm Feu­er ho­len will, um sein Weib und sein Neu­ge­bo­re­nes zu wär­men. Dann ge­schieht das Weih­nachts­wun­der: Ge­führt von un­sicht­ba­ren Stä­ben und Fä­den und um­haucht von sanf­ten Har­fen- und Flö­ten­klän­gen schwe­ben durch­sich­ti­ge We­sen aus Kunst­stoff­fo­lie und Seide her­bei: Ma­ria, das Je­sus­kind und die himm­li­schen Heer­scha­ren. Jetzt wird dem kalt­her­zi­gen Hir­ten ge­wahr, welch be­deu­ten­dem Er­eig­nis er bei­woh­nen darf: der Ge­burt Chris­ti. Das Licht er­lischt, die Schat­ten ster­ben.

Sel­ma La­ger­löfs Le­gen­den „Die Hei­li­ge Nacht“und „Die Pal­me“ge­hö­ren in der Ad­vents­zeit zum fes­ten Pro­gramm von Sabine Kay­sers. Die „Blaue Mär­chen­büh­ne“der 76-jäh­ri­gen, pen­sio­nier­ten Leh­re­rin aus Of­fen­burg, ge­hört zu den letz­ten Schat­ten­thea­tern der Re­pu­blik. „Mär­chen müs­sen mys­tisch dar­ge­stellt wer­den. Viel­leicht pas­siert das viel zu sel­ten.“

Al­lent­hal­ben ver­su­chen nost­al­gi­sche Schat­ten­thea­ter, dem wuch­ti­gen Bil­der­strom von Kino, Fern­se­hen und Face­book Pa­ro­li zu bie­ten. Fried­rich Raad, Chef des „Thea­ters der Däm­me­rung“in Leich­lin­gen bei Düsseldorf hat den Weg in die Selbst­stän­dig­keit nie be­reut: „Men­schen sa­gen mir, sie sind wäh­rend der Vor­stel­lung vom Ver­stand in ihr Herz ge­plumpst“, er­zählt der 54-Jäh­ri­ge

Die Mär­chen­welt auf den Tü­chern der Träu­me ist ein li­li­pu­ta­ni­sches Uni­ver­sum: 160 Schat­ten­spie­le an 140 Or­ten führt die mo­bi­le Büh­ne des ge­bür­ti­gen Stutt­gar­ters pro Jahr auf, quer durch die Re­pu­blik. „Manch­mal so­gar noch im Weih­nachts­got­tes­dienst di­rekt am Hei­lig­abend.“Ob „Dorn­rös­chen“oder „Stern­ta­ler“, „Der Teu­fel mit dem gol­de­nen Haar“oder „Der klei­ne Prinz“– fast im­mer sind die Vor­stel­lun­gen aus­ver­kauft: ei­ne Aus­nah­me in die­ser vom Auss­ter­ben be­droh­ten Klein­kunst­welt. Al­lein zur Weih­nachts­zeit gibt Raad bis zu 30 Vor­stel­lun­gen.

Sei­nen Dau­er­bren­ner „Aschen­put­tel“liebt Raad auch noch nach mehr als 400 Auf­füh­run­gen. „Al­les wie im rich­ti­gen Le­ben!“fin­det er. „Ich ken­ne die Ei­tel­keit, die Ver­fres­sen­heit und Ei­fer­sucht der Stief­schwes­tern, die Kalt­her­zig­keit der Stief­mut­ter, die Lüs­tern­heit von Aschen­put­tels Va­ter.“Die­ses Jahr bringt Raad „Das Wegg’ta­ler Kripp­le“des schwä­bi­schen Mun­d­art­dich­ters Se­bas­ti­an Blau auf den Schat­ten-Schirm. Die Hei­li­ge Fa­mi­lie muss ih­re Her­ber­ge in Beth­le­hem ver­las­sen und fin­det, hoch ak­tu­ell, Zuflucht im Ba­de­ner Land – oh­ne Asyl-An­trag.

Raad teilt die Lie­be zu den Schat­ten mit pro­mi­nen­ter Ge­sell­schaft. Die Vor­stel­lung, Ver­zau­be­rer zu sein, fas­zi­nier­te im 19. Jahr­hun­dert gan­ze Künst­ler­zir­kel. Zahl­rei­che Dich­ter schrie­ben Stü­cke für das Schat­ten­spiel: Goe­the und Grill­par­zer, Mö­ri­ke und Uh­land, Ar­nim und bei­de Bren­ta­nos. Der Ma­ler Philipp Ot­to Run­ge (1777 bis 1810) nann­te die Sche­re „wei­ter nichts als ei­ne Ver­län­ge­rung“sei­ner Fin­ger. Schon als Kind fer­tig­te der Früh­ro­man­ti­ker gan­ze Se­quen­zen von klei­nen Sche­ren­schnit­ten an: bal­gen­de Kin­der und Tie­re, Som­mer­sze­nen, Blu­men und Blü­ten.

Schat­ten­spiel­vor­stel­lun­gen zo­gen im Ro­ko­ko und Bie­der­mei­er Tau­sen­de in ih­ren Bann. Schat­ten­bil­der zier­ten Lam­pen- und Ofen­schir­me, dien­ten als Stick­vor­la­gen, Ku­chen­pa­pie­re und Ta­pe­ten­bor­dü­ren. Zur Schwär­me­rei für Sa­gen­hel­den und Mär­chen­we­sen ge­sell­te sich schließ­lich auch das Be­dürf­nis, die gro­ße, bun­te Welt des Thea­ters selbst ins Licht zu rü­cken. Ein auf­ge­spann­tes La­ken, hell er­leuch­tet, ein paar ge­schnit­te­ne Fi­gu­ren aus schwar­zem Kar­ton – fer­tig war die Zau­ber­büh­ne der Lai­en­schar. Schat­ten­spiel-Fans zo­gen mit gro­ßen Bett­tü­chern in die Na­tur und spiel­ten im mor­gend­li­chen Son­nen­licht. Ge­spielt wur­de vor Pu­bli­kum, aber auch zur ei­ge­nen Er­bau­ung.

Ein ge­sell­schaft­li­ches Er­eig­nis, von dem die heu­ti­gen Schat­ten­künst­ler nur träu­men kön­nen. Heu­te führt die äl­tes­te Thea­ter­form der Welt nur noch ein Schat­ten­da­sein. Das Licht geht aus, der Schat­ten stirbt, wenn nicht ein Wun­der ge­schieht: We­ni­ger als 50 Poe­ten der Sche­re span­nen in Deutsch­land noch re­gel­mä­ßig ih­re wei­ßen Tü­cher. Licht-Ar­tist Kol­ja Liebs­cher ist un­tröst­lich: „Wir ste­hen auf der schwar­zen Lis­te!“Der ge­bür­ti­ge Thü­rin­ger ar­bei­te­te im frü­he­ren Le­ben als Berg­mann, Trak­tor­fah­rer, Schrei­ner und Haus­meis­ter, zu­letzt als To­ten­grä­ber. Vor 16 Jah­ren leg­te Kol­ja die Schau­fel bei­sei­te und grün­de­te in der Spes­sar­tGe­mein­de Framm­ers­bach sein ei­ge­nes Schat­ten­thea­ter. Er hat es nie be­reut: Ein­mal, sagt er stolz, hat er vor 126 Leu­ten ge­spielt. „Das war mein Welt­re­kord!“

Ein­sam ist es um An­na Fa­bu­li ge­wor­den: Sie ist Ham­burgs der­zeit ein­zi­ge pro­fes­sio­nel­le Sil­hou­et­ten-Spie­le­rin. Schat­ten für Schat­ten kämp­fen ih­re zwei­di­men­sio­na­len Schat­ten­riss-Hel­den aus schwar­zer Pap­pe, far­bi­gem Per­ga­ment und bun­ter Seide um ver­lo­ren ge­gan­ge­nes Ter­rain.

Wie ge­bannt schau­te die Ham­bur­ger Künst­le­rin als Kind auf die ge­schick­ten Hän­de der Mut­ter. Die schmück­te zu Weih­nach­ten ih­re Brie­fe mit ei­ge­nen klei­nen Sche­ren­schnit­ten. Seit der Jahr­tau­send­wen­de schnei­det Fa­bu­li ih­re Wor­te aus Pa­pier und lässt die Bil­der spre­chen. Die Toch­ter ei­nes Or­gel­bau­ers be­reist die gan­ze Welt: Oft ist Fa­bu­li mit ei­nem Bauch­la­den oder ei­nem win­zi­gen Tisch­thea­ter un­ter­wegs. „Durch die­se ver­schie­de­nen For­ma­te kön­nen zwei oder 250 Leu­te vor der Büh­ne Platz neh­men.“

Mehr als 40 Ge­schich­ten hat Fa­bu­li bis­lang in­sze­niert. „Ne­ben klas­si­schen Mär­chen und My­then auch selbst ver­fass­te Wer­ke.“Von Wil­helm Hauffs „Ka­lif Storch“bis hin zum ei­ge­nen Stück „Wurst­ge­bir­ge“. Ih­re Büh­nen­bil­der aus schwar­zem Kar­ton wur­den mit Prei­sen über­häuft. Auf dem größ­ten Fi­gu­ren­Thea­ter-Fes­ti­val der Welt in Bang­kok mit tau­send Künst­lern aus 83 Län­dern wur­de Fa­bu­li mit dem Son­der­preis für die „bes­te gra­fi­sche Il­lus­tra­ti­on“de­ko­riert. „Es war wie ein Traum.“

Mit Work­shops im ge­sam­ten deutsch­spra­chi­gen Raum ver­sucht An­na Fa­bu­li, klei­ne und gro­ße Fans für die ur­al­te Kunst zu ge­win­nen: „Bloß nicht das Licht aus­knip­sen!“Ein Ap­pell, der in Schwä­bisch Gmünd auf viel Ge­gen­lie­be stößt: Auf dem größ­ten Schat­ten­thea­ter­Fes­ti­val der Welt ver­sam­meln sich al­le drei Jah­re nam­haf­te Künst­ler aus ganz Eu­ro­pa, Asi­en und Ame­ri­ka. Die Fach­werk-Stadt an der Jagst be­her­bergt das In­ter­na­tio­na­le Schat­ten­thea­ter-Zen­trum (ISZ). Die welt­weit ein­zi­ge In­sti­tu­ti­on hat es sich zum Ziel ge­setzt, die Kunst des Schat­ten­thea­ters zu er­for­schen, zu för­dern und zu ver­brei­ten. „Wir sind im­mer auf der Su­che nach et­was, das sich vom Ramta­ta des Fern­se­hens un­ter­schei­det“, pos­te­te un­längst ei­ne jun­ge Mut­ter an Schat­ten­thea­ter­Di­rek­tor Fried­rich Raad. Dem ist zum Träu­men gar nicht zu­mu­te: „Kräht doch kein Hahn da­nach, wenn ich mal nicht mehr bin!“Tho­mas Oli­vier

Fotos: Lipp / Raad

NOST­AL­GI­SCHE KUNST: Die Hei­li­ge Fa­mi­lie auf der Flucht ist ei­ne Sze­ne, die das „Thea­ter der Däm­me­rung“auf die Büh­ne bringt. An­na Fa­bu­li, Schat­ten­spie­le­rin aus Ham­burg, hat mehr als 40 Stü­cke im Re­per­toire.

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