Die Zu­kunft liegt im Ver­gan­ge­nen

Pforzheimer Kurier - - BUNTE SEITE - DAS PORTRAIT des Dik­ta­tors En­ver Hox­ha ver­kauft sich gut.

In der Nacht er­wacht der Block zum Le­ben. „Ish-Bl­lo­ku“, das quir­li­ge Vier­tel in Al­ba­ni­ens Haupt­stadt Ti­ra­na, in dem noch wäh­rend der Dik­ta­tur die Re­gie­ren­den ab­ge­schot­tet vom Rest der Be­völ­ke­rung wohn­ten, ist heu­te Mit­tel­punkt des pul­sie­ren­den Nacht­le­bens. Schi­cke Re­stau­rants rei­hen sich an mo­der­ne Bou­ti­quen, Shops und Bars. Clubs le­gen ih­ren Be­su­chern ei­nen wum­mern­den Klang­tep­pich bis an die Stra­ße. Dort par­ken eng hin­ter­ein­an­der teu­re Au­tos, aus Ta­xen stei­gen schil­lernd-ele­gant ge­klei­de­te Men­schen. Wer die­se Stadt am Abend ken­nen­lernt, darf neu­gie­rig sein, was Ti­ra­na am Tag zu bie­ten hat. Viel lei­ser, doch nicht we­ni­ger bunt ist die Haupt­stadt Al­ba­ni­ens dann – Edi Ra­ma, heu­te Pre­mier­mi­nis­ter des Lan­des, ließ vie­len Häu­sern in sei­ner Zeit als Bür­ger­meis­ter durch neue An­stri­che Far­be ein­hau­chen. „Er war Ma­ler, er er­trug das Grau nicht mehr“, er­zählt Ar­me­la Men­aj. Die 34-Jäh­ri­ge zeigt seit fünf Jah­ren Tou­ris­ten als Rei­se­füh­re­rin ihr Hei­mat­land Al­ba­ni­en. Die jun­ge Mut­ter stu­dier­te zu­vor ei­ni­ge Jah­re in Ber­lin, doch ihr fehl­ten fes­te Ar­beit und Per­spek­ti­ven. Men­aj kam zu­rück – und setzt nun wie so vie­le Men­schen in dem klei­nen West­bal­kan­land ganz auf den Tou­ris­mus.

Zwi­schen Dik­ta­tur und EU

Seit 2014 ist Al­ba­ni­en EU-Bei­tritts­kan­di­dat, 2015 wur­de es als si­che­res Her­kunfts­land ein­ge­stuft. Als Rei­se­land ist der klei­ne Staat, der in die­sem Jahr Part­ner­land der Tou­ris­mus­mes­se CMT ist, je­doch noch im­mer ein Ge­heim­tipp. Da­bei dürf­te er sei­ner Viel­schich­tig­keit we­gen bei vie­len Ur­laub­s­ty­pen An­klang fin­den. Das zeigt ein­mal mehr der Blick auf die Haupt­stadt: Sie ist nicht nur leb­haft und bunt, Ti­ra­na ist ei­ne Stadt zwi­schen den Zei­ten und Kul­tu­ren. Sie bie­tet dem Be­su­cher ein De­stil­lat al­ler Sei­ten des Lan­des – aus Re­li­gi­on, Na­tur, Kul­tur, Na­tio­nal­stolz und der Aus­ein­an­der­set­zung mit der Ver­gan­gen­heit.

Nir­gend­wo sonst wird dies so deut­lich, wie am Skan­der­be­gPlatz, dem nach Al­ba­ni­ens Na­tio­nal­hel­den be­nann­ten Ort im Zen­trum der Stadt. Im 15. Jahr­hun­dert be­wahr­te des­sen Na­mens­ge­ber das Land vor den Os­ma­nen. Nun thront Skan­der­beg hoch zu Ross über dem ge­ra­de um­ge­stal­te­ten, noch auf­ge­ris­se­nen Platz – um­ge­ben von Kul­tur­pa­last mit Oper, von Et’hem-Bey, der äl­tes­ten Mo­schee der Stadt oder dem Uhr­turm von Ti­ra­na. St­ei­ne aus al­len Re­gio­nen Al­ba­ni­ens lie­gen ihm zu Fü­ßen. Au­tos fah­ren hu­pend um die Flä­che. Wer et­was auf sich hält, der fährt Mer­ce­des in Al­ba- nien. Kein an­de­res Au­to gilt hier als grö­ße­res Sta­tus­sym­bol. „Und das wird so blei­ben, so lan­ge un­se­re Stra­ßen noch holp­rig sind“, sagt die la­chen­de Rei­se­füh­re­rin. In der Fer­ne zeich­net sich Ti­ra­nas er­ha­be­ner Haus­berg Djai­ti ab, hin­ter dem Denk­mal weht un­über­seh­bar Al­ba­ni­ens Flag­ge und da­mit das Wahr­zei­chen des Lan­des – der dop­pel­köp­fi­ge Ad­ler auf ro­tem Grund.

Der dunk­le Tou­ris­mus

Zu Zei­ten des Kom­mu­nis­mus stand hier noch ei­ne Sta­tue des al­ba­ni­schen Dik­ta­tors En­ver Hox­ha (1908–1985). Nach dem En­de des Re­gimes 1990 wur­de sie ab­ge­ris­sen – wie so vie­les, das mit dem Kom­mu­nis­mus ver­bun­den war. „Die Al­ba­ner ha­ben die neue Frei­heit falsch ver­stan­den“, er­zählt Ar­me­la Men­aj. „Man woll­te die Er­in­ne­rung an die Dik­ta­tur ver­ban­nen, zer­stör­te Fa­b­ri­ken und Ge­bäu­de und nahm sich da­mit selbst das Brot.“Die Fol­ge: ei­ne hohe Ar­beits­lo­sen­quo­te, die bis heu­te an­hält. Min­des­tens 16 Pro­zent der Al­ba­ner sei­en oh­ne Ar­beit, bei der Ju­gend sind es über 50 Pro­zent, schätzt Men­aj.

Bei al­len Ver­su­chen, sie ab­zu­rei­ßen oder zu über­strei­chen: Ge­lun­gen ist den Al­ba­nern die Ver­drän­gung ih­rer düs­te­ren Ver­gan­gen­heit nur ober­fläch­lich. Denn ein span­nen­der Teil der Ge­schich­te über­dau­ert in Ti­ra­nas Un­ter­grund. In ganz Al­ba­ni­en woll­te Hox­ha 750 000 Bun­ker bau­en las­sen. Wie vie­le es tat­säch­lich ge­wor­den sind? „Wer weiß das schon“, sagt Ar­me­la rat­los. Im­mer wie­der fin­de man neue un­schein­ba­re Ein­gän­ge in das un­ter­ir­di­sche Tun­nel­sys­tem. Mit die­sem will das Land nun ei­nen ganz spe­zi­el­len Tou­ris­mus-Zweig be­die­nen. „Wir set­zen auf den dunk­len Tou­ris­mus“, sagt Al­ba­ni­ens Tou­ris­mus­mi­nis­te­rin Mil­va Eko­no­mi. 2015 ka­men rund 115 000 deut­sche Tou­ris­ten ins Land – zu we­ni­ge, wenn es nach den Al­ba­nern geht. „Nun brau­chen wir Kon­zep­te“, be­tont Eko­no­mi. Das Ge­schäft mit Ge­schich­ten über Al­ba­ni­ens grö­ßen­wahn­sin­ni­gen, aber cha­ris­ma­ti­schen Dik­ta­tor ist nur ei­nes da­von. Wenn es nach ihr gin­ge, sol­le nicht nur schnell ge­baut wer­den, son­dern nach­hal­tig, un­ter­streicht die Tou­ris­mus­mi­nis­te­rin. Die Rea­li­tät sieht in Al­ba­ni­en oft an­ders aus, das zeigt die Fahrt ent­lang der io­ni­schen Küs­te.

Ber­ge und Meer

„Al­ba­ni­en ist ein Land, in dem man das Ge­fühl hat, von den Ber­gen aus das Was­ser spü­ren zu kön­nen und aus dem Was­ser mit ei­nem Schritt ins Ge­bir­ge zu stei­gen“, sagt So­kol Ko­ciaj. Auch er ist ei­ner von de­nen, die zu­rück­ge­kehrt sind. Grund sei die Sehn­sucht nach der Hei­mat ge­we­sen. Sei­ne El­tern wan­der­ten vor Jah­ren in die USA aus, er­zählt er bei ei­nem Spa­zier­gang durch den Llo­ga­ra Na­tio­nal­park. Wer den Blick hier in die Fer­ne schwei­fen lässt, wird mit atem­be­rau­ben­den Aus­sich­ten be­lohnt. Wer die Au­gen schließt, riecht wür­zi­ge Kräu­ter, wil­den Thy­mi­an, Ore­ga­no. Wer zu Bo­den blickt, fin­det dort auch die Schat­ten­sei­ten der auf­kei­men­den Tou­ris­tik: acht­los ent­sorg­ten Müll, Plas­tik, Do­sen.

So­kol spricht bes­ser Eng­lisch als die meis­ten Al­ba­ner, das kommt ihm bei sei­ner Ar­beit für die staat­li­che Tou­ris­mus­agen­tur nun zu­gu­te. Dass Ur­lau­ber im Som­mer das gro­ße Geld an die 450 Ki­lo­me­ter lan­ge Küs­te spü­len, sei der Traum vie­ler In­ves­to­ren. „Noch fehlt uns die rich­ti­ge In­fra­struk­tur“, stellt So­kol fest, wäh­rend der Rei­se­bus spä­ter an hel­len Kies­s­trän­den, an tür­kis­blau schim­mern­dem Was­ser ent­lang fährt – und an Be­tonske­let­ten, nie voll­ende­ten Bau­sün­den. Kurz ge­sagt: dem Alp­traum der In­ves­to­ren, de­nen auf hal­ber Stre­cke das Geld aus­ge­gan­gen ist. Auch er will in das Ge­schäft ein­stei­gen und an der Küs­te ei­nen Cam­ping­platz er­öff­nen – ein An­ge­bot, das in Al­ba­ni­en noch kaum vor­han­den ist. Be­die­nen will er da­mit die Eu­ro­päi­schen Cam­per, die zu­neh­mend mit der Fäh­re in die Küs­ten­städ­te Vlo­ra oder Sa­ran­da kom­men wer­den, da­von ist So­kol über­zeugt. Si­cher ist: Wer den Weg fin­det, kann un­heim­lich güns­tig woh­nen, spei­sen, ein­kau­fen.

Rei­ches Welt­kul­tur­er­be

Tat­säch­lich gibt es sie be­reits, die tou­ris­tisch be­leb­ten Or­te. Es sind die UNESCOWelt­kul­tur­er­be­stät­ten: das Am­phi­thea­ter von Dur­res, Be­rat, die Stadt der Tau­send Fens­ter oder die Rui­nen von Bu­trint. Rund zwei holp­ri­ge Au­to­stun­den von der süd­al­ba­ni­schen Küs­ten­stadt Sa­ran­da ent­fernt, schmiegt sich Gji­ro­kas­tra in den Berg­hang, die Stadt der St­ei­ne. In sei­nem

La­den in der Alt­stadt klopft ein St­ein­metz be­hut­sam sei­ne Kunst in grau­en St­ein. Wäh­rend der Dik­ta­tur fer­tig­te er in ei­ner Fa­b­rik Reiß­ver­schlüs­se, jetzt kann er sei­nen Be­ruf wie­der aus­füh­ren. Dank der Tou­ris­ten kann er auch da­von le­ben, wie er er­zählt. Ver­kaufs­schla­ger ist hier aber nicht et­wa die Hand­werks­kunst, die zar­te Spit­ze oder die raf­fi­nier­te Holz­schnit­ze­rei. Gji­ro­kas­tra ist die Ge­burts­stadt En­ver Hox­has, mit dem die Be­woh­ner ei­ne re­gel­rech­te Hass­lie­be ver­bin­det. In den Sou­ve­nir­lä­den sta­peln sich Tas­sen mit dem Portrait des Dik­ta­tors. Kein Ar­ti­kel geht so oft über die La­den­the­ke wie Va­ria­tio­nen der Bun­ker – als Aschen­be­cher, Schlüs­sel­an­hän­ger, Schnee­ku­gel. Hin­ter der The­ke sitzt Ma­rio, 15 Jah­re alt. Die Dik­ta­tur hat er nicht er­lebt, das flo­rie­ren­de Ge­schäft mit ihr schon. Ne­ben der Schu­le ar­bei­tet er in ei­nem der Shops. Gji­ro­ka­stras neue Bür­ger­meis­te­rin, Zmi­ra Ra­mi, hat ihn da­für an­ge­wor­ben. Sie will ver­hin­dern, dass die Ju­gend die Stadt ver­lässt und den Aus­tausch mit Tou­ris­ten för­dern. Ob ihr Kon­zept auf­geht? „Die Som­mer sind ok, die Win­ter ein­sam“, sagt

Ma­rio. Dann wür­de er lie­ber in Ti­ra­na woh­nen, wo das Le­ben auch wäh­rend der kal­ten Mo­na­te tobt. An­ne Weiss

AL­BA­NI­ENS NATIONALHELD DER VER­GAN­GE­NEN TA­GE über­blickt am zen­tra­len Skan­der­beg-Platz die bun­te Haupt­stadt des West­bal­kan­staats, Ti­ra­na. Fotos: Weiss

MYSTERIÖSE BUN­KER gibt es nicht nur in Ti­ra­na. 75 000 von ih­nen woll­te der Dik­ta­tor Hox­ha bau­en las­sen – wie vie­le ge­baut wur­den, weiß nie­mand.

STADT AUS ST­EIN wird das süd­al­ba­ni­sche Gji­ro­kas­tra auch ge­nannt. We­gen der stei­ner­nen Dä­cher ist der Ort UNESCO-Welt­kul­tur­er­be.

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