Im ei­ge­nen Au­to zur Fahr­schu­le

Hil­fe beim Wie­der­ein­stieg

Pforzheimer Kurier - - MOTOR UND VERKEHR -

Füh­rer­schein mit 20, dann die frü­he Hei­rat mit Fa­mi­li­en­grün­dung und hin­ter dem Steu­er des Fa­mi­li­en­au­tos saß stets der Ehe­mann. „Das ist frü­her der Klas­si­ker ge­we­sen“, sagt Ger­hard von Bres­sens­dorf von der Bun­des­ver­ei­ni­gung der Fahr­leh­rer­ver­bän­de (BVF). „Wol­len oder müs­sen Frau­en dann wie­der selbst Au­to­fah­ren, fan­gen sie oft­mals fast bei null an“, sagt der Fahr­leh­rer, „vie­le sind nie rich­tig ge­fah­ren, die ha­ben es be­son­ders schwer“. Wer vor der Pau­se schon ei­ni­ge Jah­re im Stra­ßen­ver­kehr un­ter­wegs war, der kom­me deut­lich schnel­ler wie­der rein. „Da ist es wie beim Fahr­rad­fah­ren: das ver­lernt man nie“, sagt von Bres­sens­dorf.

Auf die leich­te Schul­ter neh­men soll­ten Wie­der­ein­stei­ger die Rück­kehr aber nie. „Ei­ne gu­te Selbst­ein­schät­zung ist eben­so wich­tig wie ein Blick von au­ßen“, sagt Sven Ra­de­ma­cher vom Ver­kehrs­si­cher­heits­rat. Er rät da­her, das Fahr­ver­mö­gen von ei­ner an­de­ren Per­son be­ur­tei­len zu las­sen. „Auf kei­nen Fall soll­te man al­lein und un­vor­be­rei­tet im öf­fent­li­chen Stra­ßen­ver­kehr üben.“

„Wer fünf Jah­re lang nicht am Steu­er saß, hat vor al­lem die Übung ver­lo­ren. Wer noch län­ger nicht Au­to ge­fah­ren ist, hat oft auch viel Re­spekt da­vor, sich über­haupt wie­der ans Steu­er zu set­zen“, sagt auch Con­stan­tin Hack vom Au­to Club Eu­ro­pa. Ent­spre­chend kön­ne es schon aus­rei­chen, zu­nächst ei­nen Ver­kehrs­übungs­platz auf­zu­su­chen um sich über Trai­nings­run­den in ei­nem ge­schütz­ten Rah­men wie­der ans Fah­ren zu ge­wöh­nen. Hier be­gin­nen die Prei­se bei cir­ca zehn Eu­ro pro St­un­de. Der ADAC zum Bei­spiel un­ter­hält bun­des­weit 21 öf­fent­li­che Ver­kehrs­übungs­plät­ze, auf de­nen je­der ab­seits des Stra­ßen­ver­kehrs All­tags­si­tua­tio­nen trai­nie­ren kann. Da­ne­ben gibt es über 50 Fahr­si­cher­heits­zen­tren, die ver­schie­de­ne Auf­bau­kur­se an­bie­ten, in de­nen Au­to­fah­rer ler­nen, auch in schwie­ri­gen Si­tua­tio­nen rich­tig zu re­agie­ren.

Ei­ne Al­ter­na­ti­ve ist die pro­fes­sio­nel­le Be­glei­tung durch die Fahr­schu­le. Je nach Um­fang und Dau­er müss­ten Wie­der­ein­stei­ger mit Kos­ten zwi­schen 250 und 1000 Eu­ro rech­nen, sagt von Bres­sens­dorf: „Al­le Fahr­schu­len bie­ten auch Nach­schu­lungs­kur­se an.“Er rät Wie­der­ein­stei­gern als ers­ten Schritt, sich in ei­ner Fahr­schu­le des Ver­trau­ens be­ra­ten zu las­sen. „Wer sich im Al­ter wie­der hin­ters Steu­er setzt, ist oft auch ängst­lich. Da­her ist es wich­tig, auf den Fahr­leh­rer und sei­ne Fä­hig­kei­ten zu ver­trau­en.“

Ein stan­dar­di­sier­tes Nach­schu­lungs­pro­gramm ge­be es nicht, da­zu sei­en die An­for­de­run­gen zu in­di­vi­du­ell. Der Fahr­leh­rer über­prüft den prak­ti­schen und theo­re­ti­schen Wis­sens­stand und gibt dann ei­ne Emp­feh­lung für den Um­fang der Nach­schu­lung. „Ob ein Wie­der­ein­stei­ger am nor­ma­len Theo­rie­un­ter­richt in der Fahr­schu­le teil­neh­men soll, muss im Ein­zel­fall ent­schie­den wer­den“, so von Bres­sens­dorf. Ab­ge­se­hen da­von, dass dies in­halt­lich oft nicht pas­se, sei der Grup­pen­un­ter­richt vie­len Wie­der­ein­stei­gern un­an­ge­neh­men, sie emp­fin­den den Be­such fes­ter Theo­rie­stun­den eher als be­las­tend. „Bei vie­len Wie­der­ein­stei­gern sind die Grund­kennt­nis­se ja noch vor­han­den, es geht al­so dar­um, ganz ge­zielt nach­zu­schu­len“, so die Er­fah­rung des Fahr­leh­rers.

Fahr­stun­den wer­den dann in der Re­gel auch nicht nur mit dem Fahr­schul­au­to durch­ge­führt. „Der Fahr­schul­wa­gen wird meist nur für die ers­ten St­un­den ge­nutzt, an­schlie­ßend wird auf den Pri­vat­wa­gen des Wie­der­ein­stei­gers um­ge­stie­gen, denn mit dem ist der- oder die­je­ni­ge dann ja auch un­ter­wegs“, er­klärt von Bres­sens­dorf. Es ge­he dar­um, ganz ge­zielt den Um­gang mit dem ei­ge­nen Au­to zu üben. Wie­der­ein­stei­ger sei­en bei­spiels­wei­se oft mit den Fah­re­ras­sis­tenz­sys­te­men nicht ver­traut, weil es die frü­her schlicht nicht gab.

Schwie­rig­kei­ten ha­ben äl­te­re Wie­der­ein­stei­ger nach Er­fah­rung des BVF sonst vor al­lem mit kom­ple­xe­ren Kreu­zungs­ver­keh­ren und dem Mit­schwim­men im Ver­kehr. „Die Ge­schwin­dig­keit an­de­rer Ver­kehrs­teil­neh­mer rich­tig ein­zu­schät­zen, fällt vie­len schwer“, sagt von Bres­sens­dorf. Dies re­sul­tie­re dann oft in ei­ner zu de­fen­si­ven Fahr­wei­se und Angst vor dem Ein­fä­deln auf Au­to­bah­nen oder im Kreis­ver­kehr.

Wie wich­tig ei­ne gründ­li­che Auf­fri­schung ist, zeigt auch ein Blick auf die Un­fall­zah­len. Denn wenn äl­te­re Au­to­fah­rer an ei­nem Crash be­tei­ligt sind, sind sie über­durch­schnitt­lich oft auch schuld da­ran. „In der Al­ters­grup­pe ab 75 wer­den drei Vier­tel der Un­fäl­le von den äl­te­ren Men­schen ver­ur­sacht, ein hö­he­rer An­teil als in der Hoch­ri­si­ko­grup­pe der jun­gen Au­to­fah­rer bis 25 Jah­re“, sagt Ra­de­ma­cher. Je nach all­ge­mei­nem Ge­sund­heits­zu­stand kön­ne es zu­dem sinn­voll sein, sich vor ei­nem Wie­der­ein­stieg ein­mal gründ­lich durch­che­cken zu las­sen. „Man soll­te die An­for­de­run­gen im Au­to nicht un­ter­schät­zen, das reicht vom Re­ak­ti­ons­ver­mö­gen bis hin zu ei­ner ge­wis­sen Be­weg­lich­keit hin­term Steu­er“, so Ra­de­ma­cher. cll

Foto: Scholz

AUFFRISCHUNGSKURS: Fahr­leh­rer Hol­ger Breu mit ei­ner 80 Jah­re al­ten Kun­din. Äl­te­re Frau­en ste­hen oft vor dem Pro­blem, dass sie über Jahr­zehn­te kei­ner­lei Fahr­pra­xis er­wer­ben konn­ten.

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