Das Sex-Di­lem­ma der US-Te­enager

Zwi­schen Keusch­heit und Girl­power

Pforzheimer Kurier - - LÄNDER UND LEUTE - IST DAS SCHON SEX? Foto: dpa

Sex bei Te­enagern ist in den USA ei­ne kon­tro­ver­se An­ge­le­gen­heit: Im „Land of the Free“ver­spre­chen auf Pu­ri­ty Balls (Rein­heits­bäl­len) Zehn­tau­sen­de weiß ge­klei­de­te Mäd­chen ih­ren Vä­tern fei­er­lich, bis zur Hoch­zeit kei­nen Sex zu ha­ben. Zu­gleich ist an vie­len High Schools „Hook­up“an­ge­sagt. Hook­up steht für „Rum­ma­chen“und kann vom Kuss bis zum Ge­schlechts­ver­kehr al­les um­fas­sen. Haupt­sa­che da­bei: kei­ne ro­man­ti­schen Ge­füh­le ent­wi­ckeln. Da­zu trin­ken die Te­ens sich meist vor­her – und in den USA un­ter 21 Jah­ren un­er­laub­ter­wei­se – Mut an.

Doch trotz Keusch­heits-Ver­spre­chen ei­ner­seits und Girl­power an­de­rer­seits ist die lang­sam sin­ken­de Quo­te der Te­enager-Schwan­ger­schaf­ten in den USA im­mer noch deut­lich hö­her als in den meis­ten ent­wi­ckel­ten Län­dern: 2014 brach­ten in den USA 24 von 1 000 Mäd­chen zwi­schen 15 und 19 Jah­ren ein Ba­by zur Welt.

In Deutsch­land wa­ren es 2013 knapp 8 von 1 000. Auf­klä­rung ist an USSchu­len vie­ler­orts ein heik­les, von Kon­ser­va­ti­ven im­mer wie­der be­kämpf­tes The­ma. Doch ge­ra­de im Re­pu­bli­ka­ner-do­mi­nier­ten Sü­den, wo Slo­gans wie „True lo­ve can wait“be­son­ders ver­brei­tet sind, gibt es vie­le Te­e­nie-Müt­ter.

Jour­na­lis­tin Peg­gy Oren­stein hat es in die­ser viel­schich­ti­gen Ge­men­ge­la­ge mit ih­rem ak­tu­el­len Buch hoch in die „New York Ti­mes“-Sach­buch­charts ge­schafft: „Girls & Sex“, fu­ßend auf Dut­zen­den In­ter­views mit weib­li­chen Te­enagern di­ver­ser Haut­far­ben und Schich­ten, ist als Weg­wei­ser durch die ak­tu­el­le Land­schaft se­xu­el­ler Ers­ter­kun­dun­gen ge­dacht und sorgt für Dis­kus­si­ons­stoff. Denn es zeigt sich: So selbst­be­wusst wie jun­ge Ame­ri­ka­ne­rin­nen er­zo­gen wer­den und auf­tre­ten, sind sie in se­xu­el­len Din­gen of­fen­bar nicht. „Sie nut­zen ih­re Se­xua­li­tät vor al­lem da­zu, an­de­ren zu ge­fal­len“, sagt Oren­stein.

Die Ge­sprä­che brach­ten ans Licht, dass die jun­gen Mäd­chen in der Re­gel sehr we­nig über ih­ren ei­ge­nen Kör­per und ih­re Be­dürf­nis­se wis­sen. Vie­le hat­ten selbst noch nie­mals Spaß am Sex, be­frie­dig­ten aber re­gel­mä­ßig Wün­sche ih­rer jun­gen Hook­up-Part­ner, de­ren „Kennt­nis­se“wie­der­um oft aus Por­nos stam­men. Be­son­ders ver­brei­tet ist dem­nach Oral-Sex – je­doch nur als Ein­bahn­stra­ße Girl to Boy. Die meis­ten der in­ter­view­ten Mäd­chen be­trach­ten dies als un­ver­meid­li­chen Teil des nor­ma­len Da­tings. Vie­le tun es, weil sie nicht als prü­de da­ste­hen wol­len. „Ich ha­be die Mäd­chen ge­fragt: Wenn je­mand im­mer wie­der will, dass Du ihm ein Glas WasDie ser aus der Kü­che holst, fin­dest Du es dann nicht ko­misch, dass er dir nie ein Glas Was­ser holt?“, sagt Oren­stein. Man­chen sei das Miss­ver­hält­nis da erst­mals be­wusst ge­wor­den.

Wie weit­rei­chen­de Fol­gen das Feh­len von Ein­ver­neh­men und Em­pa­thie je­doch ha­ben kann, zei­gen seit Jah­ren die Eklats und Pro­zes­se um se­xu­el­le – und meist Al­ko­hol-ver­ne­bel­te – Ge­walt an US-Hoch­schu­len.

Über all dem wölbt sich ein me­dia­ler Him­mel mit kör­per­be­ton­ten Stars wie Beyon­cé, Ri­han­na oder Kim Kar­da­shi­an. De­ren Sel­fies sind für vie­le jun­ge Mäd­chen so et­was wie Blau­pau­sen zum „Sich-se­xyFüh­len“ge­wor­den. Was Oren­stein fest­stell­te: Vie­le ih­rer In­ter­view­part­ne­rin­nen spiel­ten die­se Rol­len und Po­sen prak­tisch nach. Sie fühl­ten sich dann „hot“, wenn ih­nen ihr ei­ge­nes Bild von sich ge­fiel. „Ech­ten Spaß an der In­ti­mi­tät hat­ten hin­ge­gen we­ni­ge“, sagt die Jour­na­lis­tin.

Selbst li­be­ra­le ame­ri­ka­ni­sche El­tern füh­ren mit ih­ren her­an­wach­sen­den Spröss­lin­gen ver­gleichs­wei­se sel­ten of­fe­ne Ge­sprä­che über Sex. Wenn doch, wer­de vor al­lem mit Mäd­chen fast nur über das Ri­si­ko ge­re­det, über Ver­hü­tung und Schutz vor Krank­hei­ten, be­klagt Oren­stein. „Es geht kaum um die schö­nen Sei­ten der Se­xua­li­tät.“

Hier könn­ten Ame­ri­ka­ner auch nach An­sicht der So­zio­lo­gin Amy Scha­let (Uni­ver­si­ty of Mas­sa­chu­setts, Am­herst) von Eu­ro­pä­ern ler­nen. Sie ver­glich US-Auf­klä­rung mit der in Hol­land. Dort zeig­ten Un­ter­su­chun­gen, dass Te­enager spä­ter ers­ten und öf­ter ein­ver­nehm­li­chen Sex ha­ben als in den USA. Es gibt deut­lich we­ni­ger Te­enager-Schwan­ger­schaf­ten, aber mehr Wis­sen, das auch durch Ge­sprä­che mit den El­tern er­wor­ben wur­de. „Wir müs­sen ein­fach tief Luft ho­len und re­den, auch wenn es uns furcht­bar pein­lich ist“, sagt Oren­stein. Rat­lo­sen El­tern schlägt sie vor, in die­sen Ge­sprä­chen zu neu­en Bil­dern zu grei­fen. In den USA sind beim Sex bis­her Ver­glei­che mit Base­ball üb­lich. „Das klingt nach Wett­be­werb, nach Ge­win­ner und Ver­lie­rer. Wir soll­ten Sex lie­ber als ge­mein­sa­mes Piz­za­es­sen be­schrei­ben“, sagt Oren­stein. „Man wählt den Lieb­lings­be­lag und dann wird mit Ge­nuss ge­ges­sen.“Andrea Bar­t­hé­lé­my

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