Ein Fun­ken Hoff­nung jen­seits von Je­ru­sa­lem

Tel Aviv

Pforzheimer Kurier - - REISE -

April 1909 leg­ten ei­ni­ge Dut­zend Fa­mi­li­en den Grund­stein für Tel Aviv. Aus ei­nem wa­ge­mu­ti­gen Ex­pe­ri­ment wur­de ei­ne pul­sie­ren­de Groß­stadt. Is­ra­els Wirt­schafts­zen­trum, Kul­tur­me­tro­po­le und Le­be­stadt hat sich bis heu­te ih­re Frei­heits­lie­be be­wahrt. Tel Aviv nann­ten die ers­ten Be­woh­ner ih­re Stadt nach Herzls uto­pi­schem Ro­man „Alt­neu­land“. So wur­de der deut­sche Ti­tel frei ins He­bräi­sche über­setzt. Wörtlich be­deu­tet Tel Aviv „Früh­lings­hü­gel“.

Auf dem zen­tra­len Car­mel-Markt herrscht be­reits am frü­hen Sonn­tag­mor­gen em­si­ge Be­trieb­sam­keit. Nir­gend­wo ist Tel Aviv ori­en­ta­li­scher. Tel Aviv ist heu­te wie da­mals ei­ne Ein­wan­de­r­er­stadt. Im je­me­ni­ti­schen Vier­tel wird das be­son­ders deut­lich. Die gro­ße An­zahl an afri­ka­ni­schen Flücht­lin­gen und asia­ti­schen Ar­bei­tern auf dem Markt, von Eri­tre­ern, Su­da­ne­sen, Thai­län­dern, Phil­ip­pi­ner, In­dern, und Chi­ne­sen zeigt, dass längst nicht nur Ju­den nach Is­ra­el ein­wan­dern.

Auf der an­de­ren Stra­ßen­sei­te liegt ei­ne an­de­re Welt. Tel Avivs hipps­te Shop­ping-Mei­le schließt di­rekt an den Car­mel-Markt an. In den win­zi­gen Bou­ti­quen prä­sen­tie­ren Tel Avivs Top-De­si­gner die neus­ten Trends der Mo­de­welt: aus­ge­fal­le­nen Schmuck, knal­lig far­bi­ge Ac­ces­soires, knapps­te bra­si­lia­ni­sche Ba­de­mo­de. Ein biss­chen scheint es, als träu­me Tel Aviv da­von, Bar­ce­lo­na, Bahia und Ber­lin in ei­nem zu sein.

Vor ei­nem über­füll­ten Ca­fé wirbt ein Or­tho­do­xer um die gott­lo­se Ju­gend Tel Avivs. Die Ul­tra­or­tho­do­xen sind auch im sä­ku­la­ren Tel Aviv auf dem Vor­marsch, die ver­spreng­ten Män­ner in schwar­zer Kluft und Voll­bart er­schei­nen je­doch auf Tel Avivs Bou­le­vards zwi­schen all den läs­sig ge­klei­de­ten Stadt­be­woh­nern und Tou­ris­ten wie Au­ßer­ir­di­sche von ei­nem an­de­ren Stern..

Wenn die Men­schen zum Be­ten nach Je­ru­sa­lem kom­men, so kom­men sie zum At­men nach Tel Aviv. In die­ser Stadt, so könn­te man nach ei­nem ers­ten ober11. fläch­li­chen Rund­gang durch das Zen­trum mei­nen, gibt es kei­ne Got­tes­häu­ser, kei­ne Sy­nago­gen, kei­ne Kir­chen, kei­ne Mo­sche­en. Schon gar kei­ne hei­li­gen Stät­ten, um die es sich zu strei­ten lohn­te bis aufs Blut. Tel Aviv lebt für den Au­gen­blick.

In Sicht­wei­te von Tel Aviv, auf ei­ner Land­zun­ge süd­lich von Ne­ve Tze­dek, er­hebt sich das Jahr­tau­sen­de al­te Jaf­fa über das Mit­tel­meer. Für Jahr­hun­der­te war die Ha­fen­stadt ein be­deu­ten­des ara­bisch ge­präg­tes Han­dels­zen­trum, bis das neu ge­grün­de­te Tel Aviv ihr den Rang ab­lief. En­ge Gäss­chen füh­ren vom Meer zu den HaPis­gah-Gär­ten hin­auf, wo ara­bi­sche Groß­fa­mi­li­en am spä­ten Nach­mit­tag zum Pick­nick zu­sam­men­kom­men und die Män­ner beim Blick auf die Wol­ken­krat­zer von Tel Aviv und ei­ner Was­ser­pfei­fe über den end­lo­sen Krieg in Sy­ri­en dis­ku­tie­ren, die Is­la­mis­ten und den un­mög­li­chen Frie­den in Nah­ost.

Vom Strand von Jaf­fa steigt Trom­mel­wir­bel auf, ir­gend­wo hat ein DJ auf ei­ner Dach­ter­ras­sen-Par­ty Tran­ce auf­ge­legt. Der dröh­nen­de Bass über­tönt den Mu­ez­zin. Längst hat in den Bars von Flo­ren­tin, in der Li­li­en­blum- und Le­van­tin-Stra­ße und am neu­en Ha­fen die nächs­te Par­ty­nacht be­gon­nen. Tel Aviv hört nicht auf zu tan­zen.

Win­fried Schu­ma­cher

Ser­vice

LEUCHTTURM DER KUNST: In den Fron­ten des 1932 er­öff­ne­ten Mu­se­ums of Art spie­geln sich die Häu­ser von Tel Aviv.

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