Eng­lish­man in New York

Stings Über­ra­schungs­al­bum: „57th & 9th“

Pforzheimer Kurier - - MUSIK-SZENE - Interview: Stef­fen Rüth

Drau­ßen däm­mert es schon, als wir Sting im Ber­li­ner „So­ho Hou­se“tref­fen. Aber mü­de? Nicht Sting, der frü­he­re Po­li­ce-Sän­ger mit den vie­len Welt­hits („Ro­xan­ne“, „Mes­sa­ge In A Bott­le“, „Eng­lish­man In New York“). Zur Be­grü­ßung springt er fast aus dem Ses­sel, ein fes­ter Hän­de­druck, dann geht es los. Sting, der ge­ra­de 65 Jah­re alt ge­wor­den ist und mit „57th & 9th“nach Ewig­kei­ten mal wie­der ein Al­bum mit me­lo­di­schen Rock-Pop-Songs ver­öf­fent­licht, trägt ei­ne schwar­ze Stoff­ho­se und ein wei­ßes kör­per­be­ton­tes T-Shirt. Ver­dammt durch­trai­niert sieht er aus.

Wie viel Spaß macht es, Sting zu sein?

Sting: Oh, es ist fan­tas­tisch. Es ist wirk­lich das Bes­te, das ich mir vor­stel­len kann. Ich bin un­end­lich dank­bar.

Sind Sie heu­te in Ber­lin spa­zie­ren ge­gan­gen?

Sting: Da­für fehl­te lei­der die Zeit. Mei­ne Pau­se war ge­ra­de lang ge­nug, um ei­ne Tas­se Kaf­fee zu trin­ken. Der ein­zi­ge Spa­zier­gang heu­te war der im Flug­ha­fen von London He­a­throw. Wer schon ein­mal dort war, der weiß, dass die Ent­fer­nun­gen wirk­lich be­trächt­lich sind.

Sie lie­ben Spa­zier­gän­ge?

Sting: Ja, das stimmt auch. Wenn ich ei­nen Tag nicht or­dent­lich aus­ge­schrit­ten bin, dann fehlt mir et­was. Ich lau­fe über­all gern, aber New York, die Stadt, in der ich über­wie­gend le­be, ist be­son­ders fuß­gän­ger­freund­lich. In New York ge­he ich so gut wie über­all hin zu Fuß, zum Bü­ro, zum Stu­dio, zum Kino, zum Thea­ter. Ich woh­ne di­rekt ne­ben der Oper, und der Cen­tral Park ist ge­gen­über.

Blei­ben Sie, wie ein gu­ter Bri­te, bei Rot ste­hen an der Kreu­zung „57th & 9th“, die ih­rem neu­en Al­bum den Ti­tel ge­ge­ben hat? Oder lau­fen Sie, wie die New Yor­ker, so­fort los, so­bald kein Au­to kommt?

Sting: Nein, nein, da pas­se ich schön auf und war­te bei Rot. Die 57th Street ist kei­ne Ein­bahn­stra­ße, und ich möch­te un­gern um­ge­mäht wer­den (lacht). Das wä­re wirk­lich ein zu ba­na­les En­de. Ich will noch ein biss­chen le­ben.

„57th & 9th“ist ein sehr jung und en­er­gie­ge­la­den klin­gen­des Al­bum.

Sting: Oh, vie­len Dank. Mein gro­ßes Ziel mit die­ser Plat­te war es, die Leu­te zu über­ra­schen. Die meis­ten hät­ten ja ver­mu­tet, ich wür­de schon wie­der ir­gend­ein eso­te­ri­sches, kom­pli­zier­tes Al­bum ma­chen, aber ich mag es, das Un­er­war­te­te zu tun. Und mir scheint, als wä­ren vie­le Men­schen ganz froh, dass ich sie in die­ser Form ver­blüfft ha­be.

Wie ist das Al­bum denn ent­stan­den? Sting: Ich wuss­te, ich will ei­ne Plat­te ma­chen, für die ich nicht ewig brau­che. Die schnell geht, kom­pakt ist. Ich rief al­so mei­ne Mu­si­ker zu­sam­men, Do­mi­nic Mil­ler, mei­nen Gi­tar­ris­ten und Vin­nie Co­lai­u­ta, mei­nen Schlag­zeu­ger. Ich sag­te nur „Kommt, wir ge­hen ins Stu­dio und ha­ben Spaß.“So leg­ten wir los, und am En­de hat­ten wir zehn sehr un­ter­schied­li­che Stü­cke bei­sam­men, aus de­nen ich dann klei­ne Kurz­ge­schich­ten bas­tel­te. Die The­men sind sehr viel­fäl­tig, aber die Ener­gie der Plat­te ist sehr durch­gän­gig New York, sie ist sehr di­rekt. Des­halb auch der Al­bum­ti­tel.

„Pe­trol He­ad“ist ein echt feu­ri­ger und ganz schön ver­sau­ter Song. Was hat ih­re Fan­ta­sie an­ge­regt?

Sting: Ich ver­set­ze mich in dem Stück in ei­nen Lkw-Fah­rer. Das bin nicht ich, des­sen se­xu­el­le Vor­stel­lungs­kraft dort Ka­prio­len schlägt. Das ist ein­fach ein lus­ti­ger Song.

Sie sin­gen da­von, im Au­to flach­ge­legt zu wer­den.

Sting: Nun, auch das ha­be ich am ei­ge­nen Lei­be er­lebt. Ist aber schon ein paar Jähr­chen her (lacht).

Hät­ten Sie das Al­bum auch wo­an­ders auf­neh­men kön­nen?

Sting: Na­tür­lich hät­te ich das. Nur hät­te es dann ei­nen an­de­ren Ge­schmack, ei­ne an­de­re Far­be.

Sie sind seit vier­zig Jah­ren ein Teil des Rock’n’Roll-Zir­kus. Wird man da nicht be­kloppt als in­tel­li­gen­ter Mensch?

Sting: Ich ha­be mich im­mer da­von fern­ge­hal­ten, die Kli­schees aus­zu­le­ben. Ich bin kein Rock-’n’-Roll-Star. Ich ha­be mei­nen ei­ge­nen Weg ge­fun­den in die­ser Welt. Und ja, es gibt An­läs­se, da kann man auch mal den Rock­star raus­ho­len und ei­ne teu­re Fla­sche Wein be­stel­len, aber ich ha­be mich von den Kli­schees nie be­herr­schen las­sen.

Wie ha­ben Sie das ge­schafft? Sie sind ei­ner der be­kann­tes­ten Mu­si­ker der Welt.

Sting: Ach ja, wenn Sie das sa­gen. Ich fin­de das ganz lus­tig, ei­ne Be­rühmt­heit zu sein. Bloß: Ich neh­me das nicht ernst. Ich ha­be kei­nen Bo­dy­guard, ich ha­be kei­ne En­tou­ra­ge. Ich lat­sche nicht in ei­ner Trau­be von Wich­tig­tu­ern in Clubs. Ich füh­re ein Le­ben wie ein ganz ge­wöhn­li­cher Bür­ger, ich lau­fe über­all hin, und die Men­schen sa­gen manch­mal „Hi, Sting“zu mir. Ich wür­de es has­sen, in ei­ner Bla­se zu le­ben. Ich will sein wie je­der an­de­re.

Sa­gen die Leu­te au­ßer „Hi“noch was? Stim­men Sie zum Bei­spiel „Ro­xan­ne“an, wenn Sie ih­nen ent­ge­gen­kom­men?

Sting: Ich be­kom­me in der Tat mehr Kom­pli­men­te als Be­schimp­fun­gen. Ich glau­be, die meis­ten freu­en sich, wenn sie mich se­hen. Und ge­ra­de in New York sind sie Pro­mi­nen­te auf der Stra­ße ge­wohnt. Die se­hen mich, den­ken „Sting schon wie­der“und ge­hen wei­ter.

Stel­len Sie sich manch­mal vor, Sie wä­ren so be­rühmt wie La­dy Ga­ga?

Sting: Nein. Ich bin ab­so­lut zu­frie­den mit dem Zu­stand, wie er ist. Ich war ja auch ziem­lich alt, be­vor das al­les über­haupt los­ging. Be­rühmt wur­de ich erst mit 26. Vor­her führ­te ich ein Al­ler­welts­le­ben. Ich ha­be in ei­nem Bü­ro ge­ar­bei­tet, ich ha­be Lö­cher ge­gra­ben, ich war Leh­rer. Ich hat­te Kin­der, Pen­si­ons­an­sprü­che und ei­ne Hy­po­thek aufs Haus. Ich zahl­te Steu­ern und ging wäh­len. Und dann be­kam ich die­ses ir­re Le­ben. Die­se Leu­te, die ges­tern noch zur Schu­le gin­gen und heu­te schon in­ter­na­tio­na­le Su­per­stars sind, die tun mir leid.

Was ist ei­gent­lich mit ih­rem Bart pas­siert?

Sting: Mei­ne Frau sag­te, sie wol­le ei­nen jün­ger aus­se­hen­den Mann. Al­so muss­te der Bart weg (lacht).

Im neu­en Song „50 000“ma­chen Sie sich Ge­dan­ken über die ei­ge­ne Sterb­lich­keit. Ist der Tod ei­ne Sa­che, die Sie, mit 65, ner­vös macht?

Sting: Nun ja, in die­sem Jahr ha­ben wir so schreck­lich vie­le kul­tu­rel­le Iko­nen ver­lo­ren. Men­schen, die ich zum Teil gut kann­te. Wir hat­ten die Il­lu­si­on, dass sie un­sterb­lich sind. Aber kei­ner von uns ist un­sterb­lich, da­mit muss man sich aus­ein­an­der­set­zen. Der Ge­dan­ke an den Tod lässt mich phi­lo­so­phisch wer­den. Ich ha­be si­cher mehr als die Hälf­te mei­nes Le­bens hin­ter mir, ich wer­de äl­ter. Das macht das Le­ben in ge­wis­ser Wei­se aber auch vi­ta­ler.

Das heißt?

Sting: Wer sei­ne ei­ge­ne Sterb­lich­keit ak­zep­tiert, der lebt in­ten­si­ver. Wenn du jung bist, denkst du nicht an den Tod. Wenn du äl­ter wirst, nimmst du den Tod mit an Bord und se­gelst wei­ter.

Wie schaf­fen Sie es, so fit zu sein?

Sting: Ich bin un­heim­lich ei­tel und dis­zi­pli­niert. Ich war Ath­let, als ich jung war, und ich bin im­mer fit ge­blie­ben. Ich lie­be Sport. Ich schwim­me, ich ren­ne, ich ma­che Yo­ga und ich spa­zie­re und ich es­se kei­nen Scheiß. Ich trin­ke auch nicht zu viel Al­ko­hol, was aber hin und wie­der schwie­rig ist.

Ja?

Sting: Ich mag Wein schon sehr gern. Und ich kann be­acht­li­che Men­gen Wein trin­ken, oh­ne um­zu­kip­pen.

Foto: dpa

DER BART IST AB: Sting.

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