Vom Mie­se­pe­ter zum Spiel­ka­me­ra­den

Der Schnee­mann

Pforzheimer Kurier - - WEIHNACHTEN -

Richard II. hat­te ei­nen eis­kal­ten Wunsch. „Oh, wär’ ich ein ge­krön­ter Schnee­mann doch“, seufzt der Herr­scher, „und stün­de vor der Son­ne Bo­ling­bro­kes, um mich in Was­ser­trop­fen weg­zu­schmel­zen“. Ein Dra­ma für Richard in ei­nem Dra­ma von Sha­ke­speare. Der Kö­nig kuscht vor sei­nem Thron­fol­ger Bo­ling­bro­kes, dem spä­te­ren Hen­ry IV, und möch­te zer­flie­ßen. Die Tra­gö­die um den Herr­scher und sei­nen Her­aus­for­de­rer gilt His­to­ri­kern als Be­weis: Schon 1590 muss es Schnee­män­ner ge­ge­ben ha­ben. Ob die da­mals al­ler­dings aus drei wei­ßen Ku­geln be­stan­den, mit schwar­zem Hut und schwar­zen Koh­len vor der Brust, sei eher un­wahr­schein­lich.

Der Schnee­mann galt lan­ge Zeit als grim­mi­ger Ge­sel­le. Dun­kel war es, der Mond schien hel­le und in den mehr oder we­ni­ger war­men Stu­ben starr­ten Va­ter, Mut­ter und Kin­der meist angst­voll in die kal­te Nacht. Der Schnee­mann war da­mals wohl mehr ein Sym­bol für win­ter­li­chen Schre­cken und kein lus­ti­ger Spiel­ka­me­rad.

Fast zwei­hun­dert Jah­re nach Sha­ke­speares Kö­nigs­dra­ma lie­fert der pol­ni­sche Kup­fer­ste­cher Da­ni­el Cho­do­wiecki end­lich das lang er­war­te­te Bild. Vier leicht pum­me­li­ge Ben­gel be­wer­fen ei­nen rie­si­gen Schnee­mann. Der Kerl, an ei­ne Mau­er ge­lehnt, sieht aus wie das wei­ße Eben­bild ei­nes ar­ro­gan­ten Men­schen: mit ver­schränk­ten Ar­men, lan­ger Na­se und breit­krem­pi­gem Hut, al­les aus Schnee. Ein Stock steckt in sei­ner Hüf­te und dien­te wohl da­zu, das ver­gäng­li­che Kunst­werk zu sta­bi­li­sie­ren, ver­mu­tet Schnee­mann­for­scher Cor­ne­li­us Grätz. Im­mer noch ist der wei­ße Mann das be­droh­li­che eis­kal­te Biest. Als die Ro­man­tik die Epo­che des Ro­ko­ko ab­lös­te, wur­de der win­ter­kal­te Wicht lang­sam zum Lieb­ling der Kin­der. Auf Bü­cher­sei­ten po­sier­ten Mäd­chen und Jun­gen im­mer öf­ter in pos­sier­li­cher Gar­de­ro­be, ger­ne auch mal mit Ma­tro­sen­kra­gen ne­ben dem nun knud­de­li­gen Win­ter­we­sen. Nur sel­ten taucht der Bur­sche mit dem di­cken Wanst jetzt als Angst ein­flö­ßen­de Gestalt auf. „Seht, da steht er, un­ser Schnee­mann“, dich­te­te 1843 Au­gust Hein­rich von Fal­lers­le­ben, „Schaut ihm in die schwar­zen Au­gen! Wird euch da nicht ban­ge?“

Die schwar­zen Au­gen aus Koh­le­stück­chen sind bis heu­te ein Rät­sel für die For­scher. War­um ge­ra­de Bri­kett­res­te im Ge­sicht und ei­ne Möh­re als Na­se? Of­fen­bar hat­ten selbst die Ärms­ten der Ar­men im Win­ter ein paar Koh­len­bro­cken und ei­ne Mohr­rü­be üb­rig, um dem fros­ti­gen Fa­mi­li­en­mit­glied drau­ßen vor der Tür ein freund­li­ches Ant­litz zu ge­ben.

Jetzt ler­nen so­gar die Kleins­ten in der Schu­le, dass der einst­mals bö­se Bu­be ein Freund zum Spie­len ist. „Hat die war­me Mit­tags­son­ne den Schnee et­was weich und feucht ge­macht“, so die päd­ago­gi­sche Vor­ga­be, „wird ein Schnee­mann ge­baut, mit un­för­mig di­cken Bei­nen und Ar­men, mit kur­zem Hal­se und run­dem Kopf“. Ei­ne Schul­ta­fel um 1900 zeigt ei­ne Sze­ne aus dem win­ter­li­chen Dorf­le­ben. Wäh­rend der Bau­er mit sei­nem Ge­hil­fen den Pfer­den die Hu­fe be­schlägt, sei­ne Frau und die Toch­ter Vö­gel füt­tern bau­en die Jungs ei­nen gi­gan­ti­schen Schnee­mann, der sich auf ei­nen ent­na­del­ten Tan­nen­stock stützt. In den nächs­ten Jahr­zehn­ten er­schien der Win­ter für vie­le nicht mehr nur er­bar­mungs­los und ent­beh­rungs­reich. Vor al­lem die Klei­nen ent­deck­ten Spiel und Spaß beim Schlitt­schuh­lau­fen, Schlit­ten­fah­ren und bei der Schnee­ball­schlacht. Fast wie selbst­ver­ständ­lich ge­hört nun der Schnee­mann zum win­ter­li­chen Tru­bel da­zu.

En­de des 19. Jahr­hun­derts ent­wi­ckel­te sich der eins­ti­ge Mie­se­pe­ter „rasch zum Kin­der­freund und sym­pa­thi­schen Win­ter­sym­bol“, sagt Cor­ne­li­us Grätz. Und bleibt doch ein Manns­bild. Lo­gisch, fin­det Grätz. Die Ge­sell­schaft war „zu prü­de, um weib­li­che Run­dun­gen zu zei­gen“.

Cor­ne­li­us Grätz ist so et­was wie der Ober­schnee­mann­be­auf­trag­te. Zu Hau­se in Reut­lin­gen la­gern in Kis­ten, Käs­ten und Kar­tons über 3000 ver­schie­de­ne Schnee­män­ner, die welt­weit größ­te Samm­lung des wei­ßen Man­nes. Als Te­enager be­kam der Ba­den-Würt­tem­beit­bei­nig, ber­ger 1986 ei­nen Mar­zi­pan-Schnee­mann ge­schenkt, den „ich par­tout nicht es­sen woll­te.“Es war der Be­ginn sei­ner au­ßer­ge­wöhn­li­chen Ga­le­rie. Es gibt sie we­ni­ge Mil­li­me­ter klein und über drei Me­ter groß. Aus Holz, Gum­mi oder Plüsch. Auf Kra­wat­ten­klam­mern, Un­ter­wä­sche oder Kon­do­men. Ein rus­si­scher aus Holz lässt sich, ähn­lich wie ei­ne Ma­trosch­ka in Kopf und Un­ter­leib tei­len, und wird so zum Ver­steck für ei­ne Wod­ka­fla­sche. Ein Ge­sel­le von den Cay­man In­seln be­steht aus Se­ei­geln. Und im „snow­man-con­struc­tion-kit“– so et­was wie ein Schnee­mann­bau­kas­ten – lie­gen Plas­tik-Koh­len und Plas­tik-Mohr­rü­be be­reit.

Der Schnee­mann ist längst ein welt­weit be­kann­tes Top-Mo­del. Ganz oh­ne Zi­cke­rei­en und Diät­wahn­sinn. „Sei­ne run­den For­men“, ist sich Cor­ne­li­us Grätz si­cher, „ma­chen ihn sym­pa­thisch“. Im Ver­gleich zu an­de­ren Win­ter­fi­gu­ren ha­be er au­ßer­dem „kei­nen re­li­giö­sen Hin­ter­grund“. Des­halb macht sich der Drei-Ku­gel-Typ so­gar auf Kon­do­men breit. Wer­be­agen­tu­ren ha­ben ih­ren Spaß an ihm. So lacht der freund­li­che Frost­ling von Ba­de­män­teln, Bier­de­ckeln oder Bett­wä­sche, auf Topf­lap­pen, Toi­let­ten­pa­pier oder Ta­schen­tü­chern. Ist Ker­zen­hal­ter und selbst Ker­ze. Und ei­ne Tuch­fa­brik bie­tet den Win­ter­hel­den als put­zi­ges Gr­in­se­männ­chen auf ei­nem Strand­la­ken an. Oli­ver Zelt

Foto: Smi­leus / Fotolia.com

WINTERFREUDEN: Lan­ge Zeit galt der Schnee­mann als grim­mi­ger Ge­sel­le in der kal­ten Jah­res­zeit. Doch En­de de 19. Jahr­hun­derts ent­wi­ckel­te sich der eins­ti­ge Mie­se­pe­ter rasch zum Kin­der­freund. Al­ler­dings fehlt ge­le­gent­lich die wei­ße Pracht, um ihn zu bau­en.

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