Weih­nach­ten in ei­ner Zeit vol­ler Ängs­te

Von Erz­bi­schof Ste­phan Bur­ger, Frei­burg

Pforzheimer Kurier - - ERSTE SEITE -

Fürch­tet euch nicht! Mit die­sen Wor­ten spricht der En­gel in der Weih­nachts­ge­schich­te die Hir­ten an, als er ih­nen die Ge­burt Je­su ver­kün­de­te. Fürch­tet euch nicht! – das ist ge­ra­de­zu die Grund­me­lo­die des christ­li­chen Glau­bens, die seit­her durch die Jahr­hun­der­te klingt und im Ver­trau­en auf die Nä­he und Lie­be Got­tes grün­det. Fürch­tet euch nicht! – ei­ne Bot­schaft, die uns doch ge­ra­de auch zum Weih­nachts­fest 2016 auf­hor­chen las­sen muss an­ge­sichts der Ent­wick­lun­gen die­ser Ta­ge und der ver­gan­ge­nen Wo­chen: Den­ken wir et­wa an die schreck­li­che und hin­ter­lis­ti­ge Lkw-Atta­cke auf dem Ber­li­ner Weih­nachts­markt. Und dann sind da die ab­scheu­li­chen Ver­bre­chen an zwei jun­gen Frau­en in Frei­burg und En­din­gen, die weit über die Gren­zen un­se­rer Re­gi­on hin­aus Men­schen in Angst und Schre­cken ver­set­zen. Da sind die po­li­ti­schen Ent­wick­lun­gen in so man­chen Staa­ten Eu­ro­pas und auch das Wah­l­er­geb­nis in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten, die Un­si­cher­hei­ten mit sich brin­gen und mehr Fragen als Ant­wor­ten auf­wer­fen. Nicht we­ni­ger ge­ben die po­li­ti­schen Ver­hält­nis­se im Na­hen und Mitt­le­ren Os­ten An­lass zu Sor­ge und Angst. Man­cher sieht sich von ei­nem her­an­na­hen­den Is­la­mis­mus be­droht. Und auch die The­men um die rich­ti­ge Flücht­lings­hil­fe und In­te­gra­ti­on ste­hen mehr oder we­ni­ger ver­drängt, aber nicht ge­löst, zur De­bat­te. Die un­ter­schied­li­chen po­li­ti­schen und öko­no­mi­schen Pro­ble­me in Afri­ka wer­den eben­so wei­ter zur Ta­ges­ord­nung ge­hö­ren wie die öko­lo­gi­schen Fra­ge­stel­lun­gen welt­weit. U nd genau in all die­se Un­ge­wiss­hei­ten hin­ein klingt die­ses weih­nacht­li­che Hoff­nungs­wort: „Fürch­tet euch nicht! Denn ich ver­kün­de euch ei­ne gro­ße Freu­de, die dem gan­zen Volk zu­teil wer­den soll: Heu­te ist euch der Ret­ter ge­bo­ren, er ist der Mes­si­as, der Herr.“Die­ses Kind in der arm­se­li­gen Krip­pe, das uns zum Ret­ter wer­den will, ist ei­ne Her­aus­for­de­rung – da­mals wie heu­te. Was ge­ra­de­zu pa­ra­dox, ja un­mög­lich er­scheint, ist der tiefs­te Kern des­sen, was wir an Weih­nach­ten fei­ern: Die Ge­burt Chris­ti ist die Ge­burts­stun­de der wah­ren Men­sch­lich­keit. Der Mensch soll nicht mehr der Feind des Mit­men­schen, son­dern des­sen Bru­der, des­sen Schwes­ter sein. In Je­sus von Na­za­reth ist der Keim zu ei­ner ge­schwis­ter­li­chen Mensch­heit ge­legt wor­den, weil er selbst uns zum Bru­der wur­de. Im Kind in der Krip­pe, so sagt es der Ti­tus­brief kurz und prä­gnant, ist uns die „Gü­te und Men­schen­freund­lich­keit Got­tes, un­se­res Ret­ters er­schie­nen“(Tit 3,4).

DGott zeigt den Weg

as ist weit mehr als ei­ne his­to­ri­sche Nach­richt, die wir zur Kennt­nis neh­men und an die wir uns an ei­ni­gen Ta­gen des Jah­res er­in­nern, in­dem wir Christ­bäu­me auf­stel­len, Ker­zen an­zün­den, Krip­pen be­wun­dern und Lie­der sin­gen. Es geht um et­was Ent­schei­den­des, ja Exis­ten­zi­el­les: Gott selbst zeigt uns den Weg in ei­ne le­bens­wer­te und men­schen­freund­li­che Zu­kunft. Weih­nach­ten will un­ser Le­ben ver­än­dern, in­dem wir es ihm gleich tun und die Gü­te und Men­schen­freund­lich­keit le­ben – in Ehe und Fa­mi­lie, am Ar­beits­platz, in der Frei­zeit, in der Nach­bar­schaft, wo im­mer wir mit an­de­ren Men­schen zu­sam­men­tref­fen. Got­tes Lie­be ist frei und un­ge­schul­det. Sie will an­ge­nom­men sein und in uns ih­ren Wi­der­hall fin­den. Wer die weih­nacht­li­che Bot­schaft hört, wird vor die Ent­schei­dung ge­stellt zwi­schen de­nen, die – da­mals wie heu­te – in der Welt ab­so­lu­te Herr­schaft be­an­spru­chen, Hass schü­ren, Angst ver­brei­ten und dem, von dem es heißt, dass in ihm die „Gü­te und Men­schen­freund­lich­keit Got­tes“auf­strahlt. W ir kön­nen die­se Gü­te und Men­schen­freund­lich­keit Got­tes nicht zer­stö­ren, aber wir kön­nen uns ihr ver­schlie­ßen, uns ge­gen sie ent­schei­den. Dann steht Weih­nach­ten zwar im Ka­len­der, aber es hat nichts mit uns zu tun. Dann stel­len wir Krip­pe und Christ­baum auf, aber ha­ben nicht den Mut zur Ver­söh­nung und zu ei­nem fried­li­chen Mit­ein­an­der. Schon die Weih­nachts­ge­schich­te zeigt, dass nicht al­le die Stim­me Got­tes und die Bot­schaft des En­gels hö­ren (wol­len): Kö­nig He­ro­des et­wa hat Angst um sei­ne Herr­schaft, die Her­bergs­be­sit­zer sind in der Idee ge­fan­gen, Ge­schäf­te zu ma­chen. Was nützt es, wenn wir um die Not­wen­dig­keit der Gü­te, Barm­her­zig­keit und Men­schen­freund­lich­keit wis­sen, sich aber un­ser Ei­gen­in­ter­es­se, un­ser Ego­is­mus oder un­ser Stre­ben nach An­se­hen da­ge­gen stemmt? Wenn wir im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes „dicht ma­chen“? Wenn wir von Gott nichts hö­ren wol­len, weil wir der Mei­nung sind, der Glau­be sei et­was von ges­tern? O b Gott bei uns an­kom­men und un­ser Herz auf­schlie­ßen kann, liegt bei uns selbst. Und wo Gott, der in Je­sus Chris­tus Mensch wur­de, in un­ser Le­ben ein­zie­hen darf und wir ihm Raum und Zeit schen­ken, da ge­schieht das Wun­der der Ret­tung, da spü­ren wir die Dy­na­mik von Weih­nach­ten: Dass wir ein­an­der an­neh­men, statt aus­zu­gren­zen; dass wir Brü­cken bau­en, statt Grä­ben auf­zu­rei­ßen; dass wir an­de­re ach­ten, statt sie zu äch­ten; dass wir die Hand zur Ver­söh­nung rei­chen, statt mit ge­ball­ter Faust zu dro­hen. Je mehr dies ge­lingt, des­to mehr wird spür­bar, wie wahr und wie welt­ver­än­dernd die Bot­schaft des En­gels ist: Fürch­tet euch nicht!

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