Wor­te des Weih­nachts­man­nes

Sa­ti­re zum Fest

Pforzheimer Kurier - - BUNTE SEITE -

Zwar schaue ich mir die­ses all­jähr­li­che Spek­ta­kel nun schon vie­le Jah­re an, aber stau­nen muss ich im­mer noch. Schon zum En­de der Som­mer­fe­ri­en ste­hen Vanillekipferl, Leb­ku­chen und mein Kon­ter­fei in Scho­ko­la­de ge­gos­sen in den Dis­coun­tern. Ja, Sie ha­ben rich­tig ge­hört: Ich bin es, der Weih­nachts­mann.

Ha­ben Sie sich nie ge­fragt, war­um ich es vor­zie­he, die meis­te Zeit des Jah­res in der Lap­p­län­di­schen Ein­öde zwi­schen Flech­ten und Moo­sen zu hau­sen?

Da wird Je­sus in ei­ner über­füll­ten Stadt im Na­hen Os­ten ge­bo­ren, bit­ter­arm, oh­ne Ma­xi Co­si und Ba­by­fon, und muss als ers­ten Ein­druck die­ser Welt die Am­mo­ni­ak ver­seuch­te Luft ei­nes düs­te­ren Stalls ver­kraf­ten. Ein schwie­ri­ger Start für ei­nen Heils­brin­ger! Aber was ha­ben die Men­schen dar­aus ge­macht? Dau­er­glit­zern­de In­nen­städ­te, ei­nen gi­gan­ti­schen Auf­schwung für den Ein­zel­han­dels, zu­sam­men­ge­pferch­te Fa­mi­li­en in über­hitz­ten Wohn­stu­ben, die Ge­schen­ke aus­tau­schen. Mir kam jüngst der Ver­dacht, dass die Grö­ße des Prä­sent­kar­tons wohl manch­mal pro­por­tio­nal zum schlech­ten Ge­wis­sen des Schen­ken­den stün­de.

Zu Weih­nach­ten scheint man Mit­ge­fühl, Hilfs­be­reit­schaft und glüh­wein­ge­stütz­ten Fa­mi­li­en­sinn her­aus zu kra­men. Nach den Fei­er­ta­gen lässt es sich dann wie­der herr­lich über Oma schimp­fen, den Kol­le­gen mob­ben oder den Nach­barn an­zei­gen. Aber mit „O du fröh­li­che“-Dau­er­ge­du­del pau­sie­ren üb­le Ma­chen­schaf­ten. Plötz­lich wird an Ar­me ge­spen­det, die aber bit­te an­ony­me Ge­sich­ter in Spiel­film­pau­sen blei­ben sol­len. Über die längst ver­bli­che­ne ös­ter­rei­chi­sche Kai­se­rin im Fern­se­hen wer­den Trä­nen ver­gos­sen, eben­so über ei­nen bri­ti­schen Adel­s­en­kel und das Aschen­brö­del, das bei Mi­nus­tem­pe­ra­tu­ren im Tüll­kleid­chen durch den Schnee ga­lop­piert. Die ei­ge­ne Nach­ba­rin, die an Hei­lig Abend wie­der al­lei­ne da­hockt und ver­zwei­felt, be­rührt we­ni­ger.

Ich selbst bin dann auch in al­ler Mun­de. Im­mer mit Bart und schwer über­ge­wich­tig, das neh­me ich den Men­schen schon ein we­nig übel. Au­ßer­dem passt die­ses Si­gnal­rot über­haupt nicht zu mei­nem Teint, aber der De­al mit dem markt­füh­ren­den Li­mo­na­den­her­stel­ler war zu ver­lo­ckend: So spie­le ich halt den al­ten rot­wei­ßen Dick­wanst, der sich durch die Ka­mi­ne der Leu­te zwängt. Ver­trag ist Ver­trag.

Ich ha­be mir schon so man­ches Mal ein ganz an­de­res Weih­nachts­fest ge­wünscht. Ein­fa­cher, stil­ler – we­sent­li­cher. Die merk­wür­di­gen Ge­schich­ten, für die mich Men­schen be­nut­zen, er­tra­ge ich in­zwi­schen auch schmun­zelnd. Aber ei­gent­lich wün­sche ich mir, end­lich in die zwei­te Rei­he bei den Men­schen zu tre­ten. In den Hin­ter­grund. Al­ters­teil­zeit so­zu­sa­gen. Denn wich­tig ist ei­gent­lich die­ser Klei­ne, die­ser Klei­ne im Stall. Der ist näm­lich ein ganz Gro­ßer.

Susanne Jabs

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