Des Bo­xers Ba­lan­ce zwi­schen Lie­be und Sport

„Der glück­lichs­te Tag im Le­ben des Ol­li Mä­ki“

Pforzheimer Kurier - - FILM UND TV-SZENE -

bil­den ein Gen­re für sich. Lang ist die Lis­te je­ner Strei­fen, in de­ren Mit­tel­punkt ein Bo­xer steht, des­sen Schick­sal sich in ei­nem Kampf ent­schei­det. In der Re­gel han­delt es sich um die Ge­schich­te von ei­nem Mann aus klei­nen Ver­hält­nis­sen, der sich al­len Wi­der­stän­den zum Trotz nach oben kämpft. Das Pa­ra­de­bei­spiel da­für ist „Ro­cky“, ver­kör­pert und in­sze­niert von Syl­ves­ter Stal­lo­ne, die mus­kel­be­pack­te Aus­ga­be des ame­ri­ka­ni­schen Traums. Mit ei­nem star­ken Wil­len und ei­nem fes­ten Glau­ben an sich selbst steigt man letzt­lich als Sie­ger aus dem Ring, da mag ei­nem das Le­ben und der Geg­ner noch so vie­le schmerz­haf­te Schlä­ge ver­passt ha­ben. Das ist die schlich­te Bot­schaft die­ser Fil­me.

Zum Jah­res­be­ginn, ge­nau­er ge­sagt, am 5. Ja­nu­ar, kommt ein Bo­xer­film aus Finn­land in un­se­re Ki­nos, der die schon reich­lich ab­ge­nutz­ten Gen­re-Kli­schees ge­gen den Strich bürs­tet. „Der glück­lichs­te Tag im Le­ben des Ol­li Mä­ki“, das Lang­film­de­büt ei­nes ge­wis­sen Ju­ho Kuos­ma­nen, ba­siert auf ei­ner wah­ren Be­ge­ben­heit. Der ti­tel­ge­ben­de Tag ist genau zu da­tie­ren: Es ist der 17. Au­gust 1962, der Tag des Box­kamp­fes zwi­schen dem ame­ri­ka­ni­schen Ti­tel­ver­tei­di­ger Da­vey Moo­re und sei­nem fin­ni­schen Her­aus­for­de­rer Ol­li Mä­ki um die Kro­ne im Fe­der­ge­wicht. Wie der Kampf aus­ge­gan­gen ist, ist nach­zu­le­sen in den An­na­len des Box­sports. Aber wer sich ein Mi­ni­mum an Span­nung er­hal­ten will, der soll­te den Kampf im Film ein­fach auf sich zu­kom­men las­sen, so wie dies auch der Ti­tel­held an die­sem Tag tut. Ol­li Mä­ki (Jark­ko Lah­ti) ist ein klei­ner, drah­ti­ger Mitt­zwan­zi­ger aus dem Pro­vinz­städt­chen Kok­ko­la, der wie vie­le sei­ner Lands­leu­te sei­ne Frei­zeit ger­ne in der Na­tur ver­bringt, am liebs­ten mit sei­ner Freun­din Rai­ja (Oo­na Ai­ro­la). Aber Ol­li ist eben auch Bo­xer. Sein Re­kord als Ama­teur ist ei­gent­lich nicht be­r­auBo­xer­fil­me schend, zu­mal er bis­lang haupt­säch­lich ge­gen Lands­leu­te in den Ring ge­stie­gen ist. Aber nun winkt ihm tat­säch­lich der ganz gro­ße Sprung ins Pro­fi­ge­schäft, ein Kampf um den Welt­meis­ter­ti­tel. Sein Trai­ner Elis (Ee­ro Mi­lon­off), ein ehe­ma­li­ger Box­cham­pi­on, hat Him­mel und Höl­le in Be­we­gung ge­setzt, um dem US-Ame­ri­ka­ner Da­vey Moo­re ei­nen Ti­tel­kampf in Hel­sin­ki schmack­haft zu ma­chen. Ein Sieg von Ol­li Mä­ki wä­re ei­ne Sen­sa­ti­on und wür­de ihn zum Na­tio­nal­hel­den ma­chen. Der ge­schäfts­tüch­ti­ge Elis schickt den schüch­ter­nen Ol­li auf Fo­to­shoo­tings, Pres­se­kon­fe­ren­zen und Spon­so­ren­par­tys. Ei­ne glück­li­che Fi­gur macht er da­bei nicht.

Zu al­lem Über­druss schickt ihm Elis auch noch ein Film­team auf den Hals, das ei­ne Dokumentation über den kom­men­den Welt­meis­ter fer­ti­gen soll. Oh­ne die Nä­he und die Un­ter­stüt­zung der stets fröh­li­chen Rai­ja wür­de sich Ol­li bei dem gan­zen Tru­bel ver­lo­ren füh­len. Elis sieht die Be­zie­hung mit Arg­wohn: Ein Bo­xer soll nur sei­nen Kampf im Kopf ha­ben und sonst nichts. Die letz­ten Ta­ge vor dem Kampf trai­niert Ol­li, ge­trennt von Rai­ja, un­ter schärfs­ten Be­din­gun­gen. Und dann ist der da, der gro­ße Tag.

Die Ins­ze­nie­rung von Ju­hu Kuos­ma­nen kommt eben­so ent­spannt und un­auf­ge­regt da­her wie die me­lan­cho­li­schen Tra­gi­ko­mö­di­en sei­nes Lands­man­nes Aki Kau­ris­mä­ki. Ge­dreht hat er in schwar­zweiß, das ver­leiht den Bil­dern ei­nen se­mi­do­ku­men­ta­ri­schen Touch. Die Ko­mik, die in die­ser wah­ren Ge­schich­te liegt, wird nie for­ciert, sie er­gibt sich al­lein schon aus der selt­sa­men Dis­kre­panz zwi­schen der Ehr­geiz­lo­sig­keit und Selbst­ge­nüg­sam­keit des Ti­tel­hel­den und den hoch ge­spann­ten Er­war­tun­gen, die an­de­re in ihn set­zen. Auf hin­ter­sin­nig-la­ko­ni­sche Wei­se stellt die­ser et­was an­de­re Bo­xer­film die Fra­ge: Was ist Glück? Üb­ri­gens: Ol­li Mä­ki und sei­ne Frau Ra­ja le­ben noch im­mer zu­sam­men. Der Cham­pi­on Da­vey Moo­re starb ei­ni­ge Mo­na­te nach dem Kampf in Hel­sin­ki an den Fol­gen ei­nes Knock­outs. Pe­ter Kohl

Foto: Ca­mi­no

DIE LIE­BE SEI­NES LE­BENS: Ol­li Mä­ki (Jark­ko Lah­ti) ver­bringt sei­ne Zeit am liebs­ten mit sei­ner Freun­din Ra­jia (Oo­na Ai­ro­la).

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.