Letz­te Ret­tung für den Zahn

Wur­zel­be­hand­lung

Pforzheimer Kurier - - MENSCH UND MEDIZIN -

Wenn Ka­ries den Zahn an­greift, lässt sich das ei­gent­lich kaum igno­rie­ren, trotz­dem zö­gern man­che Men­schen den Gang zum Zahn­arzt zu lan­ge hin­aus. „Be­merk­bar macht sich das durch aku­te und meist ste­chen­de Schmer­zen“, sagt Diet­mar Oes­ter­reich, Vi­ze­prä­si­dent der Bun­des­zahn­ärz­te­kam­mer. Der be­trof­fe­ne Zahn re­agiert zu­dem über­aus emp­find­lich auf Käl­te, spä­ter auch auf Wär­me. Beim Fort­schrei­ten der Ent­zün­dung kann die Wan­ge an­schwel­len, weil Bak­te­ri­en bis tief in die Kie­fer­kno­chen ein­drin­gen. Über den Blut­kreis­lauf kann es so zu ei­ner manch­mal le­bens­be­droh­li­chen Ent­zün­dung im Kör­per kom­men.

Das kann mit ei­ner Wur­zel­be­hand­lung ver­hin­dert wer­den. Zu­nächst wird be­täubt. „Dann bohrt der Zahn­arzt ein Loch in den Zahn und or­tet die Haupt­ka­nä­le der ein­zel­nen Wur­zel“, er­läu­tert der Zahn­arzt Joa­chim Hoff­mann. Er ist Vor­stands­vor­sit­zen­der der Bran­chen-Initia­ti­ve pro­Den­te. Dann wird mit win­zi­gen In­stru­men­ten ein Groß­teil der ent­zün­de­ten Pul­pa aus dem In­ne­ren der Wur­zel ent­fernt. „Das ist mit­un­ter kom­pli­ziert, da die Wur­zel­ka­nä­le stark ge­bo­gen sein kön­nen“, be­tont Hoff­mann. So­bald al­les Ent­zünd­li­che aus dem Wur­zel­ka­nal ent­fernt ist, wer­den die Hohl­räu­me des­in­fi­ziert. Das ist wich­tig, da­mit kei­ne Bak­te­ri­en in den Kie­fer­kno­chen vor­drin­gen.

Da­bei kann es not­wen­dig sein, ei­ne me­di­ka­men­tö­se Ein­la­ge in den Wur­zel­ka­nal ein­zu­brin­gen, um ei­ne Des­in­fek­ti­on des Wur­zel­ka­nals vor­zu­neh­men. Ist der Zahn schmerz­frei und das Rönt­gen­bild in Ord­nung, kann der Wur­zel­ka­nal spä­ter mit ei­nem bio­kom­pa­ti­blen Ma­te­ri­al end­gül­tig ge­füllt wer­den. Mög­lichst zeit­nah soll­te der Zahn – ab­hän­gig von der Grö­ße des De­fekts – mit ei­ner Kro­ne oder Teil­kro­ne ver­sorgt wer­den. Dies sta­bi­li­siert und stellt auch die Äs­t­he­tik wie­der her.

Der Arzt muss den wur­zel­be­han­del­te Zahn an­schlie­ßend re­gel­mä­ßig kon­trol­lie­ren. Das ge­schieht in grö­ße­ren zeit­li­chen Ab­stän­den über Rönt­gen­auf­nah­men. So soll aus­ge­schlos­sen wer­den, dass nicht un­be­merkt ent­zünd­li­che Ve­rän­de­run­gen im Kno­chen ent­ste­hen. „Grund­sätz­lich gibt es kei­ne Er­folgs­ga­ran­tie bei ei­ner Wur­zel­be­hand­lung“, be­tont Hoff­mann. Der Er­folg hängt von Fak­to­ren ab, auf die ein Zahn­arzt nicht im­mer Ein­fluss hat. Ei­ne Rol­le spielt et­wa, wie stark der Zahn be­reits im Vor­feld ge­schä­digt war. Über mög­li­che Kom­pli­ka­tio­nen soll­te der Pa­ti­ent vor­ab auf­ge­klärt wer­den. Ei­ne Al­ter­na­ti­ve zur Wur­zel­be­hand­lung wä­re, den Zahn zu zie­hen. Dann wird ge­ge­be­nen­falls kost­spie­li­ger Zahn­er­satz fäl­lig.

„Nach ei­ner Wur­zel­be­hand­lung kön­nen im Schnitt mehr als 90 Pro­zent der be­han­del­ten Zäh­ne auch nach zehn Jah­ren noch funk­ti­ons­fä­hig in der Mund­höh­le er­hal­ten wer­den“, sagt Chris­ti­an Gern­hardt, Prä­si­dent der Ge­sell­schaft für En­dodon­to­lo­gie und zahn­ärzt­li­che Trau­ma­to­lo­gie.

Nicht al­le Wur­zel­be­hand­lun­gen wer­den von der ge­setz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung be­zahlt. In sol­chen Fäl­len soll­ten Pa­ti­en­ten vor Be­ginn der Be­hand­lung schrift­lich von ih­rem Zahn­arzt über die Kos­ten auf­ge­klärt wer­den. Die Ent­schei­dung, ob ei­ne Wur­zel­be­hand­lung von der Kas­se über­nom­men wird, er­folgt auf Ba­sis von fes­ten Kri­te­ri­en. Für die Be­hand­lung der Front­zäh­ne so­wie von klei­nen Ba­cken­zäh­nen kom­men die Kas­sen in der Re­gel auf. Bei gro­ßen Ba­cken­zäh­nen gibt es in­des Ein­schrän­kun­gen.

„Die ge­setz­li­chen Kran­ken­kas­sen zah­len ei­ne Wur­zel­be­hand­lung in der Re­gel dann, wenn ab­zu­se­hen ist, dass der Zahn auch tat­säch­lich er­hal­ten wer­den kann“,

Kran­ken­kas­se zahlt nicht im­mer

er­klärt Oes­ter­reich. Die Kos­ten las­sen sich im Vor­feld nicht im­mer genau kal­ku­lie­ren. So kann sich et­wa im Zu­ge ei­ner Be­hand­lung ein Wur­zel­ka­nal weit­ver­zweig­ter sein, als ur­sprüng­lich im Rönt­gen­bild zu se­hen war. Pa­ti­en­ten müs­sen laut Oes­ter­reich in sol­chen Fäl­len pro Zahn un­ter Um­stän­den mit meh­re­ren hun­dert Eu­ro rech­nen. Mit ei­ner Zahn­zu­satz­ver­si­che­rung, die auch für Wur­zel­be­hand­lun­gen auf­kommt, kön­nen sich Pa­ti­en­ten ge­gen sol­che Kos­ten wapp­nen.

Auch Ver­let­zun­gen beim Sport kön­nen ei­ne Wur­zel­ka­nal­be­hand­lung nö­tig ma­chen. Wer ei­ne Wur­zel­be­hand­lung ver­mei­den will, soll­te zum Schutz sei­ner Zäh­ne bei Ri­si­ko­sport­ar­ten wie et­wa Bo­xen oder Eishockey da­her im­mer ei­nen Mund­schutz tra­gen. An­sons­ten gilt: die täg­li­che Mund­hy­gie­ne ernst­neh­men und re­gel­mä­ßig sei­ne Zäh­ne auf Ka­ries un­ter­su­chen las­sen. „Je frü­her Ka­ries er­kannt und be­han­delt wird, des­to bes­ser“, so Gern­hardt. Sabine Meu­ter

Foto: Scholz

LANGWIERIG: Ei­ne Wur­zel­be­hand­lung dau­ert in der Re­gel über zwei Sit­zun­gen, an­schlie­ßend ist oft noch ei­ne Kro­ne nö­tig.

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