Flam­men­de Bal­la­den und Songs für bren­nen­de Soh­len

Er präg­te ei­ne gan­ze Ge­ne­ra­ti­on: Der bri­ti­sche Pop­sän­ger Ge­or­ge Micha­el ist im Al­ter von nur 53 Jah­ren ge­stor­ben

Pforzheimer Kurier - - ZEITGESCHEHEN -

Wer ihn lieb­te, ver­dammt ihn jetzt end­gül­tig, sei­nen Ohr­wurm. „Last Christ­mas“. Al­le Jah­re wie­der aufs Neue neh­men die Ra­dio­sen­der spä­tes­tens An­fang De­zem­ber An­lauf, um ei­nen im Grun­de be­acht­li­chen Song zur Weih­nachts­zeit zu ver­bren­nen, tot zu nu­deln. Für An­hän­ger ei­ner der bes­ten Stim­men der Pop­welt war das im­mer ei­ne herr­li­che Ge­le­gen­heit, den Hit um­ge­hend ab­zu­schal­ten. Sich statt­des­sen zu be­sin­nen und die See­le über all dem bau­meln oder die Hüf­ten zu all dem zu­cken zu las­sen, was Ge­or­ge Micha­el so Un­ver­wech­sel­ba­res hin­ter­las­sen und da­für et­li­che Prei­se ein­ge­heimst hat: „Faith“, „Fa­ther Fi­gu­re“, „Free­dom“, „Ca­re­less Whi­s­per“, „One Mo­re Try“… für vie­le die hei­ßes­ten Bei­spie­le auf ei­ner Lis­te von all­seits be­kann­ten Char­tB­re­chern, die in den Bei­nen juck­ten oder Bä­che an Trä­nen flie­ßen lie­ßen. Selbst die drei Ver­blie­be­nen von „Queen“zo­gen Ge­or­ge Micha­el nach dem Tod von Fred­dy Mer­cu­ry als Sän­ger in Er­wä­gung. Jetzt hat die­ser ein­zig­ar­ti­ge Künst­ler aus­ge­rech­net an Weih­nach­ten in ei­nem für die Mu­sik so schwar­zen Jahr 2016 Mil­lio­nen von Kin­dern der 1980er Jah­re den in­ne­ren Vor­hang zu­ge­zo­gen.

Ge­or­ge Micha­el ist tot. Der 53-Jäh­ri­ge bri­ti­sche Pop­sän­ger und Kom­po­nist sei zu Hau­se „fried­lich ent­schla­fen“, be­rich­te­ten die Agen­tu­ren in der Nacht zum Mon­tag. Die Po­li­zei wur­de am frü­hen Sonn­tag­nach­mit­tag in das An­we­sen in dem Ort Go­ring-on-Tha­mes in Ox­fordshire ge­ru­fen, et­wa 90 Ki­lo­me­ter von London ent­fernt. Sie geht bis­lang von ei­nem un­ge­klär­ten To­des­fall aus, sieht aber kei­ne Hin­wei­se auf Fremd­ver­schul­den. Nach An­ga­ben bri­ti­scher Me­di­en soll Micha­els Ma­na­ger Micha­el Lipp­man von Herz­ver­sa­gen ge­spro­chen ha­ben. Ei­ne Ob­duk­ti­on soll Klar­heit brin­gen.

Für die Mu­sik­welt ist das nach Da­vid Bo­wie und Prin­ce ein wei­te­rer Schock in die­sem Jahr. Ge­or­ge Micha­el präg­te ei­ne gan­ze Ge­ne­ra­ti­on. Nie­mand hat­te das Zeug wie er, Tanz­ba­res der­art prä­gnant und se­xy zu ge­stal­ten, die Bal­la­den wie­der­um mit ei­nem strah­lend kris­tal­li­nen Zau­ber zu um­flo­ren. Be­gon­nen hat die­ser Zau­ber am 25. Ju­ni 1963 im Lon­do­ner Stadt­teil Finch­les, wo Micha­el als Sohn ei­ner Bri­tin und ei­nes grie­chisch-zy­prio­ti­schen Va­ters ge­bo­ren wur­de. Zu dem ewig ver­füh­re­ri­schen Drei­ta­ge­bart des im­mer Braun­ge­brann­ten mit den blen­dend wei­ßen Zäh­nen und den sinn­li­chen brau­nen Au­gen mag sein rich­ti­ger Na­me, Ge­or­gi­os Ky­ria­kos Pa­na­gio­tou, bes­ser ge­passt ha­ben. Doch schon zu Schul­zei­ten war er auf dem Weg zu dem, der mit sei­nem Künst­ler­na­men in ei­ner 40-jäh­ri­gen Kar­rie­re fast 100 Mil­lio­nen Al­ben ver­kau­fen soll­te. Mit sei­nem Schul­freund And­rew Rid­ge­ley grün­de­te er das Duo „Wham!“, das in den 80er Jah­ren zahl­rei­che Hits lan­de­te und vor al­lem 1984 in die Er­in­ne­rung po­paf­fi­ner Men­schen für im­mer „Wa­ke Me Up Be­fo­re You Go-Go“, aber auch den bis heu­te un­ver­min­dert be­lieb­ten Weih­nachts­schla­ger „Last Christ­mas“ein­brann­te. 1985 durf­te „Wham!“so­gar als ers­te west­li­che Pop­grup­pe in Chi­na spie­len. Spä­ter setz­te Micha­el sei­ne Kar­rie­re als So­lo-Mu­si­ker fort und lan­de­te 1987 mit „Faith“ei­nen wei­te­ren gro­ßen Er­folg. Strei­ten lässt sich frei­lich über „I Want Your Sex“, der Micha­el als „schlech­tes­ter Song“des Jah­res 1988 die „Gol­de­ne Him­bee­re“ein­brach­te. Nach­ma­chen konn­te ihm der­lei rhyth­mi­sche Prä­gnanz aber kei­ner. Er wur­de viel­fach aus­ge­zeich­net, für sein So­lo­al­bum „Faith“be­kam er ei­nen Gram­my. Doch trotz Mil­lio­nen ver­kauf­ter Plat­ten ge­riet Micha­els Le­ben im­mer wie­der ins Strau­cheln. Mu­si­ka­li­sche Er­fol­ge auf der ei­nen Sei­te,

Ein Le­ben zwi­schen den Ex­tre­men

pri­va­te Skan­da­le und Ge­sund­heits­pro­ble­me auf der an­de­ren – sei­ne Fans wa­ren häu­fig in gro­ßer Sor­ge um ihn. In den 90er Jah­ren er­leb­te Micha­el vie­le per­sön­li­che Schick­sals­schlä­ge – vor al­lem der Tod sei­ner Mut­ter und sei­nes Le­bens­ge­fähr­ten stürz­ten ihn in tie­fe Kri­sen. Er ver­fiel in De­pres­sio­nen und nahm Dro­gen. Micha­el leb­te im­mer in Ex­tre­men – doch der Sym­pa­thie für ihn tat das kei­nen Ab­bruch. Be­las­tend mag für ihn, der sei­ne Rol­le als Frau­en­schwarm nach au­ßen per­fekt zu spie­len wuss­te, ge­we­sen sein, dass er sei­ne Ho­mo­se­xua­li­tät so lan­ge ver­steck­te. 1988 hat­te er nach ei­ner Fest­nah­me sein Co­m­ing Out und ging fort­an um­so of­fen­si­ver mit dem The­ma um. So er­zählt der Song „My Mo­ther Had a Bro­ther“die Ge­schich­te über ei­nen On­kel müt­ter­li­cher­seits, der am Tag von Micha­els Ge­burt Sui­zid be­ging, da er mit sei­ner Ho­mo­se­xua­li­tät nicht zu­recht­kam.

Ge­or­ge Micha­el ist tot. Aber sei­ne so kla­re Fal­sett-Stim­me bleibt und ist sei­nen Fans bis in al­le Ewig­keit „Li­ke Je­sus To A Child“. Isa­bel Step­peler

EWIG KESS WIE KEIN AN­DE­RER: Ge­or­ge Micha­el brann­te sich ei­ner gan­zen Ge­ne­ra­ti­on mit sei­nen un­ver­wech­sel­ba­ren Songs ins Ge­dächt­nis und die Her­zen. Auch wer sei­ne Mu­sik nicht lieb­te, zoll­te ihm Re­spekt. Selbst „Queen“lieb­äu­gel­ten mit ihm. Fo­tos: dpa

DREAMTEAM der 80er Jah­re: Ge­or­ge Micha­el und sein Schul­freund And­rew Rid­ge­ley schu­fen als „Wham!“Un­ver­gess­li­ches.

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