Wie­der da­bei: Tschai­kow­skys „Schwa­nen­see“beim Ma­ri­ins­ky-Gast­spiel in Ba­den-Ba­den

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

Die Ge­fahr, dass das Pu­bli­kum sich an die­sem Bal­lett der Bal­let­te satt­se­hen könn­te, ist ge­ring. Zu üp­pig ist die Au­gen­wei­de, die das Werk und sei­ne zeit­los gül­ti­ge Um­set­zung bis heu­te bie­ten. Und zu rüh­rend ist die Ge­schich­te um die zar­te, in ei­nen Schwan ver­zau­ber­te Prin­zes­sin Odet­te, de­ren Er­lö­sung durch Lie­be schei­tert, weil Prinz Sieg­fried heim­tü­ckisch durch ih­re bö­se Dop­pel­gän­ge­rin Odi­le zum Treue­ver­rat ver­führt wird.

1895 wur­de „Schwa­nen­see“nach ei­ner un­glück­li­chen Urauf­füh­rung am Mos­kau­er Bol­schoi-Thea­ters erst in Sankt Pe­ters­burg zu ei­nem bahn­bre­chen­den Er­folg. Der gro­ße Cho­reo­graf Ma­ri­us Pe­ti­pa schuf da­bei die er­zäh­len­den hö­fi­schen Ak­te, wäh­rend sein Kol­le­ge Lew Iwa­now für die „wei­ßen Ak­te“im jen­sei­ti­gen Reich der Schwä­ne ver­ant­wort­lich war. Ih­re weg­wei­sen­de Dop­pelCho­reo­gra­fie wur­de erst 1950 von Kon­stan­tin Ser­ge­jew in die gül­ti­ge Form ge­fasst, die sich bis heu­te im Re­per­toire der Ma­ri­ins­ky-Com­pa­gnie ge­hal­ten hat – al­len Ve­rän­de­run­gen zum Trotz, die das Stück in­zwi­schen welt­weit er­fah­ren hat.

Die ein­zi­ge Ab­wei­chung, die sich Ser­ge­jew ge­gen­über der Fas­sung von Pe­ti­pa/Iwa­now er­laub­te, be­traf das Fi­na­le. Wäh­rung frü­her der treu­lo­se Sieg­fried mit Odet­te im Schwa­nen­see er­trank, ließ Ser­ge­jew ihn über den bö­sen Zau­be­rer tri­um­phie­ren. Die sta­li­nis­ti­sche Ära um 1950 moch­te den he­roi­schen Un­ter­gang des Hel­den und sei­ne an­schlie­ßen­de himm­li­sche Er­lö­sung nicht dul­den und ver­lang­te den Sieg des mo­ra­lisch Gu­ten über die Mäch­te der Fins­ter­nis so­wie die Apo­theo­se des glück­lich ver­ein­ten Lie­bes­paa­res. Bei­de Schluss-Va­ri­an­ten ge­hö­ren al­ler­dings heu­te zur gän­gi­gen Auf­füh­rungs­pra­xis.

An­de­re Be­ar­bei­tun­gen des Wer­kes gin­gen ent­schie­den wei­ter. So rück­te et­wa John Ne­u­mei­er 1976 das Bal­lett in die Nä­he des Mär­chen-„Ki­ni“Lud­wig II., Mats Ek mach­te aus der Ge­schich­te 1987 die psy­cho­lo­gi­sche Stu­die ei­nes Prin­zen mit Mut­ter­kom­plex, und am Ba­di­schen Staats­bal­lett war das Werk 2005 in der Cho­reo­gra­fie von Christopher Wheel­don als Traum zwi­schen Fan­ta­sie und Wirk­lich­keit zu se­hen. Der Sub­stanz des Stü­ckes konn­ten auch die­se Um­deu­tun­gen nichts an­ha­ben.

Selbst wo Ins­ze­nie­rung und Cho­reo­gra­fie des Ma­ri­ins­ky-„Schwa­nen­see“un­ver­rück­bar sind, er­fährt die Auf­füh­rung doch durch die wech­seln­de Be­set­zung der Par­ti­en im­mer wie­der neue Ak­zen­te, die von der Per­sön­lich­keit der In­ter­pre­ten be­stimmt wer­den – wie jetzt auch in Ba­den-Ba­den. In der tech­nisch wie sti­lis­tisch höchst an­spruchs­vol­len Dop­pel­rol­le der Odet­te/Odi­le be­geis­tert Vik­to­ria Te­resh­ki­na in wir­kungs­voll ab­ge­setz­ten Stu­di­en des Wei­ßen wie des Schwar­zen Schwans. Der ele­gi­schem, be­tont ly­ri­schen Ge­bär­de und zar­ten An­mut der ver­ra­te­nen Odet­te setzt sie die glä­ser­ne Käl­te der fal­schen Odi­le ent­ge­gen und ab­sol­viert die un­end­lich ge­hal­te­nen, atem­be­rau­ben­den Ad­a­gePas­sa­gen der ei­nen so si­cher und mus­ter­gül­tig wie die be­rüch­tig­ten 32 Fou­et­tés und bril­lan­ten Kom­bi­na­tio­nen der an­de­ren. Das Pu­bli­kum ho­no­rier­te die­se no­to­ri­schen Bra­vour­stü­cke mit hin­ge­ris­se­nem Bei­fall.

Wie so häu­fig in den ro­man­ti­schen Bal­let­ten kommt auch im „Schwa­nen­see“der Prinz ne­ben der Prot­ago­nis­tin cho­reo­gra­fisch ein we­nig zu kurz. Bis auf ver­ein­zel­te vir­tuo­se So­li (na­ment­lich im Pas de deux mit dem Schwar­zen Schwan) bleibt er auf vor­neh­me Al­lü­re und sou­ve­rä­ne Hilfs­diens­te für die Bal­le­ri­na be­schränkt. Xan­der Pa­rish, als ge­bo­re­ner En­g­län­der ei­ner der sel­te­nen Nich­tRus­sen in der Ma­ri­ins­ky-Com­pa­gnie, wird die­ser Auf­ga­be mit no­bler Zu­rück­hal­tung und ver­läss­li­cher Kom­pe­tenz ge­recht. Spek­ta­ku­lä­re Kunst­stü­cke von akro­ba­ti­scher Per­fek­ti­on ser­viert da­ne­ben Ya­ros­lav Bai­bord­in als Hof­narr mit sprü­hen­der ko­mö­di­an­ti­scher Ener­gie, Kon­stan­tin Zverev ist ein Zau­be­rer ef­fekt­vol­ler Dä­mo­nie und Sos­lan Ku­laev ein drol­lig schus­se­li­ger Er­zie­her. Ma­kel­lo­se En­sem­bleLeis­tun­gen prä­gen die gro­ßen Sze­nen der präch­ti­gen hö­fi­schen Ta­bleaus und vor al­lem der „Wei­ßen Ak­te“mit ih­ren (32!) Schwä­nen, die die heik­len For­ma­tio­nen und Über­gän­ge von Krei­sen, Li­ni­en, Dia­go­na­len und Quar­tet­ten mit gran­dio­ser Ak­ku­ra­tes­se um­set­zen. Glän­zend auch die ein­ge­streu­ten Di­ver­tis­se­ments der ob­li­ga­ten Na­tio­nal­tän­ze, der wun­der­ba­re Pas de trois der „Freun­de des Prin­zen“(Ya­na Se­li­na, Na­dezh­da Ba­toeva, Phil­ipp St­epin) oder der sehn­lich er­war­te­te und freu­dig be­ju­bel­te Auf­tritt der ent­zü­cken­den „Vier jun­gen Schwä­ne“.

Bra­vo­stür­me und ra­sen­der Ap­plaus quit­tier­ten das fa­bel­haf­te Spit­zen­ni­veau die­ses Abends, der wie ein Blick in das Mus­ter­buch des klas­si­schen Tan­zes an­mu­tet und dem das vor­züg­li­che Ma­ri­ins­ky-Orches­ter un­ter Ale­xei Rep­ni­kov mit der herr­li­chen Par­ti­tur von Tschai­kow­sky ei­ne klang­li­che Di­men­si­on gab, die be­deu­tend mehr war als nur Be­gleit­mu­sik. Rü­di­ger Krohn

AUF HOCHGLANZ POLIERT ist Jahr um Jahr das Gast­spiel des Ma­ri­ins­ky Bal­letts zu Weih­nach­ten in Ba­den-Ba­den. Und fast im­mer ist Tschai­kow­skys „Schwa­nen­see“da­bei, denn oh­ne das Pa­ra­de­stück ist das Fest kein Fest. Fo­to: Na­ta­sha Ra­zi­na

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