Blick auf die rau­en Zei­ten der Re­for­ma­ti­on

Am Set der „Ket­zer­braut“

Pforzheimer Kurier - - FILM UND TV-SZENE -

Gro­ße his­to­ri­sche Stof­fe ha­ben im Fern­se­hen un­ge­bro­chen Kon­junk­tur: In ei­ner neu­en Ver­fil­mung der Ro­ma­ne von Iny Lor­entz ge­rät ei­ne jun­ge Frau zwi­schen die Fron­ten ei­nes Glau­bens­krie­ges. Die­ser tobt in den rau­en Zei­ten der Re­for­ma­ti­on im Eu­ro­pa des frü­hen 16. Jahr­hun­derts. Trotz des his­to­ri­schen Hin­ter­grunds er­zählt „Die Ket­zer­braut“vor al­lem ei­ne Aben­teu­er- und Lie­bes­ge­schich­te. Im Mit­tel­punkt steht das Schick­sal der zu­nächst nai­ven Ve­va. Es ist die nächs­te gro­ße Rol­le für Ru­by O. Fee. Die erst 20-jäh­ri­ge Schau­spie­le­rin, spä­tes­tens seit ih­ren ge­fei­er­ten Auf­trit­ten im Köl­ner „Tat­ort: Kar­ten­haus“und in „Das Ge­heim­nis der Heb­am­me“kei­ne Un­be­kann­te mehr, dürf­te mit die­sem Film end­gül­tig zum Star avan­cie­ren. Der Film ist an­läss­lich des Re­for­ma­ti­ons­ju­bi­lä­ums­jah­res 2017 bei SAT.1 zu se­hen. Ge­dreht wur­de un­ter an­de­rem im Re­nais­sance-Schloss Jind­ri­chuv Hra­dec in Tsche­chi­en.

Nach dem sen­sa­tio­nel­len Er­folg der „Wan­der­hu­re“im Jahr 2010 und der „Ra­che der Wan­der­hu­re“(2012) ver­filmt Re­gis­seur Hans­jörg Thurn nun ei­nen wei­te­ren Ro­man von Iny Lor­entz für SAT.1. Der be­kann­te Au­to­ren­na­me üb­ri­gens ist ein Pseud­onym. Da­hin­ter steckt das Mün­che­ner Schrift­stel­ler­ehe­paar Iny Klo­cke und Elmar Wohl­rath. Ih­re er­neut mit viel Herz­schmerz, Dra­ma und Sinn­lich­keit aus­ge­stat­te­te Buch­vor­la­ge spielt im Jah­re 1517 zur Zeit des wohl be­deu­tends­ten Um­bruchs in der Ge­schich­te des Chris­ten­tums – der Re­for­ma­ti­on. Ei­ne jun­ge Frau, Ru­by O. Fee als Ge­no­ve­va „Ve­va“Lei­bert, ge­rät zwi­schen die Fron­ten ei­nes to­ben­den Glau­bens­krie­ges.

Die Got­tes­furcht der jun­gen Ka­tho­li­kin wird in dem auf­wen­dig in Tsche­chi­en, Ös­ter­reich und Deutsch­land pro­du­zier­ten Film durch schreck­li­che Er- in sei­nen Gr­und­fes­ten er­schüt­tert. Die Bür­gers­toch­ter aus Mün­chen soll ei­gent­lich in Inns­bruck ver­hei­ra­tet wer­den. Doch die Rei­se in ein ver­meint­li­ches Glück ge­rät zum Grau­en. Ve­va wird ent­führt, ihr Bru­der er­mor­det. Als sie nach ei­ni­gen Ta­gen doch wie­der auf frei­en Fuß ge­setzt wird, ist ih­re Zu­kunft end­gül­tig zer­stört. Ve­vas Ver­lob­ter kann nicht glau­ben, dass die Ent­führ­te wäh­rend des Zwi­schen­falls un­be­rührt ge­blie­ben ist. Er löst die Bin­dung. Als ent­ehr­te Frau wird Ve­va schließ­lich an den Augs­bur­ger Wei­ber­hel­den und Un­ru­he­stif­ter Ernst Ri­ckin­ger (Chris­toph Let­kow­ski) ver­ge­ben. Die­ser soll aus­ge­rech­net für die Ver­brei­tung von Ket­zer­schrif­ten des Pfaf­fen­fein­des Martin Lu­ther ver­ant­wort­lich sein. Ve­va als zu­nächst gläu­bi­ge und sehr nai­ve Ka­tho­li­kin muss sich erst­mals mit den Miss­stän­den ih­rer ei­ge­nen Kir­che aus­ein­an­der­set­zen.

„Es geht dar­um, nie den Glau­ben zu ver­lie­ren – vor al­lem nicht an sich selbst“, sagt Ru­by O. Fee über ih­re Haupt­rol­le. Für die 20-Jäh­ri­ge ist die Rol­le in ei­nem Mit­tel­alt­er­film ei­ne be­son­de­re Her­aus­for­de­rung. In der frü­hen Zeit der Re­for­ma­ti­on, die zur Spal­tung des west­li­chen Chris­ten­tums in ver­schie­de­ne Kon­fes­sio­nen führ­te, war das Le­ben ei­ner ver­ar­men­den Be­völ­ke­rung al­les an­de­re als ein Zu­cker­schle­cken. Ei­ne zu­neh­mend so­zi­al und wirt­schaft­lich pre­kä­re La­ge führ­te seit dem En­de des 15. Jahr­hun­derts im­mer wie­der zu Auf­stän­den. Hin­zu kam, dass die ka­tho­li­sche Kir­che ih­ren schwin­den­den Macht­ein­fluss mit ei­ser­ner Hand zu ver­tei­di­gen such­te.

Die Schön­heit der ju­gend­li­chen Haupt­dar­stel­le­rin steht so auch im Ge­gen­satz zu ei­ner Um­ge­bung, in de­nen die Sit­ten rau wa­ren und die Men­schen al­les an­de­re als zim­per­lich mit­ein­an­der um­ge­gan­gen sind. Fast re­giert in dem His­to­ri­en­schin­ken ein Wil­le zur Häss­lich­keit. Im In­nen­hof des Schlos­ses Jind­ri­chuv Hra­dec, das im Film die Fug­ger­stadt Augs­burg dar­stel­len soll, sind ei­ni­ge zu se­hen, die so gar nicht in den ver­meint­li­chen Glanz ei­nes herr­schaft­li­chen Dreh­or­tes er­in­nern. Zwi­schen dem an­ge­ord­ne­ten Ne­bel und Rauch fal­len im­mer wie­der Darstel­ler mit schlech­ten Zäh­nen auf, die Haut un­ge­sund. Rea­lis­mus ist an­ge­sagt.

In der Darstel­lung ei­ner un­ge­schmink­ten His­to­rie zeich­net der his­to­ri­sche Ko­s­tüm­film den wei­ten Bo­gen ei­nes gro­eig­nis­se ßen Aben­teu­ers bis hin zu ei­ner mit­rei­ßen­den Lie­bes­ge­schich­te. Dass die­ser Spa­gat wohl ge­lin­gen kann, un­ter­stri­chen be­reits die Er­fol­ge der „Wan­der­hu­re“. Der ers­te Film der Tri­lo­gie wur­de 2010 un­ter an­de­rem als „Er­folg­reichs­ter Deut­scher Fern­seh­film“aus­ge­zeich­net. Der „Ket­zer­braut“könn­te dies eben­falls win­ken, zu­mal die Pro­duk­ti­on un­ter an­de­rem auch mit Chris­toph M. Ohrt (spielt Fürst Fug­ger) und Ele­na Uh­lig als lis­ti­ge Wal­pur­ga von Gig­ging nam­haft be­setzt ist. Und auch das Ti­ming scheint klug ge­wählt. Der his­to­ri­sche Stoff wird vor­aus­sicht­lich im Früh­jahr bei SAT.1 zu se­hen sein, al­so in­mit­ten der „Fei­er­lich­kei­ten“zum Re­for­ma­ti­ons­jahr . Zahl­rei­che Bei­trä­ge über Martin Lu­ther, ob nun Fik­ti­on oder Do­ku, wer­den über die Bild­schir­me flim­mern. Der be­rühm­te Re­for­ma­tor hat als jun­ger Re­bell (Adri­an To­pol) auch in der „Ket­zer­braut“sei­ne Auf­trit­te – al­ler­dings an­ders als man ihn bis­lang zu ken­nen meint. In man­chen Sze­nen wirkt Lu­ther in sei­ner Mönchs­kut­te wie ein Je­di-Rit­ter aus den „Star Wars“-Fil­men.

Andreas Schöttl

Foto: SAT.1

ZWI­SCHEN DEN FRON­TEN: Die jun­ge Ve­va (Ru­by O. Fee) steht im Mit­tel­punkt der SAT.1-Pro­duk­ti­on „Die Ket­zer­braut“, die in Tsche­chi­en ge­dreht wur­de und im Früh­jahr zu se­hen sein wird.

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