Die Schat­ten des Wahl­kamp­fes

Nach dem An­schlag von Ber­lin flam­men neue Si­cher­heits­de­bat­ten und al­te For­de­run­gen auf

Pforzheimer Kurier - - POLITIK - Von un­se­rem Mit­ar­bei­ter An­dré Stahl

Ber­lin. Die Sil­ves­ter­bot­schaft von Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel dürf­te noch ein­mal um­ge­schrie­ben wer­den. Erst vor gut ei­ner Wo­che wa­ren zwölf Men­schen bei ei­nem Ter­ror­an­schlag auf ei­nem Ber­li­ner Weih­nachts­markt ge­tö­tet wor­den – und das At­ten­tat wirft Fra­gen über die deut­sche und eu­ro­päi­sche Si­cher­heits­ar­chi­tek­tur auf. Die Ka­ko­pho­nie in der Po­li­tik zur wei­te­ren Asyl­po­li­tik lässt ah­nen, was im Wahl­jahr 2017 zu er­war­ten ist. Wenn die is­la­mis­ti­schen Ter­ro­ris­ten die li­be­ra­le Mit­te tref­fen wol­len und so den lin­ken als auch rech­ten Rand der Ge­sell­schaft stär­ken wol­len, könn­te de­ren Rech­nung auf­ge­hen. Zu­mal nach dem Ber­li­ner An­schlag des mut­maß­li­chen At­ten­tä­ters Anis Am­ri die Ter­ror­ge­fahr wei­ter hoch ist. Im­mer­hin: In so­zia­len Me­di­en über­wiegt der­zeit Be­son­nen­heit statt Hys­te­rie.

Be­son­nen­heit wahl­kämp­fen­der Po­li­ti­ker in den nächs­ten Wo­chen und Mo­na­ten, die Ber­li­ner Noch-Ko­ali­tio­nä­re von CDU, CSU und SPD ein­ge­schlos­sen, dürf­te wohl Wunsch­den­ken blei­ben. Vor ei­nem Jahr ver­tei­dig­te Mer­kel in ih­rer Neu­jahrs­an­spra­che – auch in Rich­tung Schwes­ter­par­tei CSU – ih­ren of­fe­nen Kurs in der Flücht­lings­po­li­tik. Vom „star­ken Staat“sprach die Kanz­le­rin im­mer dann, wenn sie ih­ren um­strit­te­nen Kri­sen­satz „Wir schaf­fen das“be­grün­de­te. Den „star­ken Staat“be­müh­te die CDU-Che­fin auch die­ser Ta­ge, als der Tod des mut­maß­li­chen At­ten­tä­ters Am­ri fest­stand und für Er­leich­te­rung sorg­te. Ge­meint war nun der Staat, der al­les „Men­schen­mög­li­che“zum Schutz sei­ner Bür­ger tun wer­de. Der Fall Am­ri wer­fe ei­ne Rei­he von Fra­gen auf, muss­te auch Mer­kel ein­räu­men. Schließ­lich war der 24 Jah­re al­te Tu­ne­si­er den Be­hör­den seit Mo­na­ten als is­la­mis­ti­scher „Ge­fähr­der“be­kannt – ver­schwand aber vom Ra­dar.

Die Au­f­ar­bei­tung des Fal­les steht am An­fang. Von Ge­set­zes­lü­cken ist die Re­de und von Hür­den we­gen des Klein-Kleins der Län­der. Das gibt es, aber oft wer­den Ge­set­ze schlicht nicht an­ge­wandt. Den­noch ist der For­de­rungs­ka­ta­log lang, der teils ein Déjà-vu mit frü­he­ren De­bat­ten ist. Da pocht die CSU wei­ter auf ei­ne Flücht­lings­ober­gren­ze, da wird über „Tran­sit­zo­nen“und „spe­zi­el­le Erst­auf­nah­me­ein­rich­tun­gen“ge­strit­ten. Oder es wer­den elek­tro­ni­sche Peil­sen­der für al­le „Ge­fähr­der“ge­for­dert und noch­mals schär­fe­re Asyl­ge­set­ze. Vie­les aber hat sich be­reits ge­tan – bei gleich­zei­tig sin­ken­den Flücht­lings­zah­len. Nach den Sil­ves­ter-Über­grif­fen in Köln vor ei­nem Jahr wur­den Auf­ent­halts­ge­setz und Ab­schie­be­re­geln ver­schärft. Nach den Ge­walt­ta­ten von Ans­bach und Würz­burg folg­ten wei­te­re Maß­nah­men. Im Ok­to­ber leg­te CDU-In­nen­mi­nis­ter Tho­mas de Mai­ziè­re ein neu­es Si­cher­heits­pa­ket vor. Da­mit soll auch der Druck auf Aus­län­der er­höht wer­den, die ih­re Ab­schie­bung hin­ter­trei­ben. Grün­de für Ab­schie­be­haft sol­len er­wei­tert und die Dul­dung stren­ger ge­re­gelt wer­den. Die SPD zeigt sich in­zwi­schen of­fe­ner für ei­ne här­te­re Gan­gart.

Ei­ne Mehr­heit der Be­völ­ke­rung kann Um­fra­gen zu­fol­ge auch mit ei­ner stär­ke­ren Vi­deo­über­wa­chung le­ben. Erst ver­gan­ge­ne Wo­che hat­te das Ka­bi­nett – un­ab­hän­gig vom Ber­li­ner An­schlag – ein Ge­setz ver­ab­schie­det, wo­nach pri­va­te Be­trei­ber wie Sta­di­en oder Ein­kaufs­und Ver­gnü­gungs­zen­tren die Vi­deo­über­wa­chung aus­wei­ten kön­nen. Nach der Tat des Tu­ne­si­ers Am­ri ge­winnt die De­bat­te über die bis­her von den Grü­nen im Bun­des­rat blo­ckier­te Ein­stu­fung Tu­ne­si­ens, Al­ge­ri­ens und Ma­rok­kos als si­che­re Her­kunfts­län­der auch wie­der an Fahrt. Asyl­ver­fah­ren könn­ten so schnel­ler be­ar­bei­tet wer­den. Ei­ne ra­sche Ab­schie­bung aber ist auch dann nicht ge­währ­leis­tet. Schnel­ler ab­ge­scho­ben und län­ger in Ab­schie­be­haft ge­nom­men

Ge­set­ze wur­den be­reits ver­schärft SPD zeigt sich of­fe­ner für här­te­re Gan­gart

wer­den kön­nen heu­te schon Aus­län­der – „zur Ab­wehr ei­ner be­son­de­ren Ge­fahr für die Si­cher­heit“oder „ei­ner ter­ro­ris­ti­schen Ge­fahr“. Und auch stren­ge Mel­de­auf­la­gen zur „Über­wa­chung aus­ge­wie­se­ner Aus­län­der aus Grün­den der in­ne­ren Si­cher­heit“bis hin zur U-Haft gibt es längst. Ob die von CSU-Chef Horst See­ho­fer ge­bets­müh­len­ar­tig ge­for­der­te Flücht­lings-Ober­gren­ze von jähr­lich 200 000 die Zu­wan­de­rung von Is­la­mis­ten ver­hin­dert, darf be­zwei­felt wer­den. Zu­mal auch Fäl­le ra­di­ka­li­sier­ter Ju­gend­li­cher be­kannt wur­den, die seit Jah­ren in Deutsch­land le­ben.

Elek­tro­ni­sche Fuß­fes­seln sol­len für ver­ur­teil­te Straf­tä­ter künf­tig zu­ge­las­sen wer­den, Peil­sen­der pau­schal für al­le „Ge­fähr­der“aber sind mit dem Rechts­staat kaum ver­ein­bar. Die Be­hör­den füh­ren 549 Men­schen als is­la­mis­ti­sche „Ge­fähr­der“. Ei­ne Kom­plett­über­wa­chung al­ler rund um die Uhr ist kaum mög­lich und er­for­dert meh­re­re Teams – Ex­per­ten zu­fol­ge pro Is­la­mist et­wa 40 Be­am­te. Kaum an­zu­neh­men, dass nun 22 000 Ob­ser­vie­rer ab­ge­stellt wer­den. Mehr Per­so­nal und Geld sind aber nö­tig. Nach dem Tod Am­ris sag­te Mer­kel: „Dort, wo Be­darf für po­li­ti­sche oder ge­setz­li­che Ve­rän­de­run­gen ge­se­hen wird, wer­den wir not­wen­di­ge Maß­nah­men in­ner­halb der Bun­des­re­gie­rung zü­gig ver­ab­re­den und um­set­zen.“Ei­ne sol­che Zu­sa­ge dürf­te auch in ih­rer Sil­ves­ter­bot­schaft nicht feh­len.

KA­ME­RAS ALS ABSCHRECKUNG: Ei­ne Mehr­heit der Deut­schen kann Um­fra­gen zu­fol­ge auch mit ei­ner stär­ke­ren Vi­deo­über­wa­chung le­ben. Fo­to: dpa

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