Die Rad­fah­re­rin und das Heil­was­ser

Das Darm­städ­ter Lan­des­mu­se­um prä­sen­tiert Rei­se­pla­ka­te aus der Zeit um 1900

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

Theo­dor Fon­ta­ne war ge­nervt vom auf­blü­hen­den Tou­ris­mus. „So ge­wiss in al­ten Ta­gen ei­ne Wet­ter­un­ter­hal­tung war, so ge­wiss ist jetzt ei­ne Rei­se­un­ter­hal­tung. ‚Wo wa­ren Sie in die­sem Som­mer?‘, heißt es von Ok­to­ber bis Weih­nach­ten. ‚Wohin wer­den Sie sich im Som­mer wen­den?‘, heißt es von Weih­nach­ten bis Os­tern; vie­le Men­schen be­trach­ten elf Mo­na­te des Jah­res nur als ei­ne Vor­be­rei­tung auf den zwölf­ten, nur als die Lei­ter, die auf die Hö­he des Da­seins führt.“Die­se Zei­len des Dich­ters sind noch heu­te ak­tu­ell, sie stam­men von 1873.

Frei­lich setz­te der Mas­sen­tou­ris­mus erst ei­ni­ge Zeit spä­ter ein. Der Wett­streit um die Gäs­te aber war be­reits ent­facht. Mit gro­ßen Pla­ka­ten warb man schon vor 1900 um die Gunst der Ur­lau­ber. Heu­te ist das Rei­se­pla­kat völ­lig ver­schwun­den, ab­ge­löst von Pro­spek­ten, Zeit­schrif­ten, Fern­se­hen und In­ter­net. Doch das Hes­si­sche Lan­des­mu­se­um in Darmstadt be­sitzt ei­ne um­fang­rei­che Samm­lung von rund 12000 Pla­ka­ten, da­von sind et­wa 1 000 Stück aus der Zeit vor, um und nach 1900.

Jetzt zeigt das Mu­se­um bis 22. Ja­nu­ar nächs­ten Jah­res ei­ne kon­zen­trier­te Aus­wahl von 88 Rei­se­pla­ka­ten, die von et­wa 50 Künst­lern ent­wor­fen wur­den, dar­un­ter Pio­nie­re der Pla­kat­kunst wie Alp­hon­se Mu­cha. Lu­ci­an Bern­hard, Lud­wig Hohl­wein und Ju­li­us Klin­ger. Der Aus­stel­lungs­ti­tel „Ge­stal­te­te Sehn­sucht“ver­weist dar­auf, dass das Rei­sen im­mer im Kopf be­ginnt. Folg­lich muss­ten die Pla­ka­te nicht nur groß sein, ih­re Bot­schaft muss­te auch ein­präg­sam sein und so­fort ins Au­ge sprin­gen.

Der mo­der­ne Pla­kat­ge­stal­ter soll­te mög­lichst „Psy­cho­lo­ge sein, der den Durch­schnitts­men­schen an­regt“, mein­te Ju­les Ché­ret. Der Fran­zo­se muss­te es wis­sen, schuf er doch knapp 1 200 Pla­ka­te. Be­kannt sind sei­ne „Ché­ret­tes“, je­ne Bil­der mit ei­ner ver­gnüg­ten, ele­gan­ten, selbst­be­wuss­ten und vor al­lem jun­gen Frau. Ché­rets Pla­kat „Bal au Mou­lin Rouge“von 1889 warb für das be­rühm­te Ver­gnü­gungs­vier­tel in Pa­ris, das einst nur ein Dorf war, in dem et­li­che Müh­len zum Mah­len von Korn oder zum Pres­sen von Trau­ben stan­den. Doch bei Ché­ret tra­gen die Esel kei­ne Mehl­sä­cke mehr, son­dern fri­vo­le Da­men. Ge­schickt lässt er die Sil­hou­et­te der al­ten Müh­le auf­leuch­ten, die nun als Tanz­lo­kal dient. Die Müh­le weist in Form ei­nes ro­ten Pfei­les auf den Na­men des Lo­kals und den Ort hin. Ché­ret war es auch, der ei­ne wich­ti­ge tech­ni­sche Neue­rung aus En­g­land über­nahm und ver­fei­ner­te. Statt wie bis­her 25 zent­ner­schwe­re Li­tho­gra­fiestei­ne ein­zeln ein­zu­fär­ben, kam er mit vier, spä­ter so­gar mit nur drei St­ei­nen aus. Das er­leich­ter­te nicht nur die Ar­beit, son­dern re­du­zier­te auch die Farbaus­wahl – und die si­gnal­haf­te Wir­kung trat in den Vor­der­grund. Gut zu ver­glei­chen ist das an Hu­go d’Alé­sis Rei­se­pla­kat von der im­po­san­ten Al­pen­re­gi­on um Zer­matt, das noch auf­wen­dig mit vie­len St­ei­nen und Far­ben ge­druckt wur­de.

An­re­gun­gen für die Mo­ti­ve hol­te man sich nicht nur von der Land­schaft, ih­ren Bau­ten und ih­rer Ge­schich­te, son­dern auch von be­rühm­ten Kunst­wer­ken. So lehnt sich ein Pla­kat von 1896, ent­wor­fen von ei­nem un­be­kann­ten Künst­ler na­mens P. W., an Edouard Ma­nets Skan­dal­ge­mäl­de „Das Früh­stück im Grü­nen“von 1863 an. Nur mit dem Un­ter­schied, dass nicht ei­ne nack­te Frau zwi­schen zwei be­klei­de­ten Män­nern sitzt, son­dern ei­ne be­klei­de­te Rad­fah­re­rin beim Pick­nick ih­ren et­was ein­fäl­tig er­schei­nen­den Be­glei­ter ver­füh­ren will. Der merkt nichts von ih­rem ge­spitz­ten Kuss­mund und dem an­ge­bo­te­nen Rot­wein, schnitzt er doch flei­ßig Buch­sta­ben in den nächs­ten Baum – frei­lich kein Lie­bes­be­kennt­nis mit Her­zen und Initia­len, son­dern Wer­bung für die Fahr­rä­der von Sei­del & Ne­u­mann in Dres­den. Mit sol­chen an­züg­lich-ka­ri­ka­tur­haf­ten Ide­en ei­ner „mann­stol­len Ho­sen­trä­ge­rin“und ei­nes un­be­darf­ten Jüng­lings konn­te man noch 1896 um Auf­merk­sam­keit hei­schen. Chris­ti­an Hu­ther

MACHT LUST AUFS KÜHLE NASS: Lu­ci­an Bern­hards Pla­kat für das „See­bad Zop­pot (vor 1910). Fo­to: VG Bild Bonn

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